gary peacockDie Nachricht kommt nicht völlig überraschend (auch weil eine Bestätigung zunächst ausblieb).
Sie kommt gleichwohl mit einem ganz furchtbaren timing inmitten der Feiern für einige Hochbetagte: Herbie Hancock 80 (12.04.), Wayne Shorter 87 (23.08.), Sony Rollins 90 (07.09.), Steve Swallow 80 (04.10.).
Und sie fügt sich in ein Jahr, das - gefühlt - so viele prominente ver-
storbene Jazzmusiker aufweist wie selten zuvor.
Joachim Ernst Berendt/Günther Hues-
mann nennen ihn in ihrem Jazzbuch „einen der intuitivsten und intensivsten ´Hörer´ unter den Bassisten, mit einem bedingungslosen Willen, alles im Moment zu geben, und einer - auch im Jazz - seltenen Bereitschaft, sich mit tiefem Vertrauen in unbekanntes musikalisches Terrain vorzuwagen.“
Vermutlich haben sie mit dieser Charakterisierung die Zeit vor Keith Jarrett im Blick (die Arbeit mit Albert Ayler, Paul Bley, aber auch Bill Evans) wie auch über drei Jahrzehnte im Keith Jarrett Trio, im Prinzip ausgelöst durch sein eigenes Album „Tales of Another“ (1977), personell ein Vorläufer des Jarrett Trios (1983-2014).
Ganz sicher haben sie mit dem „Hörer“ einen Aspekt angesprochen, den Peacock vor 3 Jahren in einem Interview in einer sehr unprätenziösen, für einen Jazzmusiker frap-
pierenden Weise so ausdrückt:
„Ich bin nicht hinter einer Aussage oder meiner Identität als Bassist oder Improvisator her. Es geht nicht um mich. Es geht um die Musik. Es geht um meine Verantwortung, an einem bestimmten Ort zu sein, an dem andere Menschen etwas teilen, genießen und fühlen können.“
Dabei war das Instrument, das er mit Eleganz, ja Schönheit und stets unaufdringlicher Präsenz zu bedienen wusste, gar nicht mal erste Wahl.
Peacock hatte Schlagzeug und Piano gespielt, als er als amerikanischer Soldat im Nachkriegsdeutschland (Frankfurt und Dortmund) von jetzt auf gleich den Kontrabass zur Hand nehmen musste.
Er fand Gefallen daran. Und vielleicht, weil ihm das instrumentale Gegenüber aus eigener Praxis vertraut war, sind so viele seiner Aufnahmen mit Piano Trios entstanden.
Ja, die meisten mit Keith Jarrett, aber über drei Jahrzehnte parallel dazu, seit 1983, auch hoch-poetische mit Marc Copland. 2018 feiert der in reinen Klavierfassungen den Komponisten Gary Peacock, unter dem Titel eines Stückes seiner früheren Ehefrau Annette Peacock, „Gary“.
Scheu, ja beinahe mit philosophischer Tiefe stand er dem gegenüber, was er da an Schönheit in die Welt entlassen hatte:
„Wenn ich sage: das habe ich geschrieben, dann bin ich mir gar nicht sicher, was ich damit meine“.
Gary Peacock, geboren am 12. Mai 1935 in Burley/Idaho, starb am 4. September 2020 im Alter von 85 Jahren in seinem Haus in upstate New York. Eine Todesursache wurde nicht bekannt gegeben.

PS: lesenswerter Nachruf von Marc Copland auf Gary Peacock bei LondonJazzNews

Foto: Roberto Masotti, ECM

erstellt: 06.09.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


 

Das älteste deutsche Jazzfestival, das Deutsche Jazzfestival Frankfurt am Main, wird in seiner 51. Ausgabe kaum wiederzuerkennen sein.
Corona-bedingt schnurrt es auf einen Abend zusammen, wie üblich an einem seiner tradierten Spielorte, der Alten Oper.
Das Programm dort, am Mittwoch, 28.10., 18 und 20.30 Uhr, kann man nicht anders als ein asset bezeichnen. Django Bates Trio Beloved trifft auf die hr Big Band für ein Charlie Parker-Programm der Extraklasse.
Ja, vor 4 Jahren haben wir uns an dieser Stelle für dieselbe künstlerische Konstellation vorab weit aus dem Fenster gelehnt (für das Sgt Pepper Programm) - und es hinterher bereit.
Das ist diesmal anders. Das Bates Trio hat mit der schwedischen Norbotten Big Band das Programm „Tenacity“ 2013 in der Londoner Royal Albert Hall uraufgeführt; bald liegt es auf CD vor.
Und da die hr Big Band in der gleichen Liga spielt, ist ein Absturz nach menschlichem Ermessen nicht zu erwarten.
Drei Tage später, am 31. Oktober, findet das Festival seine Forsetzung - ohne Live-Publikum, ab 19 Uhr in einem Stream aus dem Hörfunkstudio II des hr, mit einem Nonett um den Frankfurter Holzbläser Maximilian Shaikh-Yousef, der Pianistin Johanna Summer (der jüngst eine fragwürdige Eloge in der Zeit wiederfuhr), sowie KUU!, die sehr punkige Band um die Sängerin Jelena Kuljic, die beiden Gitarristen Kalle Kalima und Frank Möbus - sowie Christian Lillinger.

erstellt: 24.08.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


Es soll ältere Semester geben (alte weiße Männer, so to speak), die die Todesnachricht veranlasst hat, aus ihrem Plattenarchiv zielsicher ein bestimmtes Album zu greifen:
„Dedicated to you, but you weren´t listening“ von der Keith Tippett Group.
dedicated to you but you werent listening
Nostalgiker, die sie sind, halten sie selbstverständlich nicht die CD-Version auf Repertoire Records, 1994, in Händen, sondern das LP-Original von 1971.
Für sie ein unveräußerliches Objekt, es hat mehrere Umzüge überstanden, und sie wissen genau, was sie darauf hören:
den ganzen Keith Tippett, den bedeutenden britischen Jazzmusiker in a nutshell, wie sie es damals mehr ahnten als wussten.
Einen zumindest stilistisch früh-vollendeten Pianisten, der vier Jahre, nachdem er von Bristol nach London gekommen war, hier eine Anschlußfähigkeit demonstriert, die im  britischen Jazz nicht selten, von Kontinentaleuropa aus aber immer bewundert wurde.

Als er 1967 in swinging London eintraf, war sein Ziel nicht das kommerzielle Zentrum jener Jahre, die Carnaby Street, sondern der Ronnie Scott´s Club, keine zehn Fußminuten weiter östlich in der Frith Street.
Tippett musste lernen, dass dort durch den Bühneneingang hineinzukommen, viel schwerer war, als der Provinzler sich das vorgestellt hatte.
Schon vor 1971 aber hatte er es geschafft; er war nicht nur dort, sondern auch in den Studios ein gefragter Gast, bei King Crimson, Soft Machine, Robert Wyatt, später bei David Sylvian u.a.
Dass er auch mit Peter Brötzmann arbeiten (1983, 1994) und auf FMP, einem zentralen Label der europäischen Jazz-Avantgarde, veröffentlichen wird, auch das ist - aus heutiger Perspektive - gewissermaßen als Vor-Echo auf „Dedicated to you, but you weren´t listening“ eingebrannt.
Es gibt gute Gründe, die Musik dort als Jazzrock, als FreeJazz und auch als Postbop auszugeben - nicht als Mischung in jeder Sekunde, sondern in sequentieller Ordnung. Eine sehr britische Ordnung, die aus Stimmen-Wirrwarr melodische Gedanken von pastoraler Schönheit aufsteigen zu lassen sich erlaubt.
Das Titelstück stammt vom dem „pastoral composer“, wie man ihn auf der Insel nennt, schlechthin, von Hugh Hopper (1945-2009). Diese Fassung von „Dedicated to you, but you weren´t listening“ ist ein Kunstgriff sondergleichen - sie dauert eine halbe Minute und wird lediglich von Marc Charig, cornet, und Elton Dean (1945-2006), as, gespielt. Einmal das Thema, ohne Wiederholung.
Es folgt eines der memorablen Riff-Stücke des Albums, „Black Horse“ von Nick Evans tb.
Auch der Bandleader langt in dieser Hinsicht zu: „Green and Orange Night Park“, entwickelt sich nach einer Eröffnung a la McCoy Tyner als von drei Schlagzeugern (Robert Wyatt, Bryan Spring, Phil Howard) befeuerte Riff-Rampe für Elton Dean.
Dessen Intonation, nicht selten prekär, ist hier tadellos. Sein Solo steht seinen ergreifenden Deklamationen bei Soft Machine in nichts nach.
Als sie all das mit frischen Ohren hörten, da beschlich die besagten älteren Semester keine Ahnung, aber heute hören sie die Wehmut jener Klänge als farewell. Als einen Abschied einer Epoche, die mit dem Tod von Keith Tippett vollends Historie wird.
2018, da war er lange schon wieder mit seiner Frau Julie Tippett (geborene Driscoll) von London wieder ins West Country gezogen, ereilte ihn ein Herzinfarkt, mit der Nebenfolge einer Lungenentzündung.
Musiker sammelten für ihn, im vergangenen Jahr konnte er wieder auftreten, zum Beispiel beim Manchester Jazzfestival in Mai 2019 (woher das Foto von Brian Payne stammt).
Keith Tippett 7 Manchester Jazz Festival May 2019 by Brian Payne

Keith Tippett, geboren am 25. August 1947 in Southmead/Bristol, war in den letzten beiden Jahren immer wieder zu Krankenhausaufenthalten gezwungen. Er starb am 14. Juni 2020 an einem erneuten Herzinfarkt, wie Riccardo Bergerone, ein Freund der Familie, auf Facebook mitteilt.
Keith Tippett wurde 72 Jahre alt. In ersten Stellungnahmen wird seine integrative Kraft hervorgehoben, und der meistzitierte Satz von ihm dürfte werden:
„Möge Musik niemals nur eine weitere Möglichkeit sein, Geld zu verdienen“.
Auch er führt umstandlos zurück in die Zeiten von „Dedicated to you, but you weren´t listening“.

Foto: ©Brian Payne
erstellt: 15.06.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


 

Wir alle kennen die Metapher: der Band von Miles Davis angehört zu haben, wird gerne mit dem Besuch einer Universität gleichgesetzt.
Dabei legt das Meister-Schüler-Verhältnis dort wohl eher die Vorstellung einer „Lehrzeit“ nahe, die Diskursform war so gut wie nie verbal.
Aber egal, die Uni-Metapher ist einfach zu schön, um sie fallen zu lassen.
Wie im realen Leben aber auch wird aus den Miles-Alumni Unterschiedliches.
Der Saxophonist Steve Grossman zählt zu jenen, denen der große Karrierewurf versagt blieb.
Das mag auch daran liegen, dass er lange Jahre in Bologna lebte und - wie National Public Radio in einem Nachruf etwas windschief formuiert - „am Jazz-Firmament etwas an Boden (verlor), sein Ruf unter den Saxophonisten hingegen eisern blieb“.
Steve GrossmanZum Beispiel bei Dave Liebman.
Er hält ihn für „einen unserer besten“.
Am Insider-Status änderte sich auch wenig, als Grossman 2009 in die USA zurückkehrte, weder gab es Comeback-Album noch -Show oder spektakuläres Konzert.
Doch genau dies war sein Einstand bei Miles.
April 1970, Fillmore West in San Francisco, ein 18jähriger aus Brooklyn als Nachfolger von Wayne Shorter!
(Wer sich die Dokumente von damals erneut anhört, April 1970 („Black Beauty“), Juni 1970 („Miles Davis at Fillmore“), dem stehen sogleich wieder die Haare zu Berge: Herrschaften, was war da los!
Die selbsternannten Heilande von heute, die Kamasis, die „Beat Wissenschaftler“, sie müssten drei Tage bei Wasser & Brot diese Töne hören, gerne auch als long loop).
Steve Grossman dringt mit einem Coltranesken, näselnden, fast Oboen-haften Sopransaxophon durch.
Live, vor Ort muss das so deutllich nicht zu hören gewesen sein, wie Dave Liebman, sein Nachfolger sich erinnert.
Sein positives Urteil bezieht er 2012 ausdrücklich auf dessen Miles-Zeit.
In seiner „Autobiografie“ verliert Miles so gut wie kein Wort über Grossman.
Danach verbringt er fünf Jahre bei Elvin Jones, wo er auch das Tenor herausstellt und parallel dazu seine möglicherweise glücklichste Zeit bei Stone Alliance, mit den nicht mehr nur lokalen Kumpels Gene Perla, b, und Don Alias, dr, sowie Jan Hammer, keyb.
Unter eigenem Namen veröffentlicht er mehr als zwei Dutzend Alben, überwiegend im Sektor Postbop, nichts mehr im Sektor Fusion oder gar FreeJazz (wie bei Miles), begleitet mitunter von Cedar Walton und McCoy Tyner.
Steve Grossman, geboren am 18. Januar 1951 in Brooklyan, starb - wie erst jetzt bekannt wurde - am 13. August in einem Krankenhaus in Glen Cove/New York an Herzversagen nach einer langen Krankheit.
Er wurde 69 Jahre alt.

erstellt: 19.08.20
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Foto: Marius Fiskum, 2004



 

Der Mann hat Humor.
Wenn er zum Beispiel die Geschichte erzählt, wie er zum Saxophon fand.
Das entdeckt er nämlich im Alter von zehn Jahren bei einem Onkel. Er bläst hinein - und es kommt tatsächlich ein Ton heraus. Daniel Erdmann Jazzpreis 2020
Das Instrument nimmt er gleich mit, woraufhin, wie er trocken sagt, die Karriere des Onkels beendet und seine gestartet sei.
Das war in der niedersächsischen Provinz, Daniel Erdmann ist 1973 in Wolfsburg geboren.
Als er später mit der Familie nach Washington/DC umsiedelt, wechselt er nicht nur zum Tenor, sondern lernt außer Notenlesen auch andere Erfordernisse des Big Band-Spielens, etwa einen ordentlichen Krawattenknoten zu binden.
Offener Kragen, korrekt gebundene Krawatte, das ist sein Dresscode auf der Bühne.
Sein akustisches Markenzeichen, ein ruppig gespieltes Tenor der Berliner Schule (wie er es u.a. an der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler gelernt hat) und gerne auch im Trio „Das Kapital“ ausführt, es hat sich 2015 gewandelt in einen „weichen, samtigen, warmen Saxophon-Sound“ (Erdmann), sein „Klangideal für ein Trio“, für Velvet Revolution.
Dabei darf man gar nicht an Vaclav Havel und die samtene Revolution in Prag denken, sondern an ein ungewöhnlich besetztes Trio, das in Frankreich zu Hause ist.
Neben Theo Ceccaldi, Violine, finden sich darin zwei Wahl-Franzosen: der aus England stammende, in Colmar lebende Vibraphonist Jim Hart sowie Erdmann, der seinen Wohnsitz in Reims hat.
Wer Ceccaldi und Hart vor seinem akustischen Auge hat, ahnt, dass dieses Trio wenig samt-kuschelig ausstaffiert ist.
„Mit Daniel Erdmann gewinnt ein Musiker den SWR Jazzpreis, der in vielfältigen Projekten dem europäischen Jazz neue Wege weist. Charakteristisch ist die Fülle und robuste Wärme seines Sounds, herausragend die Dringlichkeit seines Spiels“, sagt die Jury des Preises.
Die ihn damit wieder in die Mitte der Landschaft stellt, die als Jazz zweifelsfrei kartographiert ist.
Zum 40. Male wird heuer der SWR Jazzpreis verliehen, dotiert mit 15.000 Euro und gemeinsam gestiftet von der Rundfunkanstalt sowie vom Land Rheinland-Pfalz.
Das Preisträgerkonzert findet, wie üblich, im Rahmen von Enjoy Jazz statt, am 28. Oktober (dem 47. Geburtstag von Erdmann) in Ludwigshafen.

Der Preisträger tritt mit Velvet Revolution an sowie mit der Pianistin Aki Takase, einer Partnerin aus Berliner Zeiten.

Foto: Dirk Bleicher/SWR
erstellt: 22.04.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten