London Jazz News markiert den Anfang einer forlaufenden Story
(„…to be continued“).
Und zeigt die designierte Vizepräsidentin der USA in einem Jazzkontext:
Harris Hutcherson
2011 an der Seite von Bobby Hutcherson, anlässlich der Verleihung des Preises für das Lebenswerk des Vibraphonisten durch SF Jazz.
 Harris gehörte damals zum Beirat der Organisation in San Francisco.
LJN-Autor Sebastian Scotney verlinkt mit der Rede von Kamala Harris vom 7. November (worin Jazz nicht vorkommt) und knüpft daran die Hoffnung, sie möge in Zukunft „den Wert des Jazz“ sehen.
London Jazz News sekundiert dies mit einem Tweet von einem gewissen Brad Faberman, in dem schon eine erste Fährte erkennbar wird. Demnach beziehen sich die Vornamen der beiden Kinder von Kamala Harris (Cole und Ella) auf John Coltrane und Ella Fitzgerald.
Das klingt bedeutender als es ist. Cole und Ella sind keine leiblichen Kinder der Ex-Justizministerin von Kalifornien. Ihr Ehemann, der Rechtsanwalt Douglas Emhoff, hat sie vor sechs Jahren mit in die Ehe gebracht.
Die NZZ wirft in einem gut informierten Harris-Porträt die für viele vermutlich viel wichtigere Frage auf: welchen Titel darf Emhoff ab dem 20. Januar 2021 für sich in Anspruch nehmen?
Die Gattin, soviel ist klar, wird Madam Vice President heissen.
Aber Emhoff?
Die NZZ ist unsicher, ob er ´Second Gentleman´, in Anlehnung an den traditionellen Titel der ´Second Lady´" genannt werden wird.
Oder doch „First Gentleman“?

erstellt: 11.11.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


 

Wer auch immer ihm das Wort geführt hat (vermutlich war er es selbst) -
der Video-Appell von Till Brönner zeigt einen anderen Kommunikator als den, den man aus zahlreichen verrutschten Interviews (erst jüngst wieder in der RP) mit leiser Herablassung abzubuchen sich angewöhnt hat.
Wenn´s ums Ganze geht, wählt Brönner die richtigen Worte. Im Großen & Ganzen jedenfalls, und gewiss gewinnender als Dieter Hallervorden bei der „Alarmstufe Rot“-Demo in Berlin.
Seine Klage über die kommenden Restriktionen ist auch die eines Jazzmusikers, aber sie weist doch weit darüber hinaus, sie sieht diesen als Teil der gesamten Kulturwirtschaft und addressiert deshalb nicht die Kulturstaatsministerin, sondern den Bundeswirtschafts-
minister.
Dass die Branche nicht, wie Brönner behauptet, eine Wertschöpfung von 130 Milliarden Euro hat, sondern „schätzungsweise 100,5 Milliarden“, wie der Monitoringbericht Kultur und Kreativwirtschft 2019 ausweist, fällt ebenso wenig ins Gewicht wie die eine oder andere schwülstige Formulierung.
Viel wichtiger, dass er die „Organisationsfrage“ stellt, wenn auch mit einem gewagten Vergleich:
„Wir in der Veranstaltungs- und Kulturbranche sind noch immer zu leise, weil wir keine ernst zu nehmende Gewerkschaft haben. Und das rächt sich jetzt! Wer ist es, der der Politik stellvertretend im Nacken sitzt, wie der Lokführer-gewerkschafts-Boss Claus Weselsky der Deutschen Bahn - und das mit nur 9000 Mitgliedern."
Gewichtiger wäre der Hinweis gewesen, dass - um mal wieder auf den Konzertbetrieb im Engeren zurückzukommen, und damit auf die Erwerbsquelle Nummer 1 vieler Künstler und ihrer Vermarkter - dieser Bereich eben nicht zu den Hotspots für Infektionen bekannt ist.
Was Brönner nicht wissen konnte: heute kommt dazu eine Meldung in der SZ über die empirische Untersuchung der Universitätsmedizin Halle (Saale) bei einem Konzert des Popmusiker Tim Bendzko mit dem Tenor „Konzerte bleiben möglich - wenn man es richtig anstellt“.

 erstellt: 29.10.20
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Das Rumoren dauerte schon eine ganze Weile.
Anlässlich des Todes von Gary Peacock (am 04.09.20) nahm es die Form einer Frage an: wo bleibt, nach dem Trauerzeichen von Jack DeJohnette, das des Bandleaders einer der bedeutendsten Jazzbands, wo bleibt die Kondolenz von Keith Jarrett?
Ein großer Beitrag in der New York Times von heute, 21.10.20, enthält auch diese nicht, dafür aber eine Nachricht, die viele schockieren wird:
Keith Jarrett wird vermutlich nie mehr live auftreten.
Und ebensowenig überhaupt Klavier spielen können, zumindest auf dem Niveau, wie es vielfältig dokumentiert ist.
„Ich fühle mich im Moment nicht wie ein Pianist“, sagt er in einem Gespäch mit der NYT.
Sein letztes Konzert war im Februar 2017 in der Carnegie Hall.
Kurz vor dem nächsten dort, geplant für März 2018, erlitt er einen Schlaganfall, drei Monate später einen weiteren.
Die Zeit von Juli 2018 bis Mai 2020 verbracht er in einem Pflegeheim.
Erste Versuche an einem Piano endeten kläglich: „Ich habe so getan, als wäre ich Bach mit einer Hand“.
Beim Probieren mit vertrauten Bebop-Stücken, jüngst in seinem Heimstudio, musste er feststellen, dass er sie vergessen hat.
Keith Jarrett Rose Anne Colavito
"Wenn ich zweihändige Klaviermusik höre, ist das sehr frustrierend, auf eine körperliche Art und Weise. Schubert hören oder etwas, das leise gespielt wird, halte ich nicht aus. Denn ich weiß, dass ich das gar nicht mehr schaffe.
Und es steht nicht zu erwarten, dass ich das jemals wieder kann. Das Äußerste, was ich von meiner linken Hand erwarte, ist möglicherweise die Fähigkeit, eine Tasse zu halten.

Es geht also nicht darum ´Schiessen Sie auf den Pianisten´. Sondern, ich wurde bereits angeschossen. Ah-ha-ha-ha-ha.“
Die neuerliche Beeinträchtigung ist wesentlich gravierender als sein Leiden am chronischen Erschöpfungssyndrom in der zweiten Hälfte der 90er Jahre. Ein Zeichen der Überwindung der Krankheit war seinerzeit das Album „The Melody at Night with you“.
Sein jüngstes Album, das dieser Tage erscheint, datiert von 2016, „Budapest Concert“.
Keith Jarrett, 75 Jahre alt, gebietet über ein Werk, dem er voraussichtlich nichts mehr hinzufügen, das er nur noch edieren kann.
Gegenüber der NYT läßt er keinen Zweifel, dass er die Wertung der Außenwelt über seine kanonische Bedeutung für die Gattung teilt, ja die Latte sogar noch höher hängt:
"Ich fühle mich wie der John Coltrane der Klavierspieler. Alle, die nach ihm das Horn spielten, zeigten, wieviel sie ihm schuldig waren. Aber es war nicht ihre Musik. Es war einfach eine imitierende Sache."

Foto: Anne Rose Cavalito/ECM
erstellt: 21.10.20
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Einmal in der BILD-Zeitung - ist das nicht der Traum eines jeden deutschen Jazzfestivals?
Einmal in BILD, aber selbstverständlich ohne sich auf dem Weg dorthin zu verbiegen, anzubiedern oder sonstwie seine Seele zu verkaufen.
Die Jazztage Dresden, deren Ruf im ganzen Lande gewiß noch steigerungsfähig ist, haben es geschafft: und nicht nur bis BILD online.
Sie haben sich mittwegs eine scharfe Rüge von Karl Lauterbach verdient, der auf dem Festivalgelände „einen völlig unethischen Menschenversuch“ erkannt zu haben meint.
Mehr noch, im Jubiläumsjahr (20) ist dem Festival sogar der Sprung in die ersten Meldungen von Spiegel Online gelungen: „Eintrittskarte fürs Superspreading-Event“.
Selbstredend, nicht irgendeine*r der eingeladenen Musikgäste hat diesen gewaltigen Stein ins Wasser geworfen, nicht mal der des Verschwörungserzählerischen verdächtigte Redner Daniele Ganser, sondern das völlig neuartige und vorerst nur in der Landeshauptstadt Sachsens eingeführte Instrument namens „freiwillige Infektionsgruppe“.
Diese besteht aus jeweils 10 Mitgliedern, sie wird spontan durch den Ticketentscheid für einen Bereich gebildet, in dem - im Gegensatz zu anderen Bereichen des Raumes - Mund-Nasen-Schutz nicht verpflichtend ist.
„Diese Zehnergruppen sind freiwillige Infektionsgruppen. Mit dem Kauf Ihres Tickets neben anderen Personen erklären Sie sich mit der Platzierung innerhalb der Infektionsgruppe einverstanden.“ (O-Ton Jazztage Dresden)
Immerhin, wer sich infiziert, weiß hinterher von wem. Im übrigen hat er, wie der Festivalchef Kilian Forster gegenüber dpa sagt, quasi höherwertig gehandelt:
"Wir haben an die Eigenverantwortung der Besucher appelliert, schließlich ist Kultur auch seelische Nahrung.“
Die Praxis im Ostra-Dome zu Dresden hebt sich damit maximal ab von der in der Philharmonie Köln. Zum gleichen Zeitpunkt (bei Brad Mehldau) fanden sich dort Paare an weit auseinander liegenden Punkten plaziert, ein jeder/eine jede hatte links und rechts jeweils drei freie Sitze, sowie jeweils eine freie Reihe davor und dahinter. Mund-Nasen-Schutz, verpflichtend.
Mit ihren „freiwilligen Infektionsgruppen“ folgten die Jazztage Dresden offenbar einer sehr spezifischen Auslegung der Anweisung "Bildung von Infektionsgemeinschaften aus Hausständen" durch die Stadt Dresden.
Deren Verwaltung reagierte nun und drohte mit Entzug der Genehmigung:
„Die Bildung sogenannter freiwilliger Infektionsgemeinschaften ist ausdrücklich nicht im Sinne der Landeshauptstadt Dresden.“ (bei SpiegelOnline).
Die Frist zur Bewerbung für das Unwort des Jahres läuft am 31. Dezember ab.
Gegenüber 2019 („Klimahysterie“) ist „freiwillige Infektionsgemeinschaften“ eine Rakete.

erstellt: 27.10.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


gary peacockDie Nachricht kommt nicht völlig überraschend (auch weil eine Bestätigung zunächst ausblieb).
Sie kommt gleichwohl mit einem ganz furchtbaren timing inmitten der Feiern für einige Hochbetagte: Herbie Hancock 80 (12.04.), Wayne Shorter 87 (23.08.), Sony Rollins 90 (07.09.), Steve Swallow 80 (04.10.).
Und sie fügt sich in ein Jahr, das - gefühlt - so viele prominente ver-
storbene Jazzmusiker aufweist wie selten zuvor.
Joachim Ernst Berendt/Günther Hues-
mann nennen ihn in ihrem Jazzbuch „einen der intuitivsten und intensivsten ´Hörer´ unter den Bassisten, mit einem bedingungslosen Willen, alles im Moment zu geben, und einer - auch im Jazz - seltenen Bereitschaft, sich mit tiefem Vertrauen in unbekanntes musikalisches Terrain vorzuwagen.“
Vermutlich haben sie mit dieser Charakterisierung die Zeit vor Keith Jarrett im Blick (die Arbeit mit Albert Ayler, Paul Bley, aber auch Bill Evans) wie auch über drei Jahrzehnte im Keith Jarrett Trio, im Prinzip ausgelöst durch sein eigenes Album „Tales of Another“ (1977), personell ein Vorläufer des Jarrett Trios (1983-2014).
Ganz sicher haben sie mit dem „Hörer“ einen Aspekt angesprochen, den Peacock vor 3 Jahren in einem Interview in einer sehr unprätenziösen, für einen Jazzmusiker frap-
pierenden Weise so ausdrückt:
„Ich bin nicht hinter einer Aussage oder meiner Identität als Bassist oder Improvisator her. Es geht nicht um mich. Es geht um die Musik. Es geht um meine Verantwortung, an einem bestimmten Ort zu sein, an dem andere Menschen etwas teilen, genießen und fühlen können.“
Dabei war das Instrument, das er mit Eleganz, ja Schönheit und stets unaufdringlicher Präsenz zu bedienen wusste, gar nicht mal erste Wahl.
Peacock hatte Schlagzeug und Piano gespielt, als er als amerikanischer Soldat im Nachkriegsdeutschland (Frankfurt und Dortmund) von jetzt auf gleich den Kontrabass zur Hand nehmen musste.
Er fand Gefallen daran. Und vielleicht, weil ihm das instrumentale Gegenüber aus eigener Praxis vertraut war, sind so viele seiner Aufnahmen mit Piano Trios entstanden.
Ja, die meisten mit Keith Jarrett, aber über drei Jahrzehnte parallel dazu, seit 1983, auch hoch-poetische mit Marc Copland. 2018 feiert der in reinen Klavierfassungen den Komponisten Gary Peacock, unter dem Titel eines Stückes seiner früheren Ehefrau Annette Peacock, „Gary“.
Scheu, ja beinahe mit philosophischer Tiefe stand er dem gegenüber, was er da an Schönheit in die Welt entlassen hatte:
„Wenn ich sage: das habe ich geschrieben, dann bin ich mir gar nicht sicher, was ich damit meine“.
Gary Peacock, geboren am 12. Mai 1935 in Burley/Idaho, starb am 4. September 2020 im Alter von 85 Jahren in seinem Haus in upstate New York. Eine Todesursache wurde nicht bekannt gegeben.

PS: lesenswerter Nachruf von Marc Copland auf Gary Peacock bei LondonJazzNews

Foto: Roberto Masotti, ECM

erstellt: 06.09.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten