Wie Peter Brötzmann einmal in die Tonight Show geriet...

Gut, dass Manfred Miller (1943-2021) das nicht mehr erleben musste.
Miller hatte in jener legendären Debatte, live in der ARD an einem Freitagnachmittag (!) des Jahres 1967, die damals noch vergleichsweise neue Kunst des FreeJazz - personifiziert im Studio durch Peter Brötzmann - mit klugen Argumenten verteidigt. Und propagiert.
Und selbst dessen damaliger Kontrahent, Klaus Doldinger, würde heute die billige Brötzmann-Watschn durch den amerikanischen Late Night Talker Jimmy Fallon wohl missbilligen.
In der vergangenen Woche stellte der in einer Ausgabe seiner Tonight Show (NBC) eine „Do not play“-Liste vor:
Stücke von „realen Künstlern“, die man sich niemals anhören sollte.
Nummer zwei nach einer Sängerin namens Gnesa mit einem 9 Jahre alten Song („Wilder“) ist das 52 Jahre alte Album „Nipples“ von Peter Brötzmann.
Jimmy Fallon
Bevor er das Albumcover in Richtung Kamera hält, kann sein sidekick Steve Higgins sich schon bei der Ankündigung „German Jazz“ kaum noch halten.
Die Interpretenangabe The Peter Brötzmann Sextet/Quartet bringt beide an den Rand ihres Vorstellungsvermögens, wieviele Künstler daran beteiligt sein mögen.
Noch mehr als über den kurzen Musikausschnitt („Klingt wie ein deutschen Gitarrenladen an einem geschäftigen Samstagnachmittag“, Fallon) prustet die gesamte Mannschaft über den Titel des Albums - in den US-Medien ein sicherer Garant für einen Balken.
Toll, dass sie das Alltagswort genüßlich aussprechen dürfen, ohne das, was es bezeichnet, zeigen zu müssen: Brustwarzen. Stattdessen - das Bild wird ausgiebig gedeutet - ein Männerkopf mit Kinnbart und selbst-gedrehter Zigarette.
Die „grölende Zustimmung“, die sich für Antiintellektualismus in Amerika finden lässt (Jan-Werner Müller in der FAZ, 15.09.21), bricht sich hier fröhlich Bahn.
Das Magazin Rolling Stone empört sich: „Brötzmann ist ein angesehener Free-Jazz-Musiker mit mehr als 50 Jahren Erfahrung und Lob auf dem Buckel, und Fallon vergleicht ihn mit einer Schar von Teenagern und Versagern, die sich mühsam durch ´All Along the Watchtower´ in einem Vorort-Einkaufszentrum wühlen“.
Dem Künstler in Wuppertal ist die Sendung nicht verborgen geblieben, aufgebrachte Fans haben ihm den Clip geschickt.
"Ich kenne diese amerikanischen Fernsehsendungen nicht, aber ich weiß, dass es sich um einen seriösen Fernsehsender handelt, und so frage ich mich nach ein paar Tagen, während ich hier an meinem Küchentisch sitze, ob etwas dahinter steckt, nicht nur ein verunglückter Witz`, fügt er hinzu.
´Aber, .... wiederum... wen interessiert das schon?“ (Brötzmann gegenüber Rolling Stone)

erstellt: 15.09.21
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Ulrich Kurth, 1953-2021

Als er im April 1990 Leiter der WDR-Jazzredaktion wurde, zog eine mehr journalistische Perspektive ein.
Die entsprechende Praxis hatte er als Musikredakteur im Kabelpilotprojekt Dortmund und ab 1984 im WDR-Landesstudio Bielefeld gelernt.
Zur Arbeitsplatzbeschreibung gehörte dabei nicht nur Berichterstattung, genreübergreifend, sondern auch Widerspruch gegen den Studioleiter, ein Prachtexemplar der damals noch obwaltenden „Landesfürsten“, die die musikalische Topographie ihrer Region durch deren Chöre vollumfänglich repräsentiert sahen.
Das neue Sujet in Köln war Kurth keineswegs neu. Seine theoretische Legitimation dazu hatte er 1981 an der Universität Kiel hinterlegt, in einer Dissertation unter dem Titel „Aus der Neuen Welt: Untersuchungen zur Rezeption afro-amerikanischer Musik in der Europäischen Kunstmusik des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts“.
Der praktische, ja ausgesprochen manuelle Teil der Legitimation, an den Studienorten Bonn, Berlin, Kiel gereift bis zu einem „semi-professionellen“ Level, ging dem vorauf und kam 1979 zum Abschluß: da folgte auf seinen Posten in der Hamburger Band Stintfunk ein 18jähriger Pianist namens Hans Lüdemann.
Ab 1973 pilgerte er zu einer Veranstaltung, die er dann zwischen 1990 und 1998 backstage als Redakteur begleitet hat: das Moers Festival.
Wie sein Vorgänger (Manfred Niehaus) und seine Nachfolger (Markus Heuger, Bernd Hoffmann, Tinka Koch) hat Ulrich Kurth Clubs, Festivals und zahlreiche Künstler gefördert, manche auch mehr.
Mit seinen 10 Jahren als WDR-Jazzredakteur verbindet sich insbesondere die Karriere des Jazzkomponisten Klaus König, dessen Big Band Projekt „The Song of Songs“ 1993 beim Jazzfest Berlin uraufgeführt, und - those were the days, my friend - zuvor im „Spiegel“ umfassend gewürdigt wurde.
Uli Kurth 1

 

 

 

 

 

 

 

 

im WDR-Studio:
Ulrich Kurth, Tom Rainey, Gianluigi Trovesi, Markus Stockhausen (vlnr)
Foto: WDR/Kaiser


Er hatte Schwerpunkte, ja; aber seine generelle Linie lässt sich am besten mit einem Geri Allen-Titel wiedergeben, „Open on all Sides - in the Middle“.
Oder, in den Worten einer Kondolenz-Mail, die uns aus dem Tal erreicht: „Mit einem stillen Grinsen denke ich daran, wie er von der dogmatischen Stieseligkeit mancher Wuppertaler genervt war. Er gehörte noch zu den Leuten, denen das Sujet ein großes Anliegen war“.
Und dieses Sujet hörte einfach nicht auf, auch in-house als Anliegen verteidigt werden zu müssen. Zum Beispiel 1997 in einem herrlichen Über-die-Bande-Spiel mit der Lokalpresse gegen einen Hörfunkdirektor, dessen Dienstzimmer ihn als Rocker auswies, dem aber für die ältere, weniger populäre Nachbargattung, selbst in den Nachtstunden, das Verständis auszugehen drohte.
Ulrich Kurth war ein umgänglicher, ein beliebter, ein heiterer Mensch, und ich darf sagen: ein höchst angenehmer Chef.
1996 wurde bei ihm „MS“ diagnostiziert. Einschränkungen stellten sich zunächst kaum merklich ein; später betrieb er großen Aufwand, sie zu verbergen - er hing einfach zu sehr an seinem „Sujet“.
Anfang der 2000er Jahre beendete er sein Berufsleben als Teamchef Musik von WDR 3. Später veröffentlichte er eine Monografie über Tony Oxley (Wolke Verlag, 2011).
Die letzten sieben Jahre lebte er in einem Heim. Anfangs gelang ihm noch, im Rollstuhl den Ehrenfeldgürtel zu überqueren, ins Loft, oder zum Singen im Chor.
Dr. Ulrich Kurth, geboren am 28.09.1953 in Kaltenkirchen bei Hamburg, starb am 12. August in Köln-Ehrenfeld, im Kreise seiner Familie, wenige Wochen vor seinem 68. Geburtstag.

erstellt: 16.08.21, ergänzt: 23.08.21
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52. Deutsches Jazzfestival

Alte Oper 2020 1

Was auch immer die Pandemie erlaubt:
einen Blick in das Parkett der Alten Oper, ähnlich dem am 28.10.20, dem Eröffnungsabend des Festivals mit dem Django Bates Trio und der HR Big Band, wird es heuer nicht geben.
Die Alte Oper in Frankfurt am Main wird nicht bespielt: das 52. Deutsche Jazzfestival findet ausschließlich im HR-Sendesaal statt.
Mit Publikum, in eingeschränkter Zahl.
Mit Live-Steaming, am ersten und dritten Festivaltag.

Das Programm, ja doch, empfiehlt sich mehr als in den Vorjahren.
Den Auftakt, am 27.10., macht die Sängerin Jazzmeia Horn - angeblich „die Zukunft des Jazz“, wie sie ihrem Produzenten Larry Rosen vorkommt - mit ihrem Quartett und anschließend mit der HR Big Band.
Aus den USA gleichfalls der Schlagzeuger Antonio Sanchez (ex Pat Metheny) mit seinem semi-elektronischen Projekt „Bad Hombre“. Am selben Tag, 28.10., der Vokalakrobat Andreas Schaerer mit seinem nach dem gleichmigen Album benannten Quartett „A Novel of Anomaly“.
Am Folgetag legt das Festival eine Pause ein und erlaubt am Samstag, 30.10. eine spezifische Perspektive auf den „Young German Jazz“.

 


Fabian Dudek 4

Stolz sind die Hessen auf den Saxophonisten Fabian Dudek (der Fielmann mit verschränkten Armen); den richtigen Schliff aber hat er in Köln erhalten, von wo seine exzellenten Begleiter stammen.
Am selben Abend das derzeitige Parade-Trio aus der Domstadt, das Pablo Held Trio, in der Architektur einer Big Band, der HR Big Band, eingerichtet von Jim McNeely.
Der letzte Festivaltag, Sonntag, 31.10., ist Petter Eldh-Tag.
Zunächst geht der schwedische Bassist mit den nordisch-deutschen Saxophon-Hupen von Koma Saxo an den Start, dann wechselt er in das eher kammer-
musikalische Format mit Lucia Cadotsch´s Speak Low.
Alle Infos über das 52. Deutsche Jazzfestival hier

Foto Dudek Quartet: HR/Frank Schindelbeck
erstellt: 09.08.21

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Noch mehr Preise...

Cassandra Wilson Photo by Mark Seliger

 

 

 

Billy Hart, 80, Stanley Clarke, 70, Donald Harrison, 61, sowie Cassandra Wilson, 65, sind die NEA Jazz Masters 2022.
Sie alle erhalten die mit je 25.000 Dollar dotierte Auszeichnung des National Endowment of the Arts in den USA.
Wer an der Oldie-Parade Anstoß nimmt, verkennt den Charakter der Auszeichnung:
sie gilt ausdrücklich „Lebenswerken“.
Zu diesem Zweck nominiert das NEA seit 1982 jährlich bis zu sieben KünsterInnen; schöpft die Quote aber nicht immer aus. 2010 war mit acht eine Ausnahme, noch übertroffen von neun Namen 2011, darunter allerdings fünf aus der Marsalis Family.
Die vier von 2022 präsentieren sich am 31. März nächsten Jahres in San Francisco anlässlich des 40. Jahrestages der Jazz Masters Auszeichnung.
Wie rasch man seine Meinung dazu drehen kann, zeigt Cassandra Wilson. 

Laut Radiostation WBGO machte sich die Sängerin in den letzten Jahren mit „einer politischen Fraktion“ gemein, die, neben anderen Regierungsprogrammen, auch die Abschaffung der NEA fordert.
Nun freilich säuselt sie von „der Ehre“, die „meine Stimmung hebt“. Sie bringe "ihr große Freude in dem Wissen, dass die Musik immer weitergehen wird und dass das Beste noch vor uns liegt.“
Was man halt so schreibt, wenn man einer Peinlichkeit entkommen will.

erstellt: 21.07.21
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Foto: Mark Seliger/NEA

 

Rick Laird, 1941-2021

033 Rick Laird

Was für eine Karriere!
Sie liegt ausschließlich in der ersten Lebenshälfte des Künstlers. Und ihr Zenit beschränkt sich auf ganze drei Jahre!
Alles drumherum interessiert wenig. Alle konzentrieren sich auf diese drei Jahre, auf 1971 bis 1973.
Da gehörte er - als unauffälliger, solider sideman -  einem Meisterensemble an, das den Kurs der Jazzgeschichte entscheidend gewendet hat, in Richtung Jazzrock (oder auch Fusion Music).
Rick Laird war der Bassist im Mahavishnu Orchestra.
1982, also zur Lebensmitte, hat er den Musikerberuf aufgegeben. Aber wegen der glorreichen drei Jahre findet man auch heute noch Interviews mit ihm im Netz. Einer seiner Standardsätze (auf Standardfragen) lautet, es sei „sehr laut“ gewesen, und vorher habe er noch nie in 19/4 gespielt. „Wie zählt man eigentlich 19/4?“ fragt er dann leutselig zurück.
Ja, wie kam denn er in dieses Quintett? Wo doch die Kollegen um ihn herum schon kleine Stars waren (und durch diese Band noch größere Stars wurden)?
Der Brite John McLaughlin, noch relativ neu in New York City, zog einfach einen alten buddy aus gemeinsamen Londoner Tagen in den Mittsechzigern heran, beispielsweise aus der kurzen gemeinsamen Zeit bei Brian Auger.
Laird aber war weder Brite noch Neuseeländer, wie gern angegeben. Er ist in Dublin geboren, zog nach der Scheidung der Eltern im Alter von 16 Jahren mit dem Vater (andere sagen mit der Mutter) nach Neuseeland und wechselte dort, beeindruckt von einer Aufnahme Ray Brown´s mit Oscar Peterson, von der Gitarre zum Kontrabass.
An diesem blieb er standhaft stehen (auch gegen den Willen von Brian Auger), immerhin hatte er damit zwischen 1962 und 1964 als Hausbassist im Ronnie Scott´s Club in London gewirkt. Einen solchen Posten gibt´s heute nicht mehr, aber damals hieß das: alle durchreisenden Amerikaner begleiten.
Einer erwies sich als besonders widerspenstig: der Schlagzeuger Buddy Rich. Eineinhalb Jahre in seinem Orchestra passierte Laird wie durch eine Drehtür, immer mal wieder raus und wieder rein.
1966 ist er auf Sonny Rollin´s Filmmusik zu „Alfie“ zu hören. 1968 wechselt er zur Baßgitarre, kurz vorher hatte er sich u.a für Kontrabaß an der Berklee School of Music in Boston eingeschrieben.
Dann folgt das Mahavishnu Orchestra, das im Dezember 1973 im Streit auseinandergeht. Auf dem letzten Album „The Lost Trident Sessions“ (1999 nachgereicht) kann er ein Stück unterbringen („Steppings Tones“), das 1974 seine Bandkollegen Jan Hammer & Jerry Goodman in einer bezaubernden Variante auf ihrem Album „Like Children“ interpretieren.
1977 veröffentlicht Laird sein einziges eigenes Album „Soft Focus“, u.a. mit Joe Henderson. Er begleitet Stan Getz auf einer Europa-Tournee, ersetzt - gleichfalls on tour - Stanley Clarke bei Chick Corea, soll auch an der Seite von Jeff Beck gehört worden sein.
Er schreibt zwei Baß-Schulen. 1982 gibt er das Baßspielen auf und widmet sich vollständig einer schon lange gehegten Passion: dem Fotografieren.
Als Richard Laird.
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Ende Januar 2021 gibt seine Tochter Sophie Rose ein buchstäblich letztes Lebenszeichen:
ihr Vater ist unheilbar an Lungenkrebs erkrankt, sie bittet darum, ihm seine letzten Tage im Hospiz mit Zeugnissen aus der Vergangenheit aufzuhellen.
Richard Quentin Laird, geboren am 5. Februar 1941 in Dublin, ist am 4. Juli 2021 verstorben.
Er wurde 80 Jahre alt.

PS: Rick Laird im Victor Feldman Trio, 1965 (BBC)

erstellt: 05.07.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten

 

 

Jon Hassell, 1937-2021

Dass die Trompete heute manchmal nicht wie eine Trompete klingt, ist ein Echo seines Albums „Vernal Equinox“, 1978.
Was mit heutigem Vokabular als Ethno Jazz durchginge, erklingt dort zum ersten Mal: ein Rhythmusteppich aus brasilianischen, afrikanischen und indischen Mustern (gespielt von Nana Vasconcelos, 1944-2016), aber auch drones.
Die Trompete: mit Restbeständen des Jazz, indischer Tonalität, flirrenden elektro-akustischen Verfremdungen, ein exotisches, schwer beschreibbares Fluidum. 

Wenig später, als er diese Mischung weiter ausformuliert, u.a. mit Brian Eno, nennt er sie Fourth World Music: die Technologie aus der ersten, die meisten musikalischen Elemente aus der Dritten Welt, oder in seinen mitunter poetischen Worten: "ein einheitlicher primitiver/futuristischer Sound, der Merkmale ethnischer Weltstile mit fortgeschrittenen elektronischen Techniken kombiniert“.
Ausweislich seiner Discographie war er damit unter (im weitesten Sinne) Popkünstlern einflussreicher als im Jazz. Wohingegen sein sehr spezifischer Trompetenklang eher in letzterem, etwa bei Arve Henriksen und Nils Petter Molvaer, fortlebt.
Hassell stammt aus Memphis/Tennessee, war aber schon von seiner Ausbildung her ein Kosmopolit, u.a. mit Stationen in Indien und in Köln, bei Karlheinz Stockhausen. Das war Mitte der 60er, in einer Zeit - darauf kann kein Nachruf verzichten - als dort auch Holger Czukay und Irmin Schmidt, später Can, zu dessen Studenten zählten.
Zurück in den USA fand Hassell sich eher im Kreis der Minimalisten wie Terry Riley („In C“) und La Monte Young.
Die Mitwirkung an „My Life in the Bush of Ghosts“ brach er ab, erschien aber gleichwohl kurze Zeit später an der Seite von David Byrne bei den Talking Heads („Remain in Light“, 1980), mehrfach bei Brian Eno („Possible Musics“, 1980, „On Land“, 1982), bei Peter Gabriel, mehrfach bei Ry Cooder und sogar bei Jon Balke („Siwan“, 2009).

