Wallace Roney, 1960-2020

In den 90ern Jahren war der Mann sowas von gefragt:
von Geri Allen, Bob Belden, Herbie Hancock, Chick Corea, Bill Evans, David Sanborn, nicht zu vergessen Tony Williams, dessen Quintett er zwischen 1988 und 1992 angehörte.
Der enorme Rückenwind war zu großen Teilen gespeist von der Idee eines keeper of the flame. Wallace Roney war Träger des Erbes von Miles Davis.
Dazu war er geradezu auserkoren. 1983 fiel er seinem Vorbild auf, ja erhielt sogar eines seiner Instrumente zum Geschenk. Er soll auch von ihm unterrichtet worden sein.
Wallace Roney copy 21991 in Montreux, wenige Monate vor dessen Tod, durfte er neben ihm die schwierigen Passagen des wohlvertrauten Repertoires vortragen.
Im September 1992 konnte er dann vollständig in dessen Rolle aufgehen, zusammen mit dem großen Rest des grandiosen zweiten Miles Davis Quintett.
Das Piano bediente damals ein gewisser Herbie Hancock, das Schlagzeug Tony Williams.
Es mag einem blümerant werden, wenn man aus gegebenem Anlass wieder einmal einem solchen Exzellenz-Cluster zuhört.
Roney hatte Übung darin, in solche Rollen zu schlüpfen. Wenige Jahre zuvor übernahm er den Posten von Freddie Hubbard in VSOP, eine Art Schattenkabinett zum nämlichen Quintett.
Wir sprechen hier von stilistischer Nähe, nicht von Mimikry, obgleich der Miles-Einfluss - von ihm selbst bestätigt - quer durch seine Karriere erkennbar blieb (sowie bei seinem drei Jahre jüngeren Bruder Antoine der von Wayne Shorter auf dem Tenorsaxophon), bis hin zu seinen Ausflügen in den HipHop Jazz Anfang der 2000er Jahre.

Melodisch immer noch Postbop, wogte er dabei rhythmisch häufig im Rezeptionsschatten von Herbie Hancock; möglicherweise eine Spätfolge der Mitwirkung an dessen „Dis is da Drum“ (1994).
Roney´s Albumdebut („Verses“, 1987) wurde von Tony Williams nicht nur produziert, sondern auch am drumset begleitet, der aus fast dem gesamten Team sodann sein Quintett formte.
Ab dem zweiten („Intuition“, 1988) übernahm diese Aufgabe Cindy Blackman, eine Zeitlang auch seine Lebensgefährtin.
Roney Alllen Vielz 11995 heiratet er einen noch größeren Star, die Pianistin Geri Allen (1957-2017).
Die Ehe wurde 2008 geschieden, aus ihr gingen drei Kinder hervor.
Im weiteren Verlauf der neuen Jahrtausends dünnt sich seine Discographie merklich aus, auf Fotos erscheint der einst so schlanke Mann zuletzt stark übergewichtig.
Wallace Roney, geboren am 25. Mai 1960 in Philadelphia, starb am 31. März 2020 in New Jersey, im Alter von 59 Jahren.
Er gilt als eines der Covid-19-Opfer.

 


Fotos:
© Richard Williams (Montreux 1991)
© Hyou Vielz (Köln, 1994)

erstellt: 31.03.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalte

 

 

Jon Christensen, 1943-2020

Christensen Tod 1

 

Pardon, aber das muss sein.
Der Tod von Lyle Mays (ein gewiß nicht unbedeutender Musiker, aber doch für den größten Teil seiner Karriere an der Seite eines Meisters) wurde von vielen Feuilletons beachtet, er wurde sogar in den Nachmittagsnachrichten des DLF vermeldet.
Der Tod von Jon Christensen (der Jahrzehnte an der Seite mehrerer Meister und dazu als bedeutender Stilist gewirkt hat), er ist am Abend des Todestages gerade mal von diversen Wikipedias erfasst.
(Es steht zu befürchten - und hat sich bestätigt -, dass sein Tod ähnlich kleine Kreise zieht wie der eines anderen großen Stilisten, Allan Holdsworth.)
Ein eklatantes Versagen des deutschen Feuilletons.
Das britische Magazin Jazzwise immerhin folgt dem Imperativ in seinem Namen und verlinkt nach ein paar Zeilen zu einem YouTube Video, einem Konzert mit Sonny Rollins, das den Verstorbenen 1971 im vollen Fluge zeigt.
Es vermittelt anschaulich einen Teil der Qualitäten, die in summa dazu führten, dass er für sein Hauslabel ECM auf fast so vielen Alben mitgewirkt hat, wie es der Anzahl seiner  Lebensjahre entspricht (das letzte 2018 mit dem dänischen Gitarristen Jakob Bro).
Darunter, wenn das britische Wikipedia richtig liegt, ein einziges in eigener Regie, „No Time for Time“, 1976.
Den Titel kann man als zarten Hinweis auf seinen Stil lesen, auf seine Qualität als einer der ersten und einer der führenden Vertreter des broken swing in Europa.
Er selbst hat sich gegenüber dem US-Magazin Drummerworld
 so geäußert:
„Wenn ich mit einer Band im 4/4-Takt in mittlerem Tempo spiele, und ich habe Lust, das ein bisschen aufzulockern, könnte ich aus dem Tempo herausgehen oder ganz aufhören - aber ich weiß immer genau, wo ich bin. Ich markiere einfach nicht die 1 oder überbrücke bis zum nächsten Takt mit fills. Ich versuche immer, das zu vermeiden. Stattdessen versuche ich, in Wellen zu spielen.“
Jon Christensen ist Ende der 50er Jahre als Autodidakt gestartet, 1960 gewinnt er einen Preis bei einem Amateurfestival; 1964 spielt er mit Kenny Dorham in Oslo, im gleichen Jahr mit der norwegischen Sängerin Karen Krog in Antibes.
1967 beginnt die Arbeit mit Jan Garbarek, danach mit Terje Rypdal, mit Keith Jarrett, dessen europäischem Quartett er angehört.
Und dann, ab 1970 ff konnte man mitunter den Eindruck haben, Norwegen verfüge nur über einen jazztrommelslager - nämlich ihn, Jon Christensen.
Er konnte vieles, und gern haben wir in diesen Stunden noch einmal nach „Cracked Mirrors“ (1987) gegriffen, das ihn mit einem jüngst Verstorbenen verbindet, nämlich Herbert Joos sowie dem österreichischen Gitarristen Harry Pepl (1945-2005), in einem Werk, das das Sampling bis in den FreeJazz treibt.
Jon Ivar Christensen, geboren am 20. März 1943 in Oslo, war verheiratet mit der Schauspielerin Ellen Horn, 69, sie war u.a. eineinhalb Jahre Kulturministerin im Kabinett von Jens (NATO) Stoltenberg.
Per Facebook teilt sie seinen Tod mit, er starb am 18. Februar 2020 im Alter von 76 Jahren, vier Wochen vor seinem 77. Geburtstag.

 erstellt: 18.02.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten

 

McCoy Tyner, 1938-2020

2020 hat einen schlechten Start; zumindest das Kurzzeitgedächtnis will uns sagen: nie zuvor sind so viele JazzmusikerInnen schon im ersten Quartal eines Jahres verstorben:
Wolfgang Dauner (10.01.), Geoff Castle (15.01.), Claudio Roditi (17.01.), Jimmy Heath (19.01.), Lyle Mays (10.02.), Jon Christensen (18.02.), nicht zu vergessen die Gitarristin Susan Weinert (02.03.) im Alter von erst 54 Jahren.

Und jetzt McCoy Tyner.

Tyner Homepage 1

 Im Sommer 2018, ein halbes Jahr vor seinem achtzigsten Geburtstag, holte ihn noch einmal seine Vergangenheit ein.
Das Risiko, dass damit ein Ereignis mit negativem Vorzeichen gemeint sein könnte, tendierte bei dieser Karriere gegen Null.
Es war die Veröffentlichung des „Lost Album“, einer Produktion im Jahre 1963 mit dem John Coltrane Quartet, fraglos einer von mehreren Gipfeln in einer außerordentlichen Karriere.
Mit 21 wurde Tyner in dieses, eines der wichtigsten Ensembles der Jazzgeschichte, berufen. Er blieb dort fünf Jahre, gestalte dort u.a. das bahnbrechende Album „A Love Supreme“ mit.
 Dass er im hohen Alter nicht mehr alle Fragen der Jazz-Archäologie beantworten konnte, die ihn anlässlich dieses Fundes bedrängte (Hat nicht doch er das unbetitelte Stück „11386“ geschrieben und nicht Coltrane? Wer war der mysteriöse Dirigent am 6. März 1963 in den Rudy van Gelder-Studios?) - wer wollte ihm das verübeln?
Am Sockel seines Rufes als „Titan“ (wie das Label Blue Note twittert) wird darob kein Krümmelchen abfallen.
McCoy Tyner war Urheber eines der prägnantesten Klavierstile des Jazz.
Er spiele das Instrument „wie ein brüllender Löwe“ wird gern der amerikanische Kritiker Bill Cole zitiert. Da ist was dran.
Die wuchtigen Bässe in der linken (Tyner war Linkshänder), die perlenden, wogenden Linien in der rechten, zumeist verbunden von einer Quartenharmonik. Er war kein Freund der Idee, einen einzelnen Ton auszukosten.
Diesen Widerhall hört man seit Jahrzehnten, vom frühen Chick Corea bis hin zu einem heutigen Pianisten wie Pablo Held.
McCoy Tyner war Anwender des Coltrane-Erbes bis weit über dessen Tod (1967) hinaus. Er hat zwar auch Geigen im Hintergrund aufziehen lassen ("Fly with the Wind", 1976), aber nie ein elektrisches Instrument angerührt.
„Elektrische Musik ist schlecht für deine Seele.“
Das Zitat erlaubt einen Blick auf seinen spirituellen Hintergrund. Aufgewachsen als Christ, konvertrierte Tyner mit 18 Jahren zum Islam. Als Eiferer ist er dabei nie hervorgetreten. Sein Lebensmotto verträgt sich bestens mit anderen Zugängen: „Diese Botschaft der Einheit war das Wichtigste in meinem Leben, und natürlich hat sie meine Musik beeinflusst“.
2002 wurde ihm eine der größten Ehrungen seines Landes zuteil, er wurde zum Arts Jazz Master im National Endowment for the Arts ernannt.

Alfred McCoy Tyner, geboren am 11. Dezember 1938 in Philadelphia, starb am 6. März 2020 in New Jersey. Er wurde 81 Jahre alt. Eine Todesursache wurde nicht bekannt gegeben.

erstellt: 07.03.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten

PS: Was haben wir während des Schreibens dieser Zeilen gehört?

„Supertrios“ aus dem Jahre 1977, vor allem die ersten sechs tracks mit Ron Carter, b, und Tony Williams, dr.

Lyle Mays, 1953-2020

Ja, man könnte versucht sein, mit einer alteuropäisch-bildungsbürgerlichen Denkfigur zu beginnen.
Wonach Mays „der Eckermann“ von Pat Metheny gewesen sei.
So oft tauchte sein Name im Gleichklang mit dem des anderen auf.
Aber erstens war Mays nie so etwas wie „der Sekretär“ von Metheny (wie Eckermann von Goethe), zweitens waren sie peers, Gleichaltrige
(Lyle David Mays, geboren am 27. November 1953 in Wausaukee/Wisconsin, ein Dreivierteljahr vor Pat Metheny).
Und sie haben bereits in jungen Jahren, beide knapp über zwanzig, eine Zusammenarbeit begonnen, die an die 30 Jahre währte, bis zu Metheny´s Album „The Way Up“, 2003. Zudem sind sie sich dabei von Anfang auf Augen- bzw. auf Ohrenhöhe begegnet.
„Lyle war einer der größten Musiker, die ich je gekannt habe. In mehr als 30 Jahren war jeder Moment, den wir in der Musik teilten, etwas Besonderes“, lässt sich denn auch Pat Metheny vernehmen.
„Von den ersten Noten an, die wir zusammen gespielt haben, hatten wir eine unmittelbare Bindung. Seine breite Intelligenz und musikalische Weisheit prägten in jeder Hinsicht jeden Aspekt dessen, wer er war. Ich werde ihn von ganzem Herzen vermissen.“
Lyle Mays 1f9bd13e02Tatsächlich ist das Werk von Mays, unabhängig von Metheny, relativ schmal; es umfasst eine Reihe von Gastrollen, u.a. bei Paul McCandless, Eberhard Weber, Bob Moses, Rickie Lee Jones oder Joni Mitchell,  und auch sechs eigene Alben, worunter das letzte „The Ludwigsburg Concert“, 2016 veröffentlicht, eine Aufnahme von 1993 ist.
Mays war auch Pianst, trat aber vor allem als keyboarder hervor, und dies weniger mit hals-
brecherischen Soli a la Jan Hammer oder Chick Corea, sondern eher im Sinne von opulenen elektro-akustischen Orchestrierungen des Klanges.
Er war einer aus den keyboard-Wagenburgen jener Jahre, der auch sehr viel später, als die Geräte deutlich geschrumpft waren, vom Vorzeigemodus des Technologen nicht lassen mochte, wie ein YouTube-Video von 2011 zeigt.

Auch zu diesem Zeitpunkt ist er noch einem Jazzrock wie in den 70ern verpflichtet.
Er, dem immer schon eine Begabung für das Mathematische nachgesagt wurde, habe, so kann man lesen, seine letzten Jahre als Software-Manager gearbeitet. 2016 erklärt er dem amerikanischen Magazin Jazziz (Foto):
"Es ist nicht so, dass ich wirklich den Wunsch habe, die Musikindustrie zu verlassen. Ich habe das Gefühl, dass die Musikindustrie mich verlassen hat, oder uns alle verlassen hat.“
Am 10. Februar ist Lyle Mays in Los Angeles einer längeren Krankheit erlegen. Er wurde 66 Jahre alt.

erstellt: 11.02.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten

 


 

Jazz-Anker in der Alten Münze

Alte muenze berlin

 

 

House of Jazz, so schön verständlich wie zutreffend, darf die Alte Münze nach dem Umbau nicht heißen.
„House of Jazz“, das klingt zu sehr nach Till Brönner.
Der mit einem Konzept dieses Namens zwar früh gestartet, aber abgeblitzt ist, nachdem sein einstiger Förderer, Tim Renner, auf dem entscheidungsrelevanten Posten des Berliner Kultursenators von Klaus Lederer (Linke) abgelöst wurde.
Brönner musste zwei Mitbewerber mit an Bord nehmen, zu offen-
kundig waren die Bedenken, ein Jazzhaus nach seinem Gusto würde der Vielfalt des Genres nicht gerecht.
Nun bekommt er den Zuschlag zusammen mit der Deutschen Jazz Union sowie der IG Jazz Berlin für eine Institution, die begrifflich auf tönernen Füßen steht, eine Ankerinstitution des Jazz in Berlin.
Man kann sich gut vorstellen, wie sich die Fremdenführer auf den Touristenbooten vor Lachen kaum auf den Beinen halten, wenn sie dereinst das Areal an der Spree passieren und ausrufen:
„Auf der rechten Seite das Gelände der Alten Münze am Molkenmarkt, 1935 von den Nazis gebaut, bis 2005/06 wurden dort Münzen geprägt, heute befindet sich darin die Ankerinstitution des Jazz in Berlin!“
Das zukünftige Haus einer umfassenden Jazzkultur verbal neu anzusteichen, dürfte ein Leichtes sein gemessen an dem Aufwand, die Wogen zu glätten, die weitere Mitbewerber ausgelöst haben.
Darunter die Spreewerkstätten, die mit einjährigen Mietverträgen seit 2014 bereits auf dem Gelände wirken und davon ausgingen, „dass die Alte Münze ein transdisziplinärer Veranstaltungsort wird“ (so gegenüber der taz).
Sie gehen ebenso leer aus wie eine Vereinigung der Neuen Musik, die für gewöhnlich in solchen Konkurrenzen gute Karten hat und immerhin vom Rückwind des einstigen Bundesinnenministers Gerhart Baum (FDP) sowie vom Komponisten Péter Eötvös getragen wurde, die Initiative Neue Musik Berlin (INM).
„Gemessen an dem Prozess und den Bedarfen der freien Musikszene insgegsamt ist es ein kulturpolitisches Desaster“ (gleichfalls in der taz).
Dabei hatten die Initiativler ihre Vorstellungen in einer bunten Karte, schön wie ein Mobile, vorgebracht.
INM Bild

Demgegenüber betont die Senatsverwaltung, die unterlegenen Bewerber seien zu wenig von ihren Konzepten abgewichen, um auch andere Genres zu integieren. Das House of Jazz hat auf dem Weg zum Ankerzentrum offensichtlich die entscheidenden Wandlungen vollzogen.
Es soll saniert werden, bis 2026. Der Senat stellt dafür 35 Mio Euro bereit, für den dann laufenden Betrieb hat der mitbeteiligte Bund noch nichts zugesagt.
Ob man dann oder - Berlin, Berlin - ein paar Jahre später einen Traum von Till Brönner erleben wird, ein Großensemble nach dem Modell des französischen Orchestre National de Jazz…
bis dahin werden noch viele Touristenboote die Baustelle passieren.

erstellt: 24.01.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


 

Ginger Baker, 1939-2019

ginger baker 001

 

 

 

 

Cyril Davies, Alexis Korner Blues Incorporated, Graham Bond Organization, Cream, Blind Faith, Air Force, Fela Kuti, Baker Gurvitz Army, Jonas Helborg, Gary Moore, Jazz Confusion…
viele dieser Namen rauschen durch in den Nachrufen auf einen der „100 greatest drummers of all time“ (Rolling Stone).
Sie betonen - völlig zurecht - den vierten Namen, den des Trios Cream, wo Baker zwischen 1966-68 den Ruf etabliert hat, von dem er lange Jahre zehren konnte.
Er kam aus dem in Richtung Rhythm & Blues offenen britischen Jazz-Mainstream,
kurzzeitig unterrichtet von Phil Seamen (1926-1972), der ihn mit afrikanischem Trommeln, aber auch mit der Heroin-Nadel bekannt gemacht haben soll.
Der Weg von Bond zu Cream war kurz, sozusagen auf dem Blues-Wege, nun aber erweitert um eine Solistik, wie sie die Rockmusik bis dahin nicht kannte. Bekannteste Exponate: der Willie Dixon-Klassiker „Spoonfull“ und Baker´s eigenes Feature „Toad“, darin die Doppel-bassdrum als vordergründiges, die langen patterns über die toms als sein strukturelles Markenzeichen.
Der eigentliche Motor seines Trommelstiles aber lag woanders, sozusagen auf halber Höhe.
"Wenn wir rhythmisch auseinander fallen sollten - es gilt Ginger´s hi-hat“).
Dieser Rat des afrikanischen Perkussionisten Abas Dodoo ist aktuell; er stammt aus dem April 2019, aus der Probe vor den mutmaßlich letzten Auftritten des legendären Drummers, beim Ruhrjazzfestival in Bochum und in Berlin.
Mit Musikern, die in keinem der Nachrufe auftauchen - obwohl sie bereits 1987 eine Platte mit ihm aufgenommen haben („African Force“), im Stadtgarten Köln und in einem Studio am Rande des Sauerlandes, in Iserlohn: Wolfgang Schmidtke und Jan Kazda (seinerzeit noch Mitglieder der Jazzrock-Combo „Das Pferd“) aus Wuppertal.
2019 kam noch zwei MusikerInnen aus Südtirol dazu (Michael Lösch, p, sowie Helga Plankensteiner, bars).
Kam Ginger Baker 1987 seinen Mitmusikern noch aggressiv daher, erschien er Schmidtke in diesem Jahr als gebrechlich. Er hält dessen Auffassung von Rhythmik für durchgängig „afrikanisch“. Und in der Tat, „Toad“ unter diesem Vorzeichen gehört, macht Sinn.
Ob er handwerklich zu den „100 greatest drummers of all time“ zählt, werden seine Berufskollegen kontrovers beurteilen. Im Zweifel würden sie „Sunshine of your Love“ auch ganz anders begleiten.
Aber, er war ein großer Stilist. Und neben Afrika klangen bei ihm sicher auch Elvin Jones und Art Blakey mit an.
In deren Sektor aber, ausweislich eines Mitschnittes vom Deutschen Jazzfestival Frankfurt 1993 (mit Charlie Haden und Bill Frisell), war er eine eher kleine Leuchte.
Peter Edward „Ginger“ Baker, geboren am 19. August 1939 im Londoner Vorort Lewisham, ist am 6. Oktober 2019 in einem Krankenhaus in Canterbury verstorben. Er wurde 80 Jahre alt.

 erstellt: 06.10.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


 

Abschied von Wolfgang Dauner

Er habe, sagt ein Teilnehmer, zum ersten Male bei einem Jazz-Ereignis seinen Rucksack auf Sprengstoff durchsuchen lassen müssen.
Das war anlässlich der Trauerfeier für Wolfgang Dauner, Stuttgart´s „great son“, im Theaterhaus.
Aber nicht der Verstorbene war Grund für die vorbeugende Maßnahme, sondern die Anwesenheit von Prominenz, allen voran der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann.
Er war tatsächlich gekommen, wie erst neulich an dieser Stelle gemutmaßt.
Laut Stuttgarter Zeitung wurde er bei seiner Trauerbekundung sogar „philosophisch“.
Und zwar mit einem Gedanken, an dem die Jazzwelt sich berauscht wie sonst Menschen in der Shisha Bar, der von anderen Teilen des Wahlvolkes aber bestritten werden dürfte:
„Jazz ist Freiheit, das Synonym für ein besseres Leben.“
Dauner kuhn 1 1Neben Kretschmann sah man Fritz Kuhn (Foto), den grünen OB der Stadt.
Und sogar Günther Oettinger, Vorvorgänger Kretschmann´s und bis vor wenigen Wochen EU-Kommissar.
Der häufig Unterschätzte und Fehlgedeutete dürfte unter zehn Rednern der einzige gewesen sein, der mit dem Verstorbenen aktiv musiziert hat: bei einer Feier sollen Dauner & Oettinger vierhändig am Klavier so manches durchgeknetet haben von „Yellow Submarine“ bis „Marina“ von Rocco Granata (1959) - ein wahrhaft Dauner´sches Panoroma.
Reproduzierbar diesmal nur der Dialog des Sohnes, Florian Dauner am Schlagzeug, mit dem Vater am Piano, „vom Band“.
Abschließend mussten die 600 Trauergäste sich ins Foyer begeben, sie durften von beiden Seiten den vorbeigetragenen weißen Sarg mit Blumen bewerfen.
Die können´s die Stuttgarter, staunt der Berichterstatter aus der Ferne.
Die können feiern. Gerade auch in der Trauer.
Dauner Sarg 1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: Leif Piechowski
erstellt: 23.01.20

©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten


 

Loft@30

Seit vier Jahren ist er als Flötist des WDR Sinfonieorchesters pensoniert, das Bundesverdienstkreuz hat er (2015), was kann jetzt noch kommen?
Ein Doktortitel vielleicht?
Sosehr er ihm auch zustünde, ein honoris causa allemal, die Zeit wird knapp.
Und er nutzt sie, auf ihm vertraute Weise, er spielt z.B. als Aushilfe im Gürzenich Orchester und freut sich wie dolle.
HMM 30 jahre loft 1 foto gerhard richterDas Vergnügen darüber ist ein kleiner Teil der großen Erzählung „Das Loft wird 30“. Denn Hans-Martin Müller (noch 66) ist es bestens gelungen, sein Lebenswerk zukunftsfest zu machen.

Sein Lebenswerk, das Loft, war dem britischen Guardian 2016 als einer der „10 besten Jazzclubs Europas“ zu Ohren gekommen.
So ungenau wie die Angabe „beer €3 half litre“, so unge-
nau ist die Charakterisierung als „Jazzclub“.
Denn wer den dritten Stock einer früheren Parfümfabrik in Köln-Ehrenfeld erklommen hat, trifft dort in der Tat zunächst auf einen Ausschank.
Aber was er zu hören bekommt (und was der neue Slogan „beyond mainstream“ nur lauwarm einfängt), enteilt mehr noch als im nahen Stadtgarten in Richtung Avantgarde (die Schnittmenge mit dem Straight Ahead Jazz im neu eröffneten King Georg dürfte Null sein).
Im Loft spielen, heißt für viele Musiker, inbesondere Kölner, etwas ausprobieren können. Experimentelle Musik, als Begriff kaum noch gebräuchlich, hat hier einen Ort. Zum Beispiel beim Jubiläumskonzert Dietmar Bonnen´s „12 Tones for 9 Musicians“, worin nur dem Schlagzeuger die Zeitachse des Kompositionsrahmens bekannt ist.
Im Loft spielen, heißt für die allermeisten auch: wenig Einkommen erzielen. Denn alle spielen auf Eintritt.
Und dennoch drängen sie, von Absolventen des Jazzseminars an der Kölner Musikhochschule, die hier ihre Bachelor- und Masterkonzerte geben, bis zu Alexander von Schlippenbach, der auf der alljährlichen Dezember-Tournee das Loft nicht auslassen kann.
Nils Wogram, Hayden Chisholm, Pablo Held, Jonas Burgwinkel, Robert Landfermann, jüngst Janning Trumann sowie fast alle 20 Träger des Kölner Jazzpreises - die post-„Jazzhaus“-Generation des Kölner Jazz ist im Loft gestartet (und später auch im Stadtgarten heimisch geworden).
Das Loft veranstaltet an die 220 Konzerte im Jahr; seit es sie gibt, seit 11 Jahren, wird es dafür mit der Spielstättenprämie des Landes NRW ausgezeichnet, 2019 waren das 20.000 Euro.
Mit der ähnlichen Auszeichnung des Bundes, mt „Applaus“, gab es groteske Probleme, das Loft bewirbt sich nicht mehr, es kann sich nicht mehr bewerben. Der Grund ist ein erfreulicher: ein Betriebskostenzuschuß der Stadt Köln (ein Ausschlußkriterium für „Applaus“). Er ist 2019 auf 100.000 Euro gewachsen.
Und nun wird´s familiär, systemisch-familiär.
mueller benni 19sep 30 jahre loft 1 foto gerhard richterDie Unterstützung der Stadt erlaubt, die in 2017 einge-
richtete halbe Stelle für einen künstlerischen Betriebssleiter nunmehr auf eine volle aufzustocken.
Urs-Benedikt Müller (noch 37), der sich dort warm-
gelaufen hat, hat sie jetzt übernommen.
UBM ist promovierter Biologe, nach 15 Jahren verlässt er die Natur-
wissenschaft, um sich vollamtlich um den Konzertbetrieb zu kümmern.
Die Lösung ist einleuchtend und von vielen Beteiligten derart begrüßt, dass HMM, der den Namen seines Sohnes gern mit akademischen Grad ausspricht, auf der Jubiläumsfeier verständigen Beifall erntet, als er einräumt, dieser Doktortitel bedeute ihm fast mehr als seinem Sohn.
Der Generationswechsel aber ist  noch breiter unterfüttert.
Eine Gilde endzwanziger MusikerInnen führt unter der Marke Junges Loft eine Reihe in Eigenregie durch. In Ansätzen schimmert hier ein Kuratorenmodell durch, das im Stadtgarten, im „europäischen Zentrum für Improvisierte Musik“, inzwischen voll entfaltet ist.
Ein „Kölner Jazz-Krieg“ aber, wie ihn ein Autor nicht zu Unrecht für die 80er Jahre ausgemacht hatte (damals stand die damals junge Stadtgarten-Mannschaft gegen eine alte Gruppe um den Impresario Gigi Campi), dürfte vielen heute völlig unvorstellbar, und allenfalls denen Ü60 erinnerlich sein.
Urs-Benedikt Müller, der Benni, ist einer der drei SprecherInnen der Kölner Jazzkonferenz, die eine Vielzahl der Aktiven der Kölner Szene vereint. Und die veranstaltet ihre Jahreshauptversammlung demnächst - nein nicht im Loft, nicht im Stadtgarten, im King Georg.

erstellt: 23.09.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten
Fotos: Gerhard Richter


Wolfgang Dauner, 1935-2020

35 Sekunden Nachruf in der Hauptausgabe der Tagesschau.
Judith Rakers spricht die Namen unfallfrei („… spielte an der Seite von Albert Mangelsdorff, Volker Kriegel oder Charlie Mariano“ (diesen Namen spricht sie semi-amerikanisch aus) - welchem Jazzmusiker aus Deutschland ist schon eine solche Aufmerksamkeit vergönnt?
Obwohl, Dauner, dessen offenkundiger Humor schnell auch eine motzige Färbung annehmen konnte, hätte er denn diesen Nachruf vorab gesehen, die Formulierung, wer von den drei Zitierten an wessen Seite gespielt habe, perspektivisch anders gewählt hätte.
Auf 36 Seiten in Knauer´s „Geschichte des Jazz in Deutschland“ wird er geführt, auf manchen mehrfach.
Und vieles, was da steht über „…_Weg bereitet“ und in den ersten Nachrufen „Urvater des deutschen Jazz“, „revolutionär“ etc. ist nicht falsch.
Dauner gehört unbestritten zu denen, die die Topographie des Jazz nach 1945 in diesem Land modelliert haben.
Gleichwohl muss man manchem heute die Linie nachzeichnen, die von „Stuttgart´s great son“ zu dem Berserker gleichen Namens in den sechzigern führt.
Dauner totalDauner war ein Mann der Tat.
Er trat mit nacktem Schlagzeuger auf, ein Klavier brannte, er spielte unter Bundeswehr-Tarnnetzen, gelegentlich spielte er auch ganze Säle leer.
Seine Laufbahn folgte auch insofern dem klassischen Weg der alten (Avant) Garde, als sie nicht direkt aus einer Akademie führte, sondern nach einem sogenannten ordentlichen Beruf, Maschinenschlosser („meine Pflegemutter hat gesagt: „Bub, bevor der nächste Krieg kommt, musst du ein richtiges Handwerk lernen.“) erst mal auf einer Parallelbahn wirtschaftlich Schwung aufnahm (Dauner hat als Trompeter bei Bäderkonzerten Maria Rökk und Zarah Leander begleitet), bevor sie sich dann auf das eigentliche Gleis begab.
Der unwahrscheinliche Ekklektizismus des Wolfgang Dauner, der sich unglaublich vieles zutraute und anpackte, und manches aus wirtschaftlichen Gründen nicht verschmähte, er nahm dort wohl seinen Anfang.
Vielleicht aber ist gerade dieser unwahrscheinliche Ekklektizismus der Grund, dass in diesem großen Aktivismus einzelne gelungene Projekte aufleuchten (z.B. das erste „Et Cetera“-Album, aufgenommen im Dezember 1970 in London), ein konzeptioneller Kern, ein Stil aber kaum zu erkennen ist. Dass über lange Strecken vieles in gediegener Konvention (das United Jazz + Rock Orchestra zum Beispiel) sich gefiel. Und schon gar nicht bis Amerika tönen konnte.
Wer an wessen Seite spielte, die Frage ist in den Fällen Albert Mangelsdorff und Eberhard Weber leichter zu beantworten.
Wolfgang Dauner, geboren am 30. Dezember 1935 in Stuttgart, ist ebendort am 10. Januar 2020 einer längeren Krankheit, wie es heißt, erlegen. Er starb keine zwei Wochen nach seinem 84. Geburtstag.

erstellt: 10.01.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten

 


David Samuels, 1948-2019

Die Crux seines Vornamens: dass er in beiden Varianten geführt wird.
Als Dave liegt sein letzter Eintrag in der JC-CD-Datenbank 1994 bei Pat Metheny „We live here“, 1994, laut liner notes mit einem Cymbal-Einsatz.
Als David hingegen wird er bei Metheny bis 2003 geführt, bis „The Way Up“.
Ähnlich bei Frank Zappa; je nach Vornamen taucht er dort bereits 1969 auf („You can´t do it on stage anymore, Vol. 4“ sowie „Läther“, 1976), aber auch auf dem legendären „Zappa in New York“, 1976.
Später noch „ARC“ von Jimmy Haslip, 1993.
Am längsten, 1978 bis 2008, wenn auch nicht durchgängig mit Begeisterung, blieb er bei den Jazzrock-Softies von Spyro Gyra.
David Samuels death lailasnews 600x400Und mittendrin das, was ihn bei uns bekannt gemacht hat, das Duo mit seinem alter ego David Friedman, Double Image „Open Hand“, 1993.
Das war das Nach-Echo eines Quartetts, in dem die beiden Außenseiter-Instrumente - vib und mar - zwischen 1977 und 1980 mal die Hauptrolle spielen durften.
Das Stabinstrument hat er in Boston, an der Berklee School of Music, bei Gary Burton gelernt, bevor er selbst dort zu den Lehrenden stieß.
Er hat zwei Lehr-Videos und ein -Buch über das Vibraphon veröffentlicht.
Sein professionelles Musikerleben begann 1974 mit Gerry Mulligan, beispielsweise dem berühmten Carnegie Hall Conceert, es schloß mit dem Caribbean Jazz Project, ua. mit Paquito
d´Rivera.
Er hat wohl an die 10 Alben unter eigenem Namen veröffentlicht, auf zahllosen Studiosessions gewirkt, in den letzten Jahren war er von einer Krankenheit gezeichnet.
Routine hat ihm nichts ausgemacht, auch beim dreihundertsten Male könne einem zu einem Stück noch etwas Neues einfallen.
„Oder man kann wenigstens jemand anderen inspirieren, anders zu spielen. Auch so kann man sich lebendigt halten.“
David „Dave“ Samuels, geboren am 9. Oktober 1948 in Waukegan/Ill, starb am 22. April 2019 in New York. Er wurde 70 Jahre alt.

erstellt: 24.04.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten


Miles Davis - "Birth of the Cool"

Zum Filmstart hat sich am Nachmittag in Köln-Ehrenfeld eine spezifische Gesellschaft eingefunden, zwei Dutzend Ü 50 dürften es sein, auch Frauen sind darunter.
Niemand von ihnen wird der - irrigen - Idee anhängen, unter „Birth of the Cool“ eine Doku über die Produktion des berühmten Albums 1948/49 zu erwarten.
Mit solchen Detail-Aspekten gibt sich heute kein Film mehr ab, bestimmt keiner, der mit Hilfe der BBC produziert wurde.
Unter „Birth of the Cool“ erwartet inzwischen ein jeder eine Arbeit über den Geburtshelfer, nein den Vater jener Eigenschaft, die zu übersetzen wir aufgegeben haben.
Sie schillert umso ambivalenter auch im Deutschen lange schon im sprachlichen Original, als „cool“.
Und Stanley Nelson bedient diese Erwartung in überbordender Weise, insbesondere in den langen Passagen mit Frances Taylor (1929-2018), der wohl größten Liebe des Prince Of Darkness. Fotos und Zeitzeugen beschwören das Traumpaar des Cool in einer Weise, dass der jazz-stilistische Begriff dahinter völlig verschwindet.
Dessen große Zeit war ja auch vorbei, als die Tänzerin in das Leben des Trompeters trat, erkennbar auch als covergirl der Alben „Someday my Prince will come“, „Miles Davis in Person“ (beide 1961) sowie „E.S.P.“ (1965).
Sein Verhalten ihr gegenüber war alles andere als cool - es sei denn man weitet diese Eigenschaft aus bis ins Asoziale. Dass er ihr 1961 einen Job bei der West Side Story untersagt und buchstäblich heim an den Herd holt (wo er der Unkundigen auch noch Grundtechniken des Kochens beibringen muss) war noch die geringste Form der Unterwerfung. Sie wurde auch Opfer seiner Boxtechnik.
„Jedes Mal, wenn ich sie schlug, fühlte ich mich schlecht, denn oft war es gar nicht ihre Schuld, sondern hatte mit meinen Launen und meiner Eifersucht zu tun.“
Bis auf einen nichtssagenden Interviewschnipsel spricht Miles im Film nicht, Nelson fügt mit Geschick passende Miles-Zitate ein, nachgesprochen im typisch-heiseren MD-Ton vom Schauspieler Carl Lumbly.
Die betagte Frances Taylor, die schließlich erzählt, warum sie ihn verließ und ihm dabei fast eine Träne nachweint, das ist eine der ergreifenden Szenen im Film.
Ebenso die von stummen Schwarz-Weiß-Fotos unterlegte Schilderung, als er 1959 in einer Konzertpause aus dem Birdland auf die 52nd Street tritt, eine weiße Freundin ans Taxi begleitet, sich eine Zigarrette anzündet und nach der Weigerung gegenber einem weißen Polizisten weiterzugehen, von einem zweiten mit dem Knüppel attackiert wird. Sein helles Jacket ist mit Blutflecken übersät. Die Fassungslosigkeit über diesen rassistischen Akt, aber auch Stolz spiegeln sich eindrücklich im Gesicht des Opfers.
miles davis birth of the cool 2 rcm950x0Dem Film liefen zwei Negativ-Urteile vorauf. Daniel Kothenschulte beklagt in der FR eine Mode in Dokumentar-
filmen: „Immer scheint etwas interessanter sei als die Kunst, um die es geht: Ist es Malerei oder Fotografie, kann man sie nicht kurz genug zeigen. Und wenn es Musik ist, gibt es kein größeres Tabu als ein ausgespieltes Stück.“
Letzteres haben wir uns lange schon abgewöhnt zu erwarten; aber wenn damit gemeint sein sollte, Musik käme zu kurz in diesem Film, so trifft dies nur auf die erste halbe Stunde zu.
Ab „Kind of Blue“ (1959), der Film geht chronologisch vor, erklingt hinreichend genug, worum es geht.
Viel gravierender ist ein Verdikt von Glenn Kenny aus der New York Times, in den fast zwei Stunden Film werde Teo Macero nicht erwähnt.
Stimmt.
Dabei erscheint dessen Name treulich in den Untertiteln einer Studio-Konversation mit Miles.
Die Nichtberücksichtigung von Teo Macero (1925-2008), der nicht einfach nur der Produzent von Miles Davis war, sondern den Tonsalat der Sessions von „In a silent Way“ und „Bitches Brew“ (beide 1969) über-
haupt erst in eine Form gebracht hat (die dann eine historische wurde), ist ein schweres Manko des Filmes.
Es ist ein typisches Kennzeichen dieser Art von Musikthematisierungen, sich auf Persönlichkeiten zu konzentrieren und alles Erklären & Einordnen ebenso an Interviewpartner zu delegieren. Per Anekdote kommt es dann günstigenfalls hervor, hier beispielsweise wenn Lenny White einen vamp aus „Bitches Brew“ singt und der Regisseur die entsprechende Passage daruntermischt.
Aber was Miles Davis außer seinem von allen beschworenen Genius denn wirklich zu seiner wechselnden Musik (und ihren Konstanten) geführt hat, das bleibt auch hier unterbelichtet.
Einer Erklärung am nächsten kommt eine als „Musikologin“ bezeichnete Gesprächs-
partnerin (Tammy L. Kernodle), die den eminenten Kunstwillen von Miles als Heilung seiner schwierigen Persönlichkeit meint ausgeben zu können. Hier hätte man - statt aus der Musikwissenschaft - eine Stimme aus der Psychologie gewünscht, die das Beispiel „Miles Davis“ einbettet in das weite Feld zahlreicher verwandter Fälle aus der Musik- und Kulturgeschichte.
Immerhin, der Wahnsinn dieser Person kommt - neben aller Glorie - nicht zu kurz, man muss neben Frances Taylor nur Mark Rothbaum, seinem Manager, zuhören. 
Oder Archie Shepp, den Miles nach der kollegen-üblichen Bitte des „sit in“ kalt auflaufen lässt.
Wayne Shorter, Quincy Jones, Juliette Gréco (nur sehr kurz), Santana, Marcus Miller, Joshua Redman, Vince Wilburn, Errin Davis, der Stichwortgeber sind viele. Und eindrückliche, z.B. der Festivalchef George Wein.
Daniel Kothenschulte beklagt in der FR, Stanley Nelson streife „das Politische am Künstler Miles Davis nur oberflächlich“.
Vermutlich weiß er nicht, dass dort so gut wie nichts zu holen ist. 
Niemand weiß mehr darüber als Gerald Early. Der Kulturkritiker hat 2001 einen einzigartigen Essay veröffentlicht: „Miles Davis als amerikanischer Ritter und amerikanischer Schurke“.
Niemand, so Early, habe je erfahren, wo Miles politisch steht, was er gewählt hat. 
Keiner hat das Phänomen MD so auf den Begriff gebracht wie Gerald Early von der Washington University in St. Louis. 
Im Film kommt er nur mit Belanglosigkeiten zu Wort. 
Dessen Stärke liegt denn auch woanders, nämlich im Archivmaterial, namentlich in zahlosen Fotos. „Birth of the Cool“ beeindruckt film-ästhetisch am meisten, wo der Regisseur über keine bewegten Bilder verfügt. Stanley Nelson hat ein Händchen dafür, Fotos zu montieren, ja sogar zu rhythmisieren.

erstellt: 03.01.20, ergänzt 16.01.20
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Jazz-Kahlschlag auf WDR3

Der Aprilscherz 2019 verspricht in Nordrhein-Westfalen, beim Kultursender des Landes, bei WDR3, besonders „nachhaltig“ zu werden.
Sein Gehalt steht, wie französischen Musikern auffällt, im Einklang mit Ereignissen bei ihnen daheim („Bei France Musique ist es genau so!“).
Der Aprilscherz 2019 bleibt bei WDR3 freilich nicht auf den 1. April beschränkt, sondern er gilt auch an den Folgetagen - er gilt bis zur nächsten Programm-„Reform“.
Wenn Jazzmusik von WDR3 vermutlich verschwunden sein wird.

Noch ist es nicht so weit, noch ist WDR3 lediglich auf dem Wege dorthin.
Zum 1. April 2019 wurde allen freien Mitarbeiter aus dem Bereich Jazz & World „die bisherige Form der Zusammenarbeit (…) als sendungsgestaltender Autor*in (…) beendet“, darunter zwei, die für ihre journalistische Arbeit für WDR3 mit dem „WDR Jazzpreis“ ausgezeichnet worden sind.
WDR3 wird ab dem 1. April 2019 „keine Programmkästchen mehr für die jeweiligen Genres haben, sondern eine Musikauswahl bieten, die – ausgehend vom Jazz – genreübergreifend ist.“ 

Damit werde der „Wechsel von der monothematischen Autorensendung zur kuratierten und moderierten Playlist“ vollzogen, präsentiert von lediglich vier ModeratorInnen.
Was hip & weltoffen wirken soll - bedeutet de facto den Abschied von WDR3 aus dem Jazzdiskurs.
Der größte deutsche öffentlich-rechtliche Radiosender, der einst mit Hilfe eines Dietrich Schulz-Köhn viele Hörer zum Jazz geführt hat, ohne dessen anfängliche Unterstützung der Stadtgarten Köln heute nicht als „europäisches Zentrum für Improvisierte Musik“ dastünde - er bezeichnet die stolze Musikgattung Jazz als „Programmkästchen“.
Sie wird sich ab dem 1.4.19 montags bis freitags die Strecke ab 22:04 Uhr teilen mit „World“ und „avanciertem Pop“. