SOFT MACHINE Thirteen ****

01. Lemon Poem Song (Sirkis), 02. Open Road (Travis), 03. Seven Hours, 04. Waltz for Robert (Sirkis), 05. The Longest Night (Travis), 06. Disappear, 07. Green Books (Etheridge), 08. Balado Beledo, 09. Pens To The Foal Mode (Etheridge, Travis, Baker, Sirkis), 10. Time Station (Travis), 11. Which Bridge Did You Cross, 12. Turmoil (Baker), 13. Daevid's Special Cuppa (Travis)

John Etheridge - g, Theo Travis - ss, ts, fl, Duduk, ep, Piano (1), mellotron, electronics, Fred Thelonius Baker - bg, Asaf Sirkis - dr, perc, p (6), Daevid Allen - glissando g (13) – recorded in 2000, Pete Whittaker - org (2,5), ep (2), Nick Utteridge - Gong (5)

rec. 8./16.-18.04.2025

Moonjune Records


Ältere Semester wirft es nicht völlig aus der Bahn, wenn man diese Band in Verbindung bringt mit einem berühmten Slogan aus der Autowerbung, nämlich den VW Käfer. Über den es seinerzeit hieß „…er läuft und läuft und läuft…“.
Und für einige unter jenen dürfte nicht mal auszuschließen sein, dass sie selbst in einem solchen saßen oder ihn sogar besaßen, als ihr Interesse an Soft Machine aufkeimte.
Nämliches lässt sich vielleicht auch über den Gitarristen John Etheridge, 78, sagen. Er ist „seit über 50 Jahren“ dabei (konkret seit der StarTruckin´75 Tour im Herbst 1975, als die Band u.a. mit dem Mahavishnu Orchestra und Caravan durch England zog) - aber gehört doch nicht zu den Gründungsmitgliedern.
Von denen befindet sich nur noch Robert Wyatt, 81, unter den Lebenden. Und damit der letzte, der noch die geniale Praxis mitverantwortet haben dürfte, die Alben der Band nicht mit blumigen Titeln auszustatten, sondern schlicht fortlaufend zu nummerieren.
Eine Praxis, die zu Zeiten anmutete wie ein lakonischer Kommentar zu der mystischen Verehrung , die ihr einfach so zuflog.
„Thirteen“ greift diese Praxis wieder auf, die Band hatte sie nach „Seven“ 1973 fallen gelassen. Und man darf fragen, ob diese Zählung in dem schwer überschaubaren Dickicht der Veröffentlichungen unter diesem und auch Ableger-Bandnamen so ihre Richtigkeit hat.
Scott Meze, der in seinem Buch „on track…Soft Machine. Every album, every song“ (2023) auch nicht alle Soft Machine-Alben bespricht (beispielsweise nicht das vorzügliche „Live at the Paradiso“, 1969) zählt jedenfalls:
To date (2023, Anm. JC), 13 studio albums (including ´Third´ and ´Alive And Well Recorded in Paris´, which saw studio work to enhance live material) have been released under the Soft Machine brand.“
In Mezes Zählung die Nummer 13, entstanden im Sommer 2022, ist „Other Doors“, entstanden ebenso wie das jetzt vorliegende „Thirteen“ in den Temple Music Studios in Sutton/UK, gegründet vom Schlagzeuger Jon Hiseman (1944-2018).
„Thirteen“ markiert, nachdem zwischenzeitlich der Bassist Roy Babbington, 85, ausgeschieden und der Schlagzeuger John Marshall (1941-2023) verstorben ist, eine überwiegend „fremde“ Besetzung, in der (s.o.) lediglich John Etheridge mit Mitgliedern der Ur-Besetzung gespielt hat.
Er blieb überdies bis zu dessen Tod mit Mike Ratledge (1943-2025) befreundet.
Mit „Thirteen“ verzichten die aktuellen Soft Maschinisten erstmals darauf, vereinzelt Kompositionen aus dem frühen Repertoire aufzugreifen, überwiegend von Ratledge oder Hugh Hopper (1945-2009).
DaevidAllen1974D.h. so ganz mögen sie von einer Form der Hommage doch nicht lassen.
Im letzten track verbeugen sie sich vor einem Mitglied der ganz frühen Soft Machine, aus der Zeit der personellen & konzeptionellen Wirren vor der sich festigenden Identitätsbildung mit dem ersten Album „The Soft Machine“ (1968), an dem er schon nicht mehr teilnahm: Daevid Allen (1938-2015), Gitarrist aus Australien.
Der schon deshalb dem damaligen Quintett/Quartett nach nur einem Jahr verloren ging, weil ihm im August 1967 in Dover wegen eines fehlenden Visums der Wiedereintritt in das das britische Mutterland verweigert wurde.
Bei Scott Meze finden sich durchaus nicht unkritische, interessante Beobachtungen zu ihm:
„Allen stellte sich immer wieder als Bremser heraus, ähnlich wie, wenn man es nüchtern betrachtet, Syd Barrett bei Pink Floyd.“
Er hielt ihn keineswegs für gänzlich untalentiert. Und die folgende Beurteilung, immerhin gut zwei Jahre vor der Produktion von „Thirteen“, entbehrt nicht eines - zutreffenden - prognostischen Charakters.
Meze findet die Gitarrenarbeit von Daevid Allen durchweg „akzeptabel“ - wenn er denn nur zwei seiner Stärken herausstellte:  „einen punkigen Sound“ herauszuhauen sowie durch Gleiten über die Saiten „einen schrillen Ton zu erzeugen, den er als ´Glissando´ bezeichnete.“
Auch die Inspirationsquelle dafür vermag Meze zu kennzeichnen:
Both were inspired by Syd Barrett, who in turn had learned them from Keith Rowe of the experimental 1960s group AMM.“
Genau um eine solche Passage herum, aufgenommen vor 16 Jahren, baut Theo Travis nun den Schlusstrack „Daevid's Special Cuppa“.
Die schwermütige Melodie, getragen von Duduk (einer armenischen Flöte), Sopransax. und Gitarre, kann man durchaus als „Requiem“ hören; sie reflektiert sicher auch die multi-stilistische Ideenwelt des Referierten. Der Komposition aber wäre gedient gewesen, hätte man sie (glissando!) in der Schwebe gehalten - der bräsige 4/4 rock beat, den die Rhythmusgruppe darunter legt, zieht es herunter.
Der Baßgitarrist Fred Thelonious Baker, seit „Other Doors“ (2023) als Nachfolger von Roy Babbington dabei, wäre in der ersten Reihe des britischen Jazzrock fälschlich eingeordnet.
Asaf Sirkis, 56, im April 1999 von Israel nach London gezogen, kann demgegenüber auf eine Anzahl von name jobs verweisen (mehrfach Tim Garland, Gwilym Simcock, Gilad Atzmon und Nicolas Meier, jüngst auch Emma Rawicz). Er hat eher einen Nimbus als Perkussionist,  und es spricht vielleicht eine Form von britischem Hintersinn daraus (vor allem im Hinblick auf den Vorgänger auf diesem Posten, den sehr profilierten John Marshall), womit Robert Wyatt sein testimonial für Sirkis begründet:
"as far as I can see there’s nothing he can’t do when he puts his mind to it."
softmachine album coverNicht nur der Schlußtrack, das gesamte Album stellt, nein schreit geradezu die Frage nach der Identität dieser Band heraus.
Die Band agiert unter einem großen Namen, sie evoziert damit spezifische Erwartungen an diesen großen Namen, an eine der stilistisch deutlichsten Marken im europäischen Art Rock und Jazzrock (mit wechselnden Schwerpunkten, z.B. dass seit dem achten Album „Bundles“, 1975, eine Gitarre dominiert).
Sie ist, das zeigt „Thirteen“ geradezu schmerzhaft, offenkundig nicht in der Lage, diesen großen Erwartungen substanziell zu begegnen. Hörte man sie unter den Bedingungen eines blindfold test - man würde vermuten, größtenteils ProgRock-Nostalgiker vor sich zu haben, oder vielleicht verschollene Funde aus dem Archiv von Yes oder Van der Graaf Generator.
Man würde sich hernach die Augen reiben, dass ein Stück wie „The Longest Night“ - das Label gibt es allen Ernstes aus als "the longest most progressive track of the set" - tatsächlich doch im 21. Jahrhundert zu datieren ist.
Wer ergötzt sich heute noch an freistehenden Orgelflächen mit rotierenden Speaker-Effekten oder an Flöte/Baßgitarren Riffs a la Jethro Tull?
Schon die beiden Auftaktstücke vermögen in ihren satt-nostalgischen Bezügen nicht zu überzeugen. „Lemon Poem Song“ fehlt das, was einen Song nun mal ausmacht: ein ausformuliertes Thema. Es besteht aus nicht weiter als einer Kette von E-Piano-Arpegpien, über die John Etheridge in stilistisch enger Verwandtschaft zu seinem Vorgänger Allan Holdsworth (1946-2017) sich ausbreitet und der Komponist Sirkis für sich eine Gelegenheit für dr-solo gegen riff vorsieht.
Die „Open Road“ führt zu den Beatles: die Akkord-Brechungen rufen Assoziationen an „I want you (she´s so heavy)“ hervor und die freistehende Mellotron-Passage an „Strawberry Fields“. Ein dominantes Tenorsaxophon freilich gab’s bei den fab four nicht, aber dafür ist das von Travis bediente Instrument weit entfernt von dem Schmelz und der Inbrunst eines Elton Dean (1945-2006) auf Altsax. und Saxello.
Dass der Autor Scott Meze dem vor zwei Jahren verstorbenen Mike Ratledge nachruft, „(he) wasn´t much of a melodicist, either with his themes or when improvising“ - man würde ihn heute gern in seiner Wahlheimat Tokyo dazu einvernehmen, vor der lauten Klangwand des hier & heute aus „Thirteen“ herausschreienden Mangels an denselben.
Das alles ist nicht schlecht oder gar falsch gespielt, offenbart aber keinen klanglichen Charakter, der von der Gegenwart oder einem eigenen Platz darin spräche.
Auch Etheriges „Green Books“ dürfen dies nicht unbedingt beanspruchen, andererseits geht das Stück aber am besten ab von allen, frei von jeder Bräsigkeit. Die Spannung bezieht es aus einem binären A- und einem ternären B-Teil. Teil A sitzt auf einem suggestiven Riff-Thema im 9/8-Takt (ein uraltes SM-Element), der Gitarrist stellt es zunächst allein vor und brilliert später in einem auch klangfarblich fesselnden Solo, angefeuert von drums von E-Piano-Akkorden.
Der B-Teil des Themas wechselt in einen Jazz-Shuffle, es ist die Basis für ein Tenorsax-Solo von Theo Travis.

Foto (David Aellen, 1974): TimDuncan/Wikipedia
erstellt: 19.02.26

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