Vor Monaten schon hieß es, zum Jubiläum würden sie „plus guests“ antreten.
Tags zuvor taten sie das auch mit Bob Degen in Frankfurt, ein paar Tage später darauf ebenfalls mit dem Pianisten in Neuburg an der Donau.
Im Loft, Köln, dann - no guests.
Kleiner Spoiler: wenn eine Band sich selbst genügen darf, dann Dell/Lillinger/Westergaard.
Das set up: wie immer bei D/L/W eng verschränkt, mit Blickachsen der Musiker zueinander, das Publikum kreisförmig drumherum.

Als Christopher Dell sich nach zweimal gut 30 Minuten bedankt, beim Loft, beim Publikum, mit dem Zusatz, es sei in diesen Zeiten „auch politisch“ wichtig, „gemeinsam miteinander Zeit zu verbringen“, beschriftet er damit eine kollektive Erfahrung, die - gänzlich unpolitisch, als quasi anthropologisches Momentum, überzeitlich - chronologisch gerade zu Ende gegangen ist.
Aber unter diesem nicht-spannungsarmen Motto fortlebt.
Wie immer starten D/L/W mit Tönen in „großem“ zeitlichen Abstand zueinander. Als Geflecht beschrieben, wäre dies ein Gebilde mit Lücken. Die Tonhöhen, die Klangfarben - Zufall, frei-metrisch.
So kann man es hören und verstehen - und genießen.
Mehr als sonst aber wundert sich die Jazzpolizei über deutlich erkennbare Bewegung der Mundmuskeln.
Christian Lillinger scheint Christopher Dell etwas mitzuteilen, lautlos. Auch dieser „spricht“, ebenso stumm wie Jonas Westergaard, letzterer weniger durchgängig.
Handelt es sich hier um eine andere, eine weniger manifeste Form der Verschränkung der Stimmen, im Gegensatz zu der offenkundigen, der instrumentalen Ebene? Eine Verständigung auf „höherer“ Ebene?
Die Bekundungen älterer amerikanischer Jazzmusiker mögen einem einfallen, die erklären, ohne das lautlose Mitsingen der lyrics funktioniere das Spielen von Standards nicht.
Ach, wären wir doch firm in der Kunst des Lippenlesens, dann hätten wir viel früher entdeckt, dass Christian Lillinger (was dieser später bestätigt) zählt.
Und Christopher Dell auch („aber anders“). Sie mimen die Zählzeiten von Takten. Nicht zufällig tragen mehrere Alben des Trios ja den Titel „Beats“.
Es ist die Matrix einer poly-metrischen Ordnung, die sie leitet - ohne dass die Zuhörer diese nachvollziehen können, weil sie keine Kenntnis von den Auslassungen haben. Für sie klingt es frei-metrisch (was es nicht ist) - und spannend. Kein nächster Ton, kein nächster Schlag ist gewiß.
Allmählich, sehr allmählich verdichten sich die Einsätze, was die Spannung nochmals steigert. Und plötzlich - es scheint von Dells Vibraphon auszugehen - scheint so etwas wie ein gemeinsamer, sehr spezifischer Groove Form anzunehmen.
Der sinnliche Eindruck, die ihn stets begleitende Bewertung steigern sich von „sehr gut“ zu „Meisterschaft“. Repetitionen stellen sich ein, Patterns werden erkennbar, Bausteine aus 15 Jahren abgelagerter Erfahrung, die (zu welchem Grad bleibt ungewiß) improvisatorisch verschraubt werden.
Kaum ein Wunder also, als sie nach 30 Minuten plus einen überzeugenden Schluß hinkriegen.
Den zweiten Set, nach der Pause, gehen sie sogleich in hoher Verdichtung an, ohne Zählen. Größtenteils bleiben sie auf dieser Flughöhe, verzahnt in einem grandiosen interlocking. Der Schluß kommt hier, nein er ereignet sich spontan, nur abzulesen an Westergaards Nasenspitze.
Die kollektive Erfahrung, eine Art Schwarmintelligenz im Kleinen, sagt: kein weiterer Ton mehr! Eine Zugabe sowieso nicht!
Die drei verbeugen sich reihum, in alle Himmelsrichtungen, zweimal; es ist zugleich vielleicht auch eine körperliche Übung, um die Anspannung abzuschütteln. Hervorgerufen durch hohe Konzentration. Die Beiläufigkeit, mit der sie zu agieren scheinen, sie ist nur die Spitze eines Eisbergs.
Bleibt die alte Frage nach der Taxonomie. Ist das FreeJazz? Gewiss nicht, eher - und genauso unscharf - Post FreeJazz. Oder doch improvisierte Neue Musik?
Der sinnliche Eindruck bleibt messerscharf: es ist D/L/W.
Fotos: Gerhard Richter
erstellt: 27.11.25
©Michael Rüsenberg, 2025. Alle Rechte vorbehalten