HAUTZINGER-ZOUBEK-SCHICK-BUCK Pulsar *********

01. Tendrils (Hautzinger-Zoubek-Schick-Buck), 02. Valis

Franz Hautzinger – quartertone tp, electronics, Philip Zoubek – prepared piano, synthesizer, Ignaz Schick – turntables, sampler, Tony Buck – dr

Rec. 20.12.2024
Trost Records TR 271

Die Kollektivimprovisation. Sie ist so alt wie die Jazzgeschichte selbst, in den frühen Tagen des New Orleans Jazz ward ihr als „Varianten-Heterophonie“ ein sehr viel engerer Rahmen gezogen als in ihren Hochzeiten, im FreeJazz, seit den 60er Jahren.
Bei Kritikern steht sie vermutlich höher im Kurs als in breiten Teilen des Jazzpublikums. Auf Tonträgern macht sie sich weniger gut als live; wer möchte schon das Peter Brötzmann Chicago Tentett auf der Bühne eintauschen gegen ein und dieselbe Performance akusmatisch, allein aus Lautsprechern?
Wie sehr das Auge „mithört“, erweist sich am Beispiel der Frei-Improvisierte Musik - obwohl sie überhaupt nicht darauf angelegt ist - als geradezu exemplarisch.
Ganz zu schweigen davon, dass sie die höchste Tugend des Jazz, nämlich das Herausstellen der eigenen, möglichst individuellen Stimme, nicht unbedingt zum Verschwinden bringt, aber doch auf vielfältige Weise relativiert. 
Im Gegenzug gewinnt sie - immer im Idealfall gesprochen - durch Zunahme eines anderen Wertes der Jazz-Ästhetik, die Interaktion. Ein Jazzensemble, das sich durch spontane Interaktion immer enger verzahnt und höher schraubt - es kann ein Garant für große Momente sein.
Und, dank des offenkundig gleichen Zugangs wie auch der gleichen Chancen für alle Teilnehmer gut & gerne außermusikalische Erklärungen für den Grad des Gelingens herbeiruft. Sie wissen schon: vieles unter dem strahlenden Begriff „Demokratie“. Gipfelnd in der Werbung für eine filmische Doku über den Leiter eines sehr typischen Ensembles für das improvisierende Kollektiv, das Globe Unity Orchestra, als „ein klingendes Demokratiemodell“.
Warum dieser lange Vorspann?
Weil es im folgenden um ein Quartett geht, das in diesem schönen Format manches auf den Kopf stellt - und ihm doch bestens entspricht.

Das Spannende, ja Umwerfende an dieser Performance (im Kölner Loft) ist, dass man oft nicht weiss, wer was spielt (und damit auch: wie´s weitergeht); über weite Strecken verschwinden die Stimmen im Klangstrom des Kollektivs.
Das Quartett saugt individuellen Ausdruck größtenteils auf, es lebt von Andeutungen, von Unschärfen.
Die ersten Trompetensignale, die in „Tendril“ bei 5:45 auftauchen, sind so schwach, dass man sie weniger bei Franz Hautzinger vermuten mag als bei Ignaz Schick; sie könnten von irgendeine Platte stammen oder aus dem Sampler.
Überhaupt Hautzinger, lange Jahre mit seiner Vierteltontrompete eine Heraus-
forderung, erscheint er nun mit einem dank Harmonizer und/oder Delay verbreiterten Klangbild wie ein Verwandter von Jon Hassell. In „Tendril“ bei 17:10, zeitgleich mit den ersten identifizierbaren Pianotönen.
Hautzinger vermeidet den Kardinalfehler etlicher Instrumentalkollegen, mit schönen, klaren Klangfahnen - wie jüngst zum Beispiel Alex Bonney in England - über unruhigem Grund zu dominieren (bei Nils Petter Molvaer fand man solche Momente zuhauf). Nicht selten schweben sie einher wie auf der Suche nach einem counterpart, nach einem korrespondierenden, aber auch kontrastierenden Harmonieinstrument.
Hautzinger ist selbst Teil des Gewusels, er ragt nicht heraus, er wirft seine Einwürfe staccato, mal klar, häufig verbreitert. Seine Flattersounds in „Valis“ sind hinreissend.
Ähnlich eingetaucht agiert Philip Zoubek, der Turntable- und Sampler-Mann Ignaz Schick sowieso. Aber auch Tony Buck, im „Hauptberuf“ Improvisator bei den australischen The Necks. Bei ihm ist der Wege der Klangquellen-Identifizierung (vom Sound zur -Quelle) am kürzesten. Was man schon daran erkennen mag, dass in der Besetzungsliste hinter seinem Instrument kein weiteres mit elektronischem Bezug genannt wird.
Eben dieser Umstand führt zu einer näheren Bestimmung des sicher gültigen Oberbegriffes Frei-Improvisierte Musik. Man kann „Pulsar“ nämlich ebenso hören als „Frei-Improvisierte Elektro-Akustische Musik“. Es dürfte - wenn uns unsere Vermutung nicht allzu sehr trügt - das Album in soundart-Kreisen mit ähnlicher Begeisterung rezipiert werden wie in Jazz-Kreisen.
Man ist versucht, hier von „drones“ zu sprechen. Allein, dafür sind die Klangschichtungen zu volatil, viel zu sehr horizontal orientiert.
Die Wikipedia-Erklärung für „Pulsar“ „(englisches Kunstwort aus pulsating star) ist ein schnell rotierender, stark magnetisierter Neutronenstern" trifft es metaphorisch ganz gut.
Und damit wären wir bei der nächsten Beifalls-würdigen Qualität dieses Albums: 
Man könnte geradezu von einer „soundscape“ sprechen, von einer sehr eigenen Klanglandschaft, welche die vier erschaffen (wie man hört, lediglich durch Mix und Mastering, nicht - so unsere erste Vermutung - durch ausgreifende Post-Produktion). 
Im Hinblick auf die Vielzahl, die Qualität und auch die Unbestimmtheit von Sounds übertrifft „Pulsar“ vieles an ähnlichen Bemühungen aus dem Jazz der letzten Jahre. Auch von solchen Kollegen, die ihnen improvisatorisch vielleicht ebenbürtig sind.
It is the collective, stupid.

erstellt: 08.10.26
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