The Routledge Companion to Jazz and Gender

James Reddan, Monika Herzig, Michael Kahr (Hg)

The Routledge Companion to Jazz and Gender


Routledge. New York, London, 2023

498 Seiten, ca 33 Euro e-book

ISBN 978-3-95755-670-7

Dieser Reader wird auf Englisch veröffentlicht, in der Sprache der internationalen Jazzforschung. Sie ist anglo-amerikanisch geprägt.
Für deren deutsch-sprachige Sektion stellt er eine insofern eine Errungenschaft dar, als zwei der Herausgeber aus ihr stammen.
Die Pianistin Monika Herzig zog es in den 90ern von der Schwäbischen Alb an die Indiana University in Bloomington, wo sie seit etlichen Jahren unterrichtet.
Michael Kahr aus der Steiermark, gleichfalls Pianist, leitet das Jazzinstitut an der privaten Gustav Mahler Universität in Klagenfurt.
James Reddan, der Amerikaner in diesem Trio, ist Assistenzprofessor an der Western Oregon University und dort zuständig für „Choraktivitäten“ und „Musikerziehung“. Er würzt wie wenige andere unter den 46 AutorInnen seine Kurzbio mit den Formen seines Personalpronomens („he/him/his“). Das geschieht am Ende des Buches, kurz vor dem Index, der Zweck leuchtet an dieser Stelle (nicht mehr) ganz ein.
Wieder andere spoilern ihre Beiträge mit einem persönlichen Bekenntnis. Unter ihnen ragt Michael Kahr wortwörtlich hervor:
„Ich schreibe aus der Perspektive eines weißen, cis-gender, heterosexuellen Mannes aus der Mittelschicht, was mir ermöglicht hat, an der Jazzausbildung und dem anschließenden Berufsleben als Jazzpianist und -pädagoge teilzuhaben, ohne geschlechtsbedingte Nachteile zu erfahren. Da ich jedoch während meiner Studienzeit Zeuge mehrerer Vorfälle von Diskriminierung gegenüber Kollegen wurde - leider ohne mein persönliches Potenzial als Katalysator für Veränderungen zu erkennen -, ist dieses Kapitel allen Befürwortern von Vielfalt und Gleichberechtigung im Jazz gewidmet“.
Kann man sich vorstellen, dass Biologen in einem Reader ihre Beiträge ähnlich einleiteten?
Indes, hier geht es nicht um Sex, also das biologische Geschlecht, hier geht es schon ausweislich des Titels um Gender, die soziale Konstruktion und hauptsächliche Wahrnehmungsform von Geschlecht. Von diesem Phänomen - so erfahren wir aus dem Vorwort - seien derzeit rund 50 verschiedene Varianten in der Debatte.

Entwarnung vorweg, keiner der 38 Essays strebt bis in die letzte Verästelung der Geschlechter-Identitäten; vorwiegend geht es um die Großgruppen „cis-gender männlich“ und „cis-gender weiblich“; mit anderen Worten: um Männer bzw. Frauen, die sich gemäß ihres bei Geburt dokumentierten Geschlechtes verhalten, sei dies nun in hetero- oder homosexueller Praxis.

Und allein dort gibt es bekanntlich genügend Defizite oder auch Probleme.
Die meistzitierte Künstlerin in dem Band ist Terri Lyne Carrington mit 24 Nennungen (Carla Bley kommt auf 9). Das ist kein Zufall. Die Schlagzeugerin leitet in Boston das „Berklee Institute for Jazz and Gender Justice“. Und das verfolgt ganz ähnliche Ziele wie das Herausgeberteam hier:

„Ziel ist es, das Konstrukt von Gender in allen Formen des Jazz, der Jazzkultur, der Jazzgeschichte, der Intersektionalität von Geschlecht und Rasse sowie der Bildung zu identifizieren, zu definieren und zu hinterfragen, um den Diskurs über dieses wichtige Thema im Zusammenhang mit den sich verändernden kulturellen und gesellschaftlichen Normen weltweit zu gestalten und zu verändern“.

---wird fortgesetzt
erstellt: 04.12.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten