cologne jazzweek 2026 (IV)

Sechs Jahre nach ihrer Premiere finden sie sich dort wieder ein, wo sie gestartet sind (und auch zwischendrin gerne gespielt haben), in der Kunststation St. Peter, laut Eigeneinschätzung „ein weltweit einzigartiger Ort des Dialogs von Glaube und Liturgie mit zeitgenössischer Kunst und neuer Musik“.
Wer den spät-gotischen Raum betritt, seit 1960 betreut von Jesuiten, kann auch ohne jede Kenntnis des historischen Ranges den genius loci unmittelbar erfahren, visuell und akustisch: kein Wunder, dass dies der „Lieblingsort“ von Bonecrusher ist.

Zum Beispiel haben sie dort im Gründungsjahr ein fabelhaftes Album aufgenommen. Jetzt sind sie wieder da im Rahmen der cologne jazzweek, obwohl ihnen wenig jazzmäßiges anhaftet. Aber ein solcher Ausflug in die Neue Musik, geleitet von einem (auch) Jazzmusiker, nämlich Matthias Muche, ist allemal eindrücklicher als die eine oder andere Exkursion in die Popmusik, wie sie auch die sechste Ausgabe der cologne jazzweek kennzeichnet.
Muches Posaunenchor, demnächst beim Jazzfest Berlin in der Gedächtniskirche mit einem Stück von Johannes Bauer, ist personell von bemerkenswerter Kontinuität, wechselweise zehn oder zwölf PosaunistInnen, die im Halbkreis Aufstellung nehmen.
Im ersten Stück (einer schwedischen Komponistin) schieben sie sich hälftig lang ausgehaltene Akkorde zu (mitunter auch in der Aufteilung sechs und vier) - es ist ein leichter, ein gewissermaßen unterkomplexer Einstieg. 
Im nächsten Stück, mit vielen Einzelstimmen, tritt Etienne Nillesen mit seinen typischerweise „gerührten“ beiden snare drums hinzu. Und im dritten, anfangs schwankend zwischen einem tiefen E und B, setzt er ganz oben einen Ton, als käme der von einer dreizehnten Posaune.
Alle Blasinstrumente werden klanglich gefiltert durch eine Art Silberteller, der Luft- und Schnarrgeräusche erlaubt. Quasi „hoch über ihnen“, fügen sich die Obertöne zu einer zweiten Klangschicht.
Es waren die attraktivsten Momente einer Performance, die an den Glanz früherer Bonecrusher-Performances nicht recht anschliessen konnte.

Zwei Stunden später auf der Konzertbühne des Stadtgarten Köln, mit elf MusikerInnen ein ähnlich großes Ensemble, freilich ganz andere Konzeption, ganz andere Gattung, stilistisch inmitten eines wohl von vielen geteilten Erwartungsfeldes aus Jazz- und Rock-Techniken: das Composers Collective Cologne - Amsterdam Edition.
Das Ensemble hat was Projekthaftes, seine Qualität erwächst klar aus seinem Namensbestandteil „Composers“.  Deren sechs Stücke waren in ihrer Abfolge durchweg attraktiv: als Vorlagen für eher lustvolle als perfekte Interpretationen.
Die Jazzpolizei zögert nicht zu sagen: sehr unterhaltsam. 
Fabian Dudek (as, fl, EWI) machte den Anfang mit einem trickreichen Rocker; es war eine Wohltat, den Blas-Synthie in einem ökonomischeren Einsatz zu erleben als tags zuvor bei Sam Gendel.
Vom Bassisten Alessandro Fongaro kam „ein Stück mit italienischem Titel“ (wie es Dudek verschmitzt ankündigte), anfangs eine Art Marsch im 3/4-Takt, der später zu einem Shuffle mutierte und vollends Gestalt annahm durch - once again - ein Synthie-Solo von Felix Hauptmann.
Überhaupt sehr wirkungsvoll das Zusammenspiel der beiden Keyboarder von den Bühnenrändern: Felix Hauptmann (rechts) und Chaerin Im an Piano und Synth. (links). 
Heidi Bayer, tp, lieferte eine Vorlage mit einer ganzen Abfolge von vamps, und das wohl größte „Hallo“ war in dem Beitrag von Fuensanta platziert (2023 artist in residence beim Klaeng Festival auf derselben Bühne): zwei Drummer, Sun-Mi Hong und Leif Berger) tradin´ fours.
Wirklich sehr unterhaltsam, zurecht überschäumende Stimmung.

Von gewissem Unterhaltungswert auch die Vorstellung von Sam Amidon im Subway, zusammen mit dem Subway Jazz Orchestra (yes folks, in Köln existieren mehrere Jazz Big Bands ohne große personelle Überschneidungen).
Ähnlich wie vor fünf Jahren bei der Monheim Triennale durch ein Steichquartett, gefällt es auch dieser Festivalleitung, die Folksongs des amerikanischen Sängers, Gitarristen und Fiddlers durch eine Big Band aufbrezeln zu lassen.

Wie tags zuvor beim Cologne Songbook liegt diese Aufgabe bei Stefan Karl Schmid in besten Händen.
Beachtlich, ja bewundernswert der Kordon aus vielfältigen Spiegelungen kleiner Motive aus seinen Songs, mit denen er die Performance von Amidon umhegt.
Eine Leistung allein schon, präzise die Sätze zu halten in einem Raum, in denen die Musiker (eine Musikerin) kein regelrechtes Podium haben, sondern engst beieinander gleich neben den Zuhörern agieren müssen.
Der Stimmung war das keineswegs abträglich, im Gegenteil.
Was freilich den Kunstgenuss stört (und dieser Begriff wird hier dezidiert bemüht), sind die so ganz anderen Intonations-
vorstellungen des Sängers, die das Maß der im Jazz gebräuchlichen off pitches deutlich übersteigen. 

Es gibt Begegnungen im Jazz, die beim besten Willen nicht das Niveau der so beliebten „Augenhöhe“ erreichen.

erstellt: 10.09.26
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