Hassell coverAuf seinen eigenen knapp 20 Alben verfeinerte er die Tongebung seiner Trompete, sodass auch bei ihm mitunter das Ausgangssignal in einem komplexen Klang verschwand, auf rhythmischer Ebene kam HipHop hinzu. Mit dessen Sample-Techniken hingegen stand er auf Kriegsfuß: "Jetzt sind wir im digitalen La-la-Land, nehmen eine Millisekunde oder ein paar Millisekunden von etwas, das in der digitalen Domäne ist, und machen daraus etwas anderes... es gibt kein Original mehr."
2020 muss ein hartes Jahr für ihn gewesen sein; im Studio ein Beinbruch und unter Pandemiebedingungen kaum Besuch für ein halbes Jahr. Covid 19-Risikogruppe.
Es war erneut Brian Eno (dem er einen 50-seitigen Brief geschrieben hatte), der nun einen Spendenaufruf für ihn organisierte. Das Geld soll nun u.a. dafür verwendet werden, zahlreiche Studioaufnahmen zu sichten.
Jon Hassell, geboren am 22. März 1937, starb am 26. Juni 2021 in seiner langjährigen Wahlheimat Los Angeles, „eines natürlichen Todes“, wie es aus der Familie heißt.
Er wurde 84 Jahre alt und hinterlässt ein stilistisch höchst eigenständiges Werk.
Keine große Überraschung seine Verehrung für „Bitches Brew“, woraus er freilich ganz eigene Konsequenzen gezogen hat.

erstellt: 27.06.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten

Preise. Preise. Preise

JohnDennisRenken1 cHelmut Berns

 

Der Jazz Pott geht 2021 an einen Hanseaten, an den Trompeter John-Dennis Renken, geboren 1981 in Bremen.
Dem Pott, also dem Ruhrgebiet, ist er seit 2002 verbunden, seit Beginn seines Studiums an der Folkwanghochschule für Musik in Essen, wo er heute sein Instrument auch unterrichtet.
2017 war Renken Improviser In Residence in Moers.
Er tritt solo auf, gehört zum Großensemble The Dorf und wird das Preisträgerkonzert am 19. September im Grillo Theater Essen mit seinem Quintett Tribe bestreiten.
Der Jazz Pott, 1998 begründet von Viktor Seroneit (1946-2011) und Nikolaus Troxler (Willisau/CH), wird zum 24. Male vergeben, er ist mit 2.000 Euro dotiert.
Das Preisgeld wird inzwischen vom Essener Kabarettisten Hagen Rether gespendet.

 

Luise Volkmann
Privater Initiative (und gleichfalls begründet 1998) verdankt sich auch das Horst und Gretl Will Stipendium für Jazz/Improvisierte Musik. Es ist mit 12.000 Euro dotiert und wird von der Stadt Köln organisiert.
Die Auszeichnung geht in diesem Jahr an die Saxophonistin Luise Volkmann, geboren 1992 in Bielefeld. Sie hat in Leipzig und Paris studiert und mit einem Master in Jazz-Komposition und Musikwissenschaft in Köln abgeschlossen.
Sie arbeitet an der „Etablierung einer emanzipiert genuinen Jazzkompositionsweise“.
Zuletzt hat sie dem Hippietum, verkörpert durch die Musikvorlieben ihres Vaters, ein Denkmal gesetzt („When the Birds upraise their Choir“), demnächst widmet sie sich … Sun Ra.
Preisübergabe und Konzert von Luise Volkmann am 31. August im Stadtgarten Köln.

 

Eva Klesse Copyright Peter Tuemmers
Der älteste und mit 15.000 Euro höchst-dotierte deutsche Jazzpreis, der SWR Jazzpreis, wird zum 41. Mal vergeben. Er geht an die Schlagzeugerin Eva Klesse, 35.
Handelt es sich auch hier, wie Insider raunen, um einen „Eva Kruse-Effekt“?
Immerhin hat sich erneut eine Musikerin gegen Petter Eldh (sowie die Sängerin Cymin Samawatie) behauptet.
Gemach. Mit ihrer Schlagzeug-Professur an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, ist der Preisträgerin schon von daher eine gewisse Dignität zu eigen.
Zudem erkennt sie sehr wohl die Klippen ihrer Zunft, wenn sie betont, dass es darin solche gebe, „die ihren Fokus auf rhythmische Vertracktheiten legen“.
Sie hingegen verorte sich mehr in dem „krassen ästhetischen Gegenentwurf“, wo es vielmehr „um die große Melodien und die ganz emotionalen und starken Statements“ gehe.
Das wiederum, um mit einem Titel von Günther Grass zu sprechen, eröffnet „ein weites Feld“. Und delegiert, nein nicht an das Auge des Betrachters, sondern an dessen Ohr nebst angeschlossenen Hirnarrealen, die ausgelobten Qualitäten auch als solche zu erkennen.
Immerhin ist hiermit eine Vorentscheidung für den am 05.11.21 zu erwartenden Albert Mangelsdorff Preis gefallen. In diesem Jahr steht laut Satzung eine PreisträgerIN an, und Eva Klesse zählt informell sicher zu den Kandidatinnen.
Ein Novum wäre, wenn eine Person in einem Jahr in den beiden höchst-dotierten deutschen Jazz-Auszeichnungen reüssierte.
Der nächste PreisträgER ist 2023 dran. Rolf Kühn muss bis dahin warten.
Er dürfte & sollte dann 94 sein.

erstellt: 20.07.21
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Fotos
Helmut Berns (Renken), Jürgen Volkmann (Luise), Peter Tümmers (Klesse)

PS (11.08.21): wie aus für gewöhnlich gut unterrichteten Quadraten verlautet, ist die Entscheidung in puncto Albert Mangelsdorff Preis 2021 gefallen.
Sie wird am 20.09. publiziert.
Nur so viel: die Wahl ist honorig und vermutlich unumstritten. Die Ausgezeichnete macht sich gut im Kreis der bisherigen PreisträgerInnen.

Ralph Peterson, 1962-2021

Ralph Peterson

Zu den unschönen Gewohnheiten in unserer kleinen Welt gehört es, bei Gelegenheit die Vergangenheit des Genres für vergangen zu erklären.
Und den Begriff Jazz gleich mit.
Zum Glück setzen aber solche Gegenwartsduseleien das 1. Jazz-Axiom nicht außer Kraft, das da lautet:
Der Jazz ist immer auch sein Gegenteil!
Die traurige Nachricht gibt die Chance, noch einmal Geschichten zu hören, die nicht den Lauf der Jazzhistorie geändert haben, die nicht in den Toplisten des Genres auftauchen, die einfach nur die Tugenden dessen auskosten, was man zutreffenderweise Jazz nennt.
Also, legen wir beispielsweise „V“ auf, den Einstieg von Ralph Peterson mit seinem Quintett bei Blue Note, im April 1988.
Hardbop vom „Fackelträger der Jazz Messengers“ (Jazziz) - obwohl wir den Traditionsbewahrer hier in einer ausgesprochenen Tony Williams-Phase erleben.
Herrschaften, was ist hier los! Wer kann sich einem solchen Sog entziehen?
Der Auftakt „Enemy within“ vertilgt den oben genannten Begriffsdünkel in einem Wirbelsturm.
Der nächste track „Monief“ hantiert u.a. mit einem 17/8 Takt und geht trotzdem ab wie eine Rakete.
„The Short End of the Stick“, ein bright swing im Tempo 220 bpm hat Vijay Iyer jüngst in dem Kongreßband „The Power of Geri Allen“ analysiert, namentlich das Solo von Geri Allen (1957-2017) darin.
Ach wer nie etwas von diesem Album gehört hat, bekommt unter Nennung des weiteren Personals (Terence Blanchard, tp, Steve Wilson, ss, as, Phil Bowler, b) eine Vorstellung von der eminenten Attaktivität dieser Musik.
Das ist jazz as jazz can, ein modernisierter Hardbop, ein unverwüstlicher Kernbestand, der es noch jedem, der sich daran versucht, einen persönlichen Zugriff erlaubt. Handwerk vorausgesetzt!
Allein unter diesem Aspekt ist „V“ ein Meisterstück.
Wie gesagt, es zeigt den Verstorbenen mit einer seiner stilistischen Referenzen (Tony Williams), wenngleich er vieles anders macht als der historische Vorgänger. Sein anderer historischer Bezugspunkt war Art Blakey, bei dem er als zweiter Drummer überhaupt mitwirken konnte.
Es war sein Einstieg in die Jazzwelt und zugleich sein Operationsfeld der letzten Jahre. Die „Fackelträger“-Bezeichnung ist nicht nur drum-stilistisch
(in Teilen) berechtigt, sondern auch in Bezug auf das Repertoire. Für seine letzte Veröffentlichung „Onward & Upward“ (2020) versammelt er erneut, wie schon den Vorjahren, Veteranen der Messenger-Jahre.
Peterson stammt aus einer Familie von Schlagzeugern, insgesamt 16 Jahre hat er in Boston an der Berklee School of Music unterrichtet; in derselben Stadt unterhielt er auch ein Taekwondo-Studio. Ja, er war ein sehr körperlicher Vertreter seiner Zunft, auf Fotos wirkt er häufig wie kurz vor dem Absprung.
Den hohen interaktiven Anteil seines Spiels hat er sich bis zuletzt bewahrt, in einem Trio mit den Curtis Brothers. Mit ihnen als Kern eines Quintetts wird in diesem Frühjahr ein Album erscheinen.
Peterson´s große Jahre waren die 80er und 90er. Später hatte er ein Drogenproblem, das er seinen Berklee-Studenten nicht verschwieg. Mit einigen aus diesem Kreis formierte er eine Big Band, deren Debüt „I remember Bu“, eine Hommage an Art Blakey.
Ralph Peterson jr., geboren am 20. Mai 1962 in Pleasantville/New Jersey, ist am 1. März 2021 an Krebs gestorben. Er wurde nur 58 Jahre alt.

erstellt: 02.03.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten

Manfred Miller, 1943-2021

Eine solche Spannweite wird es in der deutschen Jazzpublizistik nicht noch einmal geben.
Dass jemand Schlüsselalben des FreeJazz produziert und später wie kein zweiter in den Blues sich kniet, insbesondere in dessen Texte.
Konkret: 1967 dirigiert er einen Ü-Wagen, Personal und Bandmaterial in eine Schulaula, um „For Adolphe Sax“ von Peter Brötzmann aufzunehmen. Mit der damals streng verbotenen Konsequenz, dass der Künstler die Bänder an sich nimmt und in Form einer Langspielplatte auf den nach dieser Musik nicht gerade gierenden Markt bringt.
Das war 1967. Da hatte er gerade ein Studium der Philosophie und Musikwissenschaft in Köln abgebrochen und verdingte sich als Hilfsredakteur der Deutschen Welle.
Ein Jahr später, nun bei Radio Bremen als ordentlicher Jazz- & Popredakeur, lässt er erneut Mikrofone auf Peter Brötzmann richten, an einem Maien-Nachmittag in der „Lila Eule“, für das noch legendärere Album „Machine Gun“.
Freejazz Tv Miller 1Aus dem Juni 1967 kursieren Schnipsel durchs Internet, von einer sagenhaften Freitagnachmittag-Debatte im Ersten Deutschen Fernsehen (an Werner Höfers Hufeisen-Tisch - aber ohne Schoppen!), wo er den Advokaten des Teufels gibt und eloquent die Ästhetik des damals neuen FreeJazz gegen die störrischen Mienen von Felix Schmidt (Der Spiegel) und Siggi Loch verteidigt.
Unvergessen eine Überleitung des Moderators Siegfried Schmidt-Joos („Bevor wir Herrn Brötzmann zum Abschuss freigeben“) sowie der Moment, wo Klaus Doldinger kurz den Brötzmann gibt (und wild in den Raum quiekt).
Woraufhin er von Miller (im Bild ganz rechts) auf die Plätze verwiesen wird mit der Bemerkung, dass er damit doch nicht ein Konzert in der neuen Stilistik bestreiten könne.
An einem Mikrofon von Radio Bremen war es auch, wo er 1968 mit einer süffisanten Bemerkung über das Paradepferd der Bundeswehr, den Starfighter den Status einer Berühmtheit im Warhol´schen Sinne erlangte. Gerade war der 99. Starfighter abgestürzt, da gab Miller im „Pop Shop“ die Empfehlung aus:
„Freunde, stellt schon mal den Sekt kalt, der 100. kommt bald!“
Die Leitung des Hauses, man ahnt es, zählte sich nicht zu diesem Freundeskreis. Sie hieß ihn hinfort vorab Manuskripte einzureichen.
1972 wirkte er an der 13teiligen TV-Reihe „Sympathy for the Devil“ mit. 1973 - „mit politisch bedingten Unterbrechungen (zwischen 1975 bis 1984) bis 1986" (wie sein Nachfolger bei Radio Bremen, Peter Schulze anmerkt) folgten 52 Einstunden-Sendungen „Roll over Beethoven - Zur Geschichte der Populären Musik“ für Radio Bremen 2, aber auch NDR und WDR. Aus der Sendereihe ging eine Sammlung hervor, die seit 1991 unter Klaus-Kuhnke-Archiv für Populäre Musik in Bremen ansässig ist.
millerMillers Schwerpunkt hatte sich da schon weg vom FreeJazz und mehr zur Populären Musik (in einem sehr umfassenden Sinne) verlagert, Und vor allem: zum Blues!
1976 arbeitete er im SWF-Landesstudio Mainz, zunächst als freier Mitarbeiter, von 1981 bis 1999 als regionaler Kulturredakteur.
Bis in die 80er hinein jedenfalls wirkte er auf SWF 2 an der legendären 19:30-Uhr-Strecke mit, und zwar mit „Oldtime“ (!) und „Bluestime“.
Oh ja, der Blues! Verblüffend, auf discogs zu finden, wieviele Alben er kompiliert, für wieviele er liner notes geschfrieben hat. Mit dem Blues blieb er bis zuletzt über das von ihm mitbegründete und ihn schwer auszeichnende Bluesfestival in Lahnstein verbunden.
Wir dürfen sagen, wir haben vor allem von ihm gelernt, dass der Blues kein Kind von Traurigkeit ist (jedenfalls nicht durchgängig) und dass er nicht ewig über 12 Takte läuft.
Unvergessen, wie er sich in die Lyrik des Blues vertiefte, sie kongenial übersetzte und uns Frischlingen den erotischen Hintersinn so mancher braver Sprachfloskel entschlüsselte, darunter seine eigene Kategorie des (Sexual)Protzer-Blues.
Die Rentnerjahre verbrachte er wechselweise auf Elba und in Mainz.
Zuletzt machte er sich noch an ein publizistisches Großprojekt, dessen erster Teil unter „Um Blues und Groove – Afroamerikanische Musik im 20. Jahrhundert“ 2017 erschien. Man hätte gerne gehört, was er zur heutigen Duckmäuser-Debatte (hier Euro-Zentrismus, dort Afro-Amerikanismus) gesagt hätte.
Es bleibt allemal schade, dass er seine große Begabung nicht über die gesamte Lebenszeit zur Entfaltung hat bringen können. Er hätte in den Olymp der deutschen Jazzpublizistik gepasst, neben Peter Niklas Wilson, Ekkehard Jost, Alfons Dauer, ja auch Michael Naura.
Manfred Miller, geboren am 11. April 1943 in Reichenberg (ehemals Nordböhmen), ist am 4. Juni 2021 in Mainz einer Krebserkrankung erlegen. Er wurde 78 Jahre alt.

erstellt: 05.06.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten

 Miller Friedhof 1

 

Trauerhalle
Waldfriedhof
Mainz-Mombach
24.06.21

Chick Corea, 1941-2021

Chick Corea 1

Für den 22. Februar 2021 war im Wiener Konzerthaus ein Konzert angesetzt, die Wiederholung eines bereits zweimal verschobenen Auftrittes von Chick Corea & Vigilette (Carlitos Del Puerto, b, Marcus Gilmore, dr).
Ob er auch diesmal sein Publikum nicht nur entzückt, sondern auch aktiv (heute muß man sagen „pro-aktiv“) einbezogen hätte? Durch das Einholen des Kammertones „a“ wie auf seinem letzten, zu Lebzeiten veröffentlichten Album „Chick Corea plays…“?
Vermutlich. Wir haben es ähnlich erlebt, bei der Chick Corea Akoustic Band, einem seiner bedeutenden Langzeitprojekte (mit John Patitucci, b, Dave Weckl, dr) in der Philharmonie Essen.
Der Pianist wickelte, nahezu wortwörtlich, das Publikum um die Finger. Eine der größten Stimmen der Jazzgeschichte, dem das Auditorium eh zu Füßen liegt, griff zu Mitteln aus dem Varieté.
Und eben das macht die Dualität, man könnte auch sagen: die Facetten dieses Musikers aus. Sein Ton, seine rhythmisch-melodischen Signaturen auf Piano, E-Piano und Synthesizer gehören zu den Ikonen der gesamten Gattung.
Ihr Einfluß auf die Formsprache des Jazz - in Ton- und Printdokumenten, noch dazu in verschiedenen Stilen - ist gigantisch. Wobei „einflußreich“ nicht wie gewöhnlich mit „erfolgreich“ zu verwechseln wäre: der Mann hat Erfolg gehabt, ja, zuhauf.
Er hat zudem mit seinen Improvisationen und Kompositionen Heerscharen von KollegInnen zum Nachspielen und Interpretieren angeregt - aber unter der Handvoll Millionseller des Jazz findet sich keiner seiner um die 100 Tonträger.
Andererseits wurde sein außer-musikalischer Einfluß in Baden-Württemberg 1993 als so beängstigend eingestuft, dass die Landesregierung einem Veranstalter in Stuttgart den Subventionshahn zuzudrehen drohte und der Künstler vor dem Verwaltungsgericht Mannheim mit seinem Einspruch scheiterte. 
Grund war Corea´s Bekenntnis zu Scientology, das seine Fans ebenso billigend in Kauf nahmen wie die Lobhudeleien auf und die Performances mit seiner Ehefrau Gayle Moran, um an die wahren nuggets seiner Kunst zu gelangen.
Those were the days. 
Der Ministerpräsident damals hieß Erwin Teufel.
Sein Nachnachfolger Kretschmann säße heute bei Chick Corea in Stuttgart in der ersten Reihe. Wir wissen nicht, wie jazz-affin der grüne MP ist. Aber sollte er in seiner Chick Corea-Begeisterung jenen Begriff verwenden, der jetzt auch durch die Feuilletons fliegt (Chick Corea als „Chamäeon“), sähen wir uns zur Opposition gezwungen.
Denn was auch immer Corea angefasst hat, er ist nicht im jeweiligen Kontext verschwunden, sondern hat ihm einen, nämlich seinen Stempel aufgeprägt - vom Klavierkonzert mit den Londoner Sinfonikern bis zu seinen „Children Songs“, solo. Wo Corea drin war, hat man ihn herausgehört.
Armando Anthony Corea, genannt Chick, geboren am 12. Juni 1941 in Chelsea/Massachussets, einem Vorort von Boston, hat - im Gegensatz zu heutigen Jazzmusikern - nie ein Studium absolviert. Seine einzige formale Ausbildung, sagt er in einem Interview, seien 6 jahre Unterricht ab dem 8. Lebensjahr bei Salvatore Sullo gewesen, einem Konzertpianisten in Boston. Seine Jazz-Edukation war noch informeller, nämlich durch seinen Vater Armando, einen Amateurjazzmusiker, mit dem er früh auch aufgetreten ist.
Sein erstes Jazzvorbild: Horace Silver. 1962 beginnt Coreas professionelle Karriere in New York, bei Mongo Santamaria, es folgen Jobs bei Stan Getz, Herbie Mann u.a. Sein zweites eigenes Album „Now he sings - now he sobs“ setzt 1968 bereits Standards: für seine spezifische Ausformung des Jazztrio-Formates (damals mit Miroslav Vitous und Roy Haynes), für einen Pianostil, dem nichts mehr von Horace Silver anhaftet. Und sein Faible für das Spanische: der opener von „Now he sings…“ („Steps - what was“) enthält bereits die Blaupause für „Spain“, einen seiner großen Erfolge fünf Jahre später.
Im September jenes Jahres steigt Corea für Herbie Hancock bei Miles Davis ein („Filles des Kilimanjaro“), die wenige FreeJazz-Momente von Miles verbinden sich insbesondere mit den Passagen, wo unter seinen schrill perlenden Läufen auf dem Fender Rhodes Electric Piano der Beat aufgerieben wird.
Seine Konversion zur wirklich Avantgarde, 1970 im Quartett Circle (u.a. mit Anthony Braxton), war kurz und von langfristiger Konsequenz. Im Gegensatz zu dem, was jetzt manche Nachrufe insinuieren, mißfiel ihm dieser Ansatz außerordentlich, er hielt ihn für „zu unvorhersehbar“. Es drängte in ihm nach mehr Planung, nach - Komposition. Nach einem Konzept, das er später so beschreibt:
„Was ich anstrebe, ist, die Disziplin und Schönheit des Symphonieorchesters und der klassischen Komponisten - die Subtilität und Schönheit von Harmonie, Melodie und Form - zu verbinden mit der Lockerheit und der rhythmischen Tanzbarkeit des Jazz und der eher folkloristischen Musik.“
Die erste Ausformulierung dieser Prinzipien war die „halb-elektrische“ Formation von Return To Forever (u.a. mit dem Saxophonisten Joe Farrel). Man kann sie über fast alle weiteren Stationen seiner Karriere, vielfach unter Zumischung „des Spanischen“ und „Brasilianischen“, in verschiedenen Genres wiedererkennen: von seinen solistischen „Childrens Songs“ über die diverse Jazzrock-Bands bis zu seinen Orchesterwerken.
Nicht alle gelungen, manche mit Pomp, manche bloße Fingerübungen, ja manches auch kitschig.
Aber, viele, viele Nuggets, great moments of jazz history.
Chick Corea hatte ein Händchen für Rhythmusgruppen: angefangen mit Miroslav Vitous und Roy Haynes, vieles, aber nicht alles mit Stanley Clarke, aber fast alles und über den längsten Zeitraum mit John Patitucci und Dave Weckl, egal ob „akustisch“ oder „elektrisch“. Nicht zu vergessen in den letzten Jahren Christian McBride und Brian Blade, sowie die ultra-kompakten Jimmy Earl und Gary Novack Anfang der 90er Jahre.
Sowie - da pflichten wir der FAZ bei - der „unwiderstehliche“ Steve Gadd. Unvergessen sein Duo mit Corea an den keyboards in „Spanish Fantasy, II“, 1976.
Was bleibt? Für Mai ist ein neues Album der Acoustic Band angekündigt. Man wird es mir „anderen Ohren“ hören, jetzt, wo die Möglichkeit für einen Live-Kontakt auf ewig genommen ist.
Viele Tontäger werden Maßstab bleiben, ganz zu schweigen von den Tonnen, die es im Internet zu heben gilt. Und schon geht es los: Freunde schicken Youtube-links!
Armando Anthony „Chick“ Corea ist am 9. Februar in Tampa/Florida an einer erst kürzlich bei ihm diagnostizierten Krebserkrankung gestorben. Er wurde 79 Jahre alt. 

erstellt: 11.02.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten

Nachruf von Tim Garland auf London Jazz News.
Er hat 21 Jahre mit Chick Corea gespielt.

Paul Jackson, 1947-2021

Auf seiner Webseite firmiert er als The Headhunter.
Millionen leuchtet das ein. Er referiert damit zu der erfolgreichsten Produktion, an der er mitgewirkt hat:
an „Headhunters“ von Herbie Hancock, einem epochalen Album des Jazz-Funk, September 1973.
Den opener, „Chameleon“, hat er mitkomponiert. Das weltberühmte Bass-riff mit 12 Tönen über zwei Takten spielt …
nicht er, sondern Bandleader Hancock auf seinem damals gerade eingetroffenen Arp Odyssey Synthesizer.
Paul Jackson zupft auf seiner Baßgitarre in quasi afrikanischer interlocking Technik behende Patterns, die zwischen die Schwerpunkte fallen.
Paul Jackson"Paul Jackson war ein ungewöhnlicher Funk-Bassist, denn er mochte es nie, dieselbe Basslinie zweimal zu spielen, also reagierte er während der improvisierten Soli auf das, was die anderen Jungs spielten", sagt Hancock in seiner Autobiografie "Possibilities". "Ich dachte, ich hätte einen Funk-Bassisten angeheuert, aber wie ich später herausfand, hatte er eigentlich als Kontrabassist angefangen.“
Die Krönung dieser Sechzehntelnotenzappelei folgte ein halbes Jahr später: „Actual Proof“ (auf „Thrust“). Und, man glaubt es kaum, im Sommer 1975 setzen Hancock & Jackson live in Tokio noch eins darauf und enteilen der Band in einer noch waghalsigeren Performance (auf „Flood“).
Das liest sich anders als es klingt. Denn die restlichen vier stehen hellwach in der Form: dass die beiden Solisten so glänzen, hängt schließlich auch mit den stop times zusammen, mit sie den Wahnsinn noch befördern. Das Hancock-Zitat läßt sich umstandslos auf jene gut acht Minuten in Tokio beziehen.
Es markiert den Gipfel in Jacksons Karriere, für Herbie war es einer von mehreren.
Am Schlagzeug damals - wie auch für die folgenden Jahrzehnte an seiner Seite - der weiße Schlagzeuger Mike Clark. Man muß diesen Zusatz wählen, denn Clark gehört zu den ersten Weißen, die in dieser dominant afro-amerikanisch geprägten Zunft reüssierten.
Er kam auf Empfehlung Jacksons zu den Headhunters, nachdem der Studio-Drummer Harvey Mason die vielen Konzerte nicht absolvieren mochte.
Jackson und Clark kannte sich aus Jugendtagen in Oakland; Jackson soll schon mit 14 im Sinfonieorchester seiner Heimatstadt gespielt haben, am Kontrabass selbstverständlich. Ausgebildet wurde er am Konservatorium im benachbarten San Francisco.
Jackson pflegte einen „trockenen“ Stil, wenig slap-Technik, dafür viele melodische Kleinpatterns, oft mit glissando „angeschoben“. Wer das beherrscht, muss - of course - über timing verfügen.
1985 übersiedelte er nach Japan. Er blieb der US-Szene verbunden, die künstlerische Partnerschaft mit Mike Clark dauerte bis an sein Lebensende, auch wenn mehrere Re-Inkarnationen der Headhunters nicht mehr an das Niveau der 70er Jahre anschließen konnten.
Paul Jackson (nicht zu verwechseln mit dem im gleichen Genre tätigen Gitarristen Paul Jackson jr.), geboren am 28. März 1947 in Oakland/CA, ist am 18. März 2021 in einem Krankenhaus in Tokio verstorben, zehn Tage vor seinem 74. Geburtstag.

erstellt :20.03.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten

Uli Rennert, 1960-2021

Er war so sehr in der Grazer Jazzszene verwurzelt, seine Musik kündete auf spezifische Weise ebenso von den Eigenarten des Jazz made in Austria,
dass man immer wieder doch hervorkramen musste: er ist in Frankfurt am Main geboren, am 25.09.1960, als Sohn eines Künstlerpaares.
Der Gedanken- und Spielwitz, der sein Werk kennzeichnet, spricht auch aus der einzigen Mitteilung auf seiner Webseite, die er sich unter dem Signum „privat“ erlaubt:
„Uli Rennert lebt seit Herbst 1987 als politisch-idiomatischer Wirtschaftsflüchtling in Graz in Österreich und nahm im Jahre 1993 die österreichische Staatsbürgerschaft an.“
So grotesk-ironisch diese Mitteilung anmutet, sie ist unvollständig. Denn in jenem Herbst 1987 traf Rennert keineswegs erst in der Steiermark ein, er beendete zu diesem Zeitpunkt ein Studium des Jazzklaviers („mit Auszeichnung“), das er dort 1979 begonnen hatte.
Den ersten Musik- und Jazzschliff erhielt er zuvor bei zwei sehr deutschen Institutionen in Mainhattan, am Dr. Hoch´schen Konservatorium sowie bei
Albert Mangelsdorff (Posaune und Ensemblespiel).
Wer je seinen Fuß in die KUG, die Kunstuniversität Graz, gesetzt hat, kann nachvollziehen, dass der hessische Kunstflüchtling die Folgejahre dort segensreich zu verbringen wusste. Er unterrichtet Jazzpiano, dann auch Musikelektronik, übernimmt die Leitung von Improvisationskursen und Ensembles.
2003 habilitiert er sich dortselbst zum „Ao. Univ. Professor im Fach Improvisation“.
Seit 2009 pendelt er auch zum Jazzcampus Basel, als Dozent für den Masterlehrgang Producing/Performance.
Uli RennertDer Jazzkünstler Uli Rennert ist stilistisch schwer zu fassen.
Er hat Bezüge zu den Klassikern des Genres, zu Monk, Ellington & Coltrane, aber auch zur Zweiten Wiener Schule (Schoenberg, Berg, Webern).
Mitunter schwimmt er, mit seinem Project S, in einem sehr eigenen Seitenarm des Thirdstream.
Seine Bearbeitungen von Standards sind skurril, ja kauzig. Im Grunde ist er ein alpenländischer Verwandter des Mottos „arranging the hell out of something“ von Django Bates.
In der Auswahl elektronischer Klangfarben scheut er mitunter nicht solche, die man bei einem Experten dieses Zuschnitts nicht erwarten würde.
Uli Rennert ist am 5. Februar 2021 verstorben, wie es heißt an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung. Er wurde 60 Jahre alt.
Er wird dank seiner Tonträger in Erinnerung bleiben - aber auch wegen einer anderen Obsession:
Wer Rennert auf Fotos sieht, ahnt, dass er nicht nur in Proberäumen und Tonstudios sich wohlfühlte, sondern auch dort, wo „(ich) riechen kann und schmecken, probieren und beobachten, wie sich etwas entwickelt. Ich sollte mich gut vorbereiten – die 'mise en place' muss stimmen – muss reagieren, im Moment Entscheidungen treffen, Geplantes wieder umdenken, und so weiter“ - kurzum: Improvisieren.
In der Küche.
Das Menu „cooking“ auf der Rennert´schen Webseite präsentiert eine Speisenfolge, die einem steirisch-mediterranen Restaurant zur Ehre gereichen würde.
Uli Rennert cooking

erstellt: 10.02.21
©Michael Rüsenberg, 2021. Alle Rechte vorbehalten