Johanna kriegt den Pott

Johanna Summer 1Ob die Piano-Aktivitäten von Johanna Summer einen „Preis für innovative Jazzmusiker“ (Pressemitteilungen) rechtfertigen, darüber dürfte unsere kleine Welt wahrlich geteilter Meinung sein.
Es hängt davon ab, was man unter „innovativ“ und/oder „Jazzpiano“ versteht.
Die eher „philharmonisch“ ausgerichtete Abteilung zeigte sich von ihren Schumann-Adaptionen aufs Entzückteste angetan; im Herbst will Summer diesen Pfad unter dem kongenialen Titel „Resonanzen“ mit Bach, Schubert, Beethoven, Tschaikowski e tutti quanti bestücken.
Der „neue Stern am Pianohimmel“ (so der Label-Kollege Joachim Kühn aus dem fernen Ibiza) dürfte anderseits mit zwei „amtlichen“ Referenzen jüngst auch das Lager der Skeptiker aufweichen, nämlich einmal durch ein Duo mit Pablo Held und zum anderen ein Konzert mit Jonas Burgwinkel und Seamus Blake im Stadtgarten, Köln.
Ob der Jazz Pott den Diskurs befeuern wird, steht dahin, aber jedenfalls erhält die Wahl-Berlinerin Johanna Summer mit obiger Begründung die Auszeichnung, die 1988 von Viktor Seroneit († 2011) und Nikolaus Troxler begründet wurde.
Sie erfolgt zum 25. Mal und ist mit 2.000 Euro dotiert, die wiederum der Essener Kabarettist Hagen Rether spendet.
Das Konzert der Preisträgerin - aufteilt in eine Solo-Performance („Resonanzen“) und ein Trio - findet am 25.09. im Essener Grillo-Theater statt.

Foto: Gregor Hohenberg/ACT
erstellt: 24.06.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Matthias Winckelmann, 1941-2022

Eine Zeitlang in den 70ern, aber eben doch nur einen Wimpernschlag in der Geschichte des Jazz, belieferten zwei E-Labels Kopf an Kopf von München aus den Rest unserer kleinen Welt mit Tonträgern aus deutschen Presswerken: ECM, gegründet 1969, Enja, gegründet 1971.
Spätestens Ende November 1975 war das Rennen gelaufen (wenn es denn entgegen dem Anschein je eines gewesen war), als nämlich dem einen in Form des „Köln Concert“ einen Dukatenesel aufzustellen gelungen war.
„My Favourite Songs - The Last Great Concert“ von Chet Baker firmierte zwar Enja-intern scherzhaft als „unser Köln Concert“, konnte aber weder historisch und schon gar nicht kommerziell im Vergleich bestehen. Das war 1988. Da hatten sich die beiden Enja-Gründer, Horst Weber (1934-2012) und Matthias Winckelmann, zwei Jahre zuvor getrennt und die weitere Betreuung der Künstler des inzwischen stattlichen Label-Kataloges per Los untereinander aufgeteilt.
Matthias WinckelmannGestartet hatten sie ihr Unternehmen (neben den damals üblichen 20.000 DM, geborgt von Vater Winckelmann) mit dem szene-typischen Kapital aus Begeisterung und Engagement, als Fans.
Der European New Jazz stand zwar eingangs auf dem Türschild, und es fanden sich auch Namen wie Albert Mangelsdorff, Dusko Goykovich und Alexander von Schlippenbach unter den ersten Veröffentlichungen. Die Premiere des Labels aber fand mit Mal Waldron statt, dem damals in München lebenden US-Pianisten: „Black Glory“ (seltsamerweise über die gesamte A-Seite mit einem Stück namens „Sieg Haile“. Man würde den dezidierten Anti-Faschisten Weber gerne noch einmal darauf befragen.)
Dann kam und blieb für viele Jahre Dollar Brand/Abdullah Ibrahim. Es kamen Elvin Jones, Archie Shepp, Cecil Taylor, Eric Dolphy, Bennie Wallace (was für eine Aufregung 1978), der frühe John Scofield, der frühe Gary Thomas - Enja Records lief rund als schöner Gemischtwarenladen, ohne homogenes Klangbild, ohne optisches Corporate Design wie die lokale „Konkurrenz“.

In den 80ern schaute ein junger Mann namens Stefan Winter vorbei, lernte sein Handwerk bei Enja und zog dann mit besonders aufwändig gestyltem Katalog eigene Bahnen.
Those were the days. Weber zog sich mehr und mehr zurück, seinen Anteil führt seit 2001 Werner Aldinger fort. Später auch den von Winckelmann.
Der bleibt nicht nur als Produzent & Talentscout, sondern auch als Gastgeber in Erinnerung (kolportiert wird, dass letztere Rolle oft die Voraussetzung für erstere schuf).
Gerne auch als gefragter Interview-Partner, als einer, der dem Fragesteller den Eindruck vermittelte, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Unvergessen, wie er unsereins einmal die harte Auslese unter US-Jazzmusikern schilderte (von -Innen konnte noch kaum die Rede sein), gegenüber denen aus der deutschen Mittelschicht, die es ihnen erlaubt, die finale Berufsentscheidung lange hinauszuschieben…
Matthias Winckelmann, geboren am 7. April 1941 in Berlin, aufgewachsen in Frankfurt am Main, starb am 19. Juni 2022 in einer Münchner Klinik an den Folgen einer Operation. Er wurde 81 Jahre alt.

Foto: Ralf Dombrowski/enja
erstellt: 20.06.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Wolfgang Reisinger, 1955-2022

wolfgang reisinger 1Es war in einem Wiener Kaffehaus, heute früh, wo uns die Nachricht durch einen Gast überbracht wird: Wolfgang Reisinger, einer der großen (soviel Pathos ist erlaubt), einer der großen Jazzsöhne der Stadt, ist tot.
Sofort springen intensive, ja elekrisierende Erinnerungen auf: 1984, Moers Festival, noch in der alten Eissporthalle, Airmail mit Wolfgang Puschnig, as, Harry Pepl, g (1945-2205), Mike Richmond, b und Reisinger.
Ein Quartett, die Erinnerung trügt nicht, das kompetenter swingte als die meisten Amerikaner auf dem Festival.
Dann, natürlich, das Vienna Art Orchestra.
Noch impulsiver, eben dort 1987, die Pat Brothers mit Linda Sharrock, voc, Wolfgang Mitterer, keyb, Wolfgang Puschnig und Reisinger, eine der frühen Begegnungen, nein Konfrontationen von Jazz & Elektronik, in manchen Aspekten bis dato unerreicht.
Reisinger kommt von den Wiener Sängerknaben, er hat mit US-Jazzmusikern wie Dave Liebman gespielt.
Man ist geneigt, aus dieser biografische Klammer seine einzigartige Position zu destillieren: amerikanisches Handwerk, amerikanische time, europäisches Formbewußtsein, europäische Vielfalt.
Dave Liebman bringt es auf den Begriff: im Grund sei Reisinger ein Komponist, der zufällig als Schlagzeuger arbeite.
In nuce: er hat die Errungenschaften eines Jack DeJohnette europäisch ausformuliert. Viele Musiker, viele Hörer haben ihn dafür gefeiert.
Wer seine Discografie nimmt, kann an ihrem Zeitstrahl seit den frühen 80ern über mehrere Jahrzehnte Höhepunkte des österreichischen sowie des europäischen Jazz ablesen. Dazu Ausflüge in die ganz moderne Klassik mit Luciano Berio und den Londoner Sinfonikern.
Wolfgang Reisinger, geboren am 16. Juli 1955 in Wien, starb dortselbst am 8. Juni 2022 an den Folgen eines Aneurysma, er wurde 66 Jahre alt.

erstellt: 09.06.22
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Köln 75 ... und wen spielt Ulrich Tukur?

Ethan Iverson, meinungsfreudiger Ex-Pianist von The Bad Plus, hat die Nachricht wohl nicht richtig gelesen.
Jedenfalls twittert er:
„Jarrett als dramatisches Thema für einen modernen Film? Da fällt mir die Kinnlade runter!“
Ja, Köln 75, soviel ist korrekt, handelt natürlich von den berühmt-berüchtigten Umständen von Keith Jarretts Köln Concert, in der Kölner Oper am 24. Januar 1975.
Mala EmdeTatsächlich aber tritt in diesem Film eine Person von hinter dem Vorhang auf die (Film)Bühne.
Die Meldung bei Variety lautet korrekt:
„Köln 75 erzählt die wahre Geschichte von Vera Brandes, die 1975 im Alter von 17 Jahren das berühmte Köln Concert des Jazzmusikers Keith Jarrett inszenierte, das zum meistverkauften Jazz-Soloalbum aller Zeiten wurde“.
Brandes wird im Film von der deutschen Schauspielerin Mala Emde ("Charité") dargestellt, die Rolle des Keith Jarrett übernimmt der Amerikaner John Magaro.
Die Dreharbeiten beginnen noch in diesem Jahr. Regisseur ist der aus Israel stammende Ido Fluk, produziert wird der 110 Minuten lange Spielfilm von der Berliner Company One Two Films.
Und da einstweilen wenig mehr bekannt ist als die Besetzungsliste, darf man raten, wessen Rolle denn wohl Ulrich Tukur übernehmen wird?
Die des Klavierstimmers?
Die des Produzenten Manfred Eicher?
Wenn letzterer, dann wird man Tukur und Magaro unbedingt in einem Renault R4 sehen müssen.
In diesem Gefährt machten sie sich bekanntlich auf den Weg aus der Schweiz in die Domstadt, um besser an den Reisespesen zu partizipieren.

Foto Martin Kraft, CC BY-SA 4.0
erstellt: 01.06.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

 

 

SWR Jazzpreis 2022 geht an … Petter Eldh

SWR Preis Eldh 1Preisträger 2022 ist der 1983 in Göteborg geborene und seit 2009 in Berlin lebende Bassist Petter Eldh (der häufig aber auch fröhlicher dreinschaut).
Als Bassist hat er sich einen ersten Ruf erworben, zunächst bei Schweeweiß & Rosenrot, vor allem aber ab 2008 im Django Bates Trio Beloved Bird.
Seitdem gibt´s kein Halten mehr.
Eldh ist nicht mehr nur einer der meist-beschäfigten Bassisten des europäischen Jazz, er ist ein Stilist, und in rasant zunehmendem Maße auch als Komponist, Arrangeur, Remixer und Produzent ein Ton Angebender.
An fast allen seiner Projekte lässt sich der Puls der Jazz-Gegenwart messen.
Der SWR Jazzpreis, initiiert von Joachim-Ernst Berendt, ist der älteste Jazzpreis Deutschlands und wird in diesem Jahr zum 42. Mal vom Land Rheinland-Pfalz und vom Südwestrundfunk vergeben. Er ist mit 15.000 Euro dotiert.
Die Preisverleihung und das Konzert mit dem Preisträger und seinem Trio Enemy (Kit Downes, James Maddren) finden im Rahmen des Festivals "Enjoy Jazz" am 10. Oktober 2022, ab 20 Uhr im Kulturzentrum dasHaus in Ludwigshafen statt.
erstellt: 13.05.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Deutscher Jazzpreis 2022

Vokal: Fola Dada
Holzblasinstrumente: Gebhard Ullmann
Blechblasinstrumente: Shannon Barnett
Piano / Keyboards: Pablo Held
Gitarre: Ferenc Snétberger
Bass: Robert Landfermann
Schlagzeug / Perkussion: Oliver Steidle
Besondere Instrumente: Aly KeïtaDeutscherJazzpreis logo 480x305Künstler des Jahres: Charlotte Greve
Band des Jahres: Punkt.Vrt.Plastik
Großes Ensemble des Jahres: Trickster Orchestra
Blasinstrumente international: Emile Parisien
Piano / Keyboards international: Sylvie Courvoisier
Saiteninstrumente international: Linda May Han Oh
Schlagzeug / Perkussion international: Marilyn Mazur
Künstler des Jahres international: Michael Mayo
Band des Jahres international: Sons of Kemet
Album Instrumental des Jahres: Nils Wogram – Muse
Album Vokal des Jahres: Efrat Alony – Hollywood Isn´t Calling
Debüt-Album des Jahres: Magro – Trippin
Rundfunkproduktion des Jahres: WDR 3 / States of Play: Sonifikation
Album Instrumental des Jahres international: Charles Lloyd & the Marvels – Tone Poem
Album Vokal des Jahres international: Gretchen Parlato – Flor
Debüt-Album des Jahres international: Tijn Wybenga & AM.OK – Brainteaser
Spielstätte des Jahres: Stadtgarten Köln
Festival des Jahres: XJAZZ! Festival
Komposition des Jahres: Rebecca Trescher – Paris Zyklus | The Spirit of the Streets
Arrangement des Jahres: Tilo Weber – Se la mia morte brami
Journalistische Leistung: Andrian Kreye
Lebenswerk: Ernst-Ludwig Petrowsky
Sonderpreis der Jury: Sebastian Gramss‘ HARD BOILED WONDERLAND – Music Resistance

Wer die Preisverleihung zum Deutschen Jazzpreis 2022 schaut, tut das immer noch mit Genugtuung, dass dadurch die Zeiten des Echo Jazz überwunden sind.
Die Aufgeregtheiten der Premiere im vergangenen Jahr sind reduziert, die Dauer sogar um die Hälfte, ohne dass man sagen könnte, die Feier habe schon eine Form gefunden.
Ein Schwenk in die nicht voll besetzten Metropol-Theater-Ränge in Bremen widerspricht der Beobachtung der Co-Moderatorin Hadnet Tesfai („die deutsche Szene hat sich ´rausgeputzt): Nominierte, Preisträger und Entourage flezen sich im üblichen Räuberzivil, pardon casual look.
Die meisten Ausgezeichneten werden zügig im Videoschnitt durchgeblättert, nur wenige müssen sich dem Risiko stellen, auf der Bühne gaanz plötzlich Dankeschön zu müssen.
Emile Parisien, der wohl eloquenteste Sopransaxophonist des Jazz der Gegenwart, schlittert auf diesem Gebiet einher. In seinem Wortstrudel klingt noch das Drei-Buchstaben-Label an, das ihn vertritt und welches früher auf Auszeichnungen abonniert war.
Der Deutsche Jazzpreis hat mit dieser Echo-Unsitte gebrochen, manchen Entscheidungen von Vor- und Hauptjury ist sogar eine Portion Mut nicht abzusprechen:
Robert Landfermann als Bassis des Jahres, (im Vorjahr war er noch Eva Kruse unterlegen), Punkt.Vrt.Plastik als „Band des Jahres“ - chapeau!
Der Deutsche Jazzpreis betont und belohnt Zeitgenossenschaft (nicht immer überzeugend und nicht immer ohne hippe Momentstimmung, wie könnte es bei Juryentscheidungen anders sein?).
Struktur-konservative Jazzkreise (in die wir hineinhorchen, aus denen wir aber nicht zitieren dürfen) sehen sich dadurch ausgegrenzt. Sie reagieren zum Beispiel verbittert auf die späte Ehrung von „Luten“ Petrowsky, 88 - und übersehen, das ihm der Albert Mangelsdorff Preis bereits 1997 überreicht wurde.
Der Frauen-Anteil (wie man früher zu sagen pflegte) rückt auch hier der dort schon praktizierten „Gleichstellung“ nahe, jedenfalls ist er viel höher als ihr Anteil an den Ausübenden (wie man sich heute ´rausreden kann), nämlich 20 Prozent.
Das kann man als Fortschritt sehen. Der aber auch eine unangemessene Seite hat: Marilyn Mazur in „Schlagzeug/Perkussion international“ vor Nasheet Waits und einem Neuerer wie Chris Dave, das klingt nach einer Neuauflage der Eva Kruse-Groteske vom letzten Jahr.
Lukasheva 2022 1

 Der Kölner Bassist Sebastian Gramss war dreimal nominiert, ausgezeichnet immerhin zweimal: für ein in der Tat avanciertes musikalisches Projekt in der Kategorie „Rundfunkproduktion des Jahres“.
Zudem und vor allem und unter großer Geste auf der Bühne, für eine Ansammlung sozialkritischer Splitter, die fraglos seit dem 24. Februar 2022 in einem anderen Licht erscheint (eindrücklich personifiziert durch die aus Odessa stammende Sängerin Tamara Lukasheva).
Der nunmehr auch spenden-aktivierende Teil des Projektes steht außer Frage, seine Überschrift aber - Music Resistance - signalisiert einmal mehr die Bereitstellung eines ruhigen Gewissens, ohne die eine Veranstaltung so vieler Gutmeinender nun einmal nicht auskommen kann.

erstellt: 28.04.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

PKs in Mo & Mo…

…pardon, diese Mini-Alliteration dürfen wir uns einfach nicht entgehen lassen.
Zumal die bewegende Kraft hinter Wandel & Ortswechsel einer Festivalkonzeption, vom linken zum rechten Rheinufer, ein und dieselbe Person ist: Reiner Michalke, Chef des Moers Festivals 2006-2016, nunmehr in derselben Funktion für die Monheim Triennale tätig.
2021 gab es, Pandemie-bedingt, als Vor-Echo ein Triennale-Prequel, jetzt folgt, vom 22. bis 26. Juni 2022, das Festival in der Hauptsache. Geografisch schon am Ziel, an Rheinkilometer 714, aber noch nicht am endgültigen Ort, der Kulturraffinerie K714. Sondern einstweilen wieder auf einem Ausflugsschiff, der Rhein Galaxie, die derzeit noch in den Niederlanden im Dock den letzten Schliff erhält.
Die Programm-Pressekonferenzen von Mo & Mo könnten gegensätzlicher nicht sein.
MT2022 Pressekonferenz niclasweber 13Während man sich am linken Niederrhein als Moersland begrifflich und visuell in Schräglage bringt, tagt die PK Monheim Triennale erneut im „Goldenen Hans“. Das klingt nach Heinz Strunks „Goldenem Handschuh“, ist mit Sicherheit weit weniger gefährlich, teilt mit dem Hamburger Etablissement vermutlich aber die Inneneinrichtung von Sperrmöbel-Charme.
In diesem Ambiente nennt der Bürgermeister der Stadt, Daniel Zimmermann, 39, auf die Frage nach dem Budget des Festivals die Zahl 1.5 Mio. Er tut das so leise, dass der Fragesteller um erneute Nennung bittet.
1.5 Mio Euro für ein Festival (alle drei Jahre), und das in einer Stadt, die von der Einwohnerzahl her nicht mal die Hälfte von moersland ausmacht. Aber schuldenfrei ist.
(Was 21 Stadtkämmerer in den Gemeinden ringsum nicht so erfreulich finden, weshalb sie sich gegen die Ursache des MO-Reichtums, die geringen Gewerbesteuern, zusammengeschlossen haben.)
Im Gegensatz zu Mo (linksrheinisch) ist der Bürgermeister der leiseste im „Goldenen Hans“.
Im Gegensatz zu Mo (linksrheinisch) sitzt der Festivalleiter in Mo (rechtsrheinisch) aufrecht, er spricht zurückhaltend und überlässt weitgehend einem der 16 eingeladenen Künstler das Wort, die mit „Signature“-Projekten eingeladen sind.
Es ist Shahzad Ismaily, Schlagzeuger, Gitarrist, Keyboardspieler aus New York, der schon zu Michalkes Moerser Zeiten präsent war. Er macht die Pressekonferenz zu seiner Sache, genauer: zu einer Performance, gegen die niemand im Raum Einwände hatte, denn niemand dürfte zuvor wohl eine solche Pressekonferenz erlebt haben.
Ismaily schildert eindrücklich, wie und warum er, ein Mensch von last-minute-Entscheidungen, die Einladung in Form des Freibriefes „dream!“ gar nicht erfüllen konnte.
Eigentlich weiß er noch immer nicht, was er in ein paar Wochen auf der „Rhein Galaxie“ von seinen Träumen umsetzen soll - lässt zugleich aber niemanden im Unklaren, dass ihm sicher etwas einfallen wird.
Und sei es, dass er sich in den Kreis der anderen 15 „Signature“-Künstler begibt.


MT2022 Pressekonferenz niclasweber 5Zwei von ihnen erklärten dazu bereit. Sie waren per Stream zugeschaltet:
die Sängerin Sofia Jernberg aus Stockholm und die DJane (ist das so korrekt?) Hibo Elmi aus Kampala. Uganda.
Hibo (Foto) verblüfft mit umwerfenden Humor. Sie habe eine Stunde an der Internetverbindung gebastelt, denn, you know „I live in the future“.
Dann übernimmt weitgehend Shahzad die Regie.
Er war schon letztes Jahr in Monheim, er schildert die Vorzüge des Ortes, die man aus dem „Goldenen Hans" nicht  so recht erkennen kann. Er mag die Menschen hier, er mag die Deutschen insgesamt (sie seien sehr spontan), er hat tolle Erfahrungen mit Schülern vor Ort.
Das alles summiert sich zu einem Plädoyer für Musik, worin auch Evolutionstheoretiker die „social bonding“-Funktion von Musik bestens untergebracht sähen.
Und damit´s ihm (und uns) nicht zu langweilig wird, fordert er gezielt PK-Besucher auf, ihm eine Frage zu stellen, zum Beispiel die Dame mit der pinken Bluse in der ersten Reihe.
Die Monheim Triennale zeichnet sich als ein Festival  in konkreten Umrissen ab, bei dem die Beteiligten nicht an- und wieder abreisen, ohne die anderen erlebt zu haben. An dem, das zeigt sich auch beim Blättern im Programm, große Signaturen nicht allein von den „Signature“-Künstlern zu erwarten sind, sondern auch aus der Riege der von jenen Mitgebrachten.
Bei Sofia Jenberg z.B. wirkt auch Peter Evans, tp, mit, eine Attraktion aus sich selbst. Und das Ensemble Resonanz, „eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen“.
Das wird nicht erwähnt, das muss man online nachlesen.

erstellt: 11.05.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Charnett Moffett, 1967-2022

Heiri Kaenzig, Schweizer Basslegende, hat jüngst seine Fraktion als „Diplomaten“ bezeichnet. Wie jene wirkten die Bassisten im Hintergrund und vermittelten zwischen Rhythmus- und Melodiegruppe eines Ensembles.
Dieses Bonmot fällt einem bezüglich Charnett Moffett sogleich ein, er war in diesem Sinne - amerikanisch gesprochen - Diplomat „on a grand scale“, von Kenny Garrett bis Tony Williams, von Ornette Coleman bis Branford und Wynton Marsalis, nicht zu vergessen 16 Alben unter eigenem Namen, zuletzt „Round the World“ (2020).
Moffett, Sohn des Schlagzeuger Charles Moffett (1929-1997), war ein Mann für viele Gelegenheiten, seine Diskographie umfasst mehr als 150 Produktionen. Zuletzt sah man ihn vermehrt an der Baßgitarre.
In den letzten Jahren litt an einer Nervenerkrankung.
Charnett Moffett, geboren am 10. Juni 1967 in New York City, erlag am 11. April 2022 in Standford/CA einem Herzinfarkt. Er wurde nur 54 Jahre alt.

erstellt: 14.04.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Deutsche Jazz Union stellt sich neu auf

Chapeau!
Die Deutsche Jazz Union hat sich eine neue Führung gegeben.
Und obwohl sie in puncto Geschlecht, regionaler Abstammung, politischer Gewichtung, kurzum: in allen brisanten Diskursparametern ausgeglichen ist wie sonst was - gibt es daran zunächst nüscht zu bekritteln!
Anette von EichelDas beginnt schon an der Spitze. Auf Nikolaus Neuser (der im Vorstand verbleibt) folgt Anette von Eichel.
Das ist nicht nur von der Genderei her korrekt, sondern manifestiert auch die akademische Dimension der deutschen Jazzausbildung.
Seit 2010 hat Frau von Eichel eine Professur für Jazzgesang an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, seit 2021 ist sie obendrein Dekanin der Fachabteilung Jazz und Pop, bis dato die Kaderschmiede der deutschen Jazzausbildung.
In kulturpolitischen Gremien dürfte das schon von der Anmutung her „nicht ganz schlecht“ (um mal wieder Marcel Reif zu bemühen) ankommen.
Wie gesagt, Nikolaus Neuser verbleibt im Vorstand, Felix Falk ebenso.
Und wenn wir das nicht ganz falsch sehen, sind POP, People of Color, mit den Sängerinnen Gabriele Maurer (Mannheim) und Johanna Schneider (Essen) repräsentiert. Erstere tippt in ihrem mission statement noch dazu das Signalwort „Diversität“ an.
Ganz spannend ist die Ost-West-Achse besetzt, mit Robert Lucaciu aus Leipzig und Janning Trumann aus Köln.
Lucaciu („Jazz ist links“) will „unbedingt die divergierenden Anforderungen zwischen ländlichem und urbanem Raum“ berücksichtigen. Er trifft hier auf das CDU-Mitglied Trumann - dessen Parteizugehörigkeit in der immer schon links-grünen Szene der Domstadt noch nie aufgefallen ist.
Wohl aber, mit welchem Geschick und Erfolg Trumann (der aus der niedersächsischen Provinz stammt) in der urbanen Kulturpolitik agiert. Er sitzt im Kulturausschuß der Stadt Köln, spielt Posaune in etlichen Bands, betreibt ein Label und verantwortet demnächst erneut die Cologne Jazz Week.
Ein solches Maß an praktischer Erfahrung, gewonnen in Parteigremien wie auch in der Initiative Kölner Jazzhaus e.V. (auch dort sitzt er im Vorstand), dürfte den mitunter mit divers-luftigem Aktionismus gefüllten Ballon der DJU näher am Boden des kulturpolitisch Einsichtigen halten.

erstellt: 09.05.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Jazz Grammys 2022

Best Improvised Jazz Solo
"Sackodougou" — Christian Scott aTunde Adjuah, soloist
"Kick Those Feet" — Kenny Barron, soloist
"Bigger Than Us" — Jon Batiste, soloist
"Absence" — Terence Blanchard, soloist
"Humpty Dumpty (Set 2)" — Chick Corea, soloist


Best Jazz Vocal Album
Generations — The Baylor Project
SuperBlue — Kurt Elling & Charlie Hunter
Time Traveler — Nnenna Freelon
Flor — Gretchen Parlato
Songwrights Apothecary Lab — Esperanza Spalding


Best Jazz Instrumental Album
Jazz Selections: Music From And Inspired By Soul — Jon Batiste
Absence — Terence Blanchard feat. The E Collective And The Turtle Island Quartet
Skyline — Ron Carter, Jack DeJohnette & Gonzalo Rubalcaba
Akoustic Band LIVE — Chick Corea, John Patitucci & Dave Weckl
Side-Eye NYC (V1.IV) — Pat Metheny


Best Large Jazz Ensemble Album
Live At Birdland! — The Count Basie Orchestra Directed By Scotty Barnhart
Dear Love — Jazzmeia Horn And Her Noble Force
For Jimmy, Wes And Oliver — Christian McBride Big Band
Swirling — Sun Ra Arkestra
Jackets XL — Yellowjackets + WDR Big Band


Best Latin Jazz Album
Mirror Mirror —Eliane Elias With Chick Corea and Chucho Valdés
The South Bronx Story — Carlos Henriquez
Virtual Birdland — Arturo O'Farrill & The Afro Latin Jazz Orchestra
Transparency — Dafnis Prieto Sextet
El Arte Del Bolero — Miguel Zenón & Luis Perdomo

erstellt: 05.04.22

Adelhard Roidinger, 1941-2022

RoidingerWer ihm begegnet ist, hält seine markanten Gesichtszüge in Erinnerung,
wer ihn gehört hat, seinen muskulösen Bass-Sound.
In den 70er und 80er Jahren fand man ihn an der Speerspitze vieler europäischer Jazzprojekte,
mit Wolfgang Dauner, mit Hans Koller, aber auch mit Außereuropäern in Europa,
mit Anthony Braxton oder Yosuke Yamashita.
Er war, wie es dort heißt, „outspoken“, also um Worte nicht verlegen, ein dankbarer Interviewpartner.
Auch war ihm Angst vor neuen Technologien fremd (wie später ebensowenig Angst vor Mikrotonalität).
1984 entwarf er ein „Computer & Jazz Project I“. Auf dem Cover, ganz im Stile der Zeit,
ward der gesamte Fuhrpark aufgeführt, darunter auch ein Apple IIe.
Das Resultat klang so gänzlich anders nicht, darunter Zappel-ostinati  und keyboard-Flächen,
die Bässe führte er in einer Mischung aus Eberhard Weber und Jaco Pastorius.
Zuletzt bediente er einen siebensaitigen Tenorbass.

In Erinnerung bleibt er nicht nur als als Baß-, sondern auch und Jazz-Pädagoge; die von ihm gegründete Jazzabteilung an der Anton Bruckner-Universität in Linz/A leitete er bis 1994. Weniger bekannt, dass das Studium von Jazz-Bass (1962-65) und Jazz-Komposition (1968-73) in den ersten sieben Jahren begleitet wurde vom einem Studium der Architektur, gleichfalls in Graz. Und so lief denn auch der Hochschultätigkeit in Linz eine solche an der TU Graz voran.
Seine räumlichen Vorstellungen machten dabei auch nicht vor dem Jenseitigen halt. Seine Webseite fächert seine Orientierungen in neun Bereichen auf, darunter solche mit zweifelsfrei esoterischer Perspektive.
Adelhard Roidinger, geboren am 28. November 1941 in Windischgarsten (Oberösterreich) starb, wie erst jetzt bekannt wurde, überraschend am 22. April 2022 in seiner Wohnung in Wien. Er wurde 80 Jahre alt.

erstellt: 02.05.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten

Ron Miles, 1963-2022

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Er gehörte nicht zu den Instrumentalkollegen mit der „Feuerwehr-Spritze“, die, wie Eberhard Weber das kennzeichnen würde, die das Blaue vom Himmel spielen.
Sein Ton, oft auf dem Kornett, trocken, verhalten, brüchig. Weit weg von dem, mit dem man ihn der Namensgleichheit wegen verwechseln könnte.
Miles gehörte zu den Melodikern.
"Wenn man einen Ron Miles-Song richtig spielt, muss man im besten Fall weinen", sagt Pianist Jason Moran nun gegenüber National Public Radio (NPR).
"Denn die Songs waren voll. Ich vergleiche es mit der Art, wie John Coltrane 'Lonnie's Lament' gemacht hat. Er wusste, wie man die Freude in einer Melodie findet, und er wusste, wo das Herz in ihr steckt. Selbst in dem Moment, in dem man sie spielt, überkommt es einen einfach. Eine Menge Musik, die wir spielen, hat das nicht, sie hat es einfach nicht“.
Jason Moran gehört zum Personal von Miles´ letztem Album „Rainbow Sign“ (2020), seinem zwölften.
Darauf auch zwei seiner Langzeitpartner, Brian Blade, dr, und Bill Frisell, g.
Letzterem schickte er eine Bewerbungscassette, sein erstes Album mit ihm war „Quartet“, 1997.
Beide haben - wenn auch in zeitlichem Abstand - die gleiche High School in Denver besucht. Miles kam aus Indianapolis im Alter von 11 Jahren dorthin, die Eltern hielten die Luft in Colorado für besser angesichts seiner Asthma-Erkrankung.
Miles versuchte sich zunächst in Elektrotechnik, wechselte dann zur Musik in Boulder/CO, seinen Master machte er an der Manhattan School of Music, kehrte dann aber wieder nach Denver zurück.
Für jemanden aus der (Jazz)Provinz hat er eine erstaunliche Karriere gemacht.
Ronald Glen „Ron“ Miles, geboren am 9. Mai 1963 in Indianapolis ist am 8. März 2022 in Denver verstorben. Die Ursache ist eine seltene Bluterkrankung. Er wurde  58 Jahre alt.

Foto: Elliot Ross
erstellt: 08.03.22
©Michael Rüsenberg, 2022. Alle Rechte vorbehalten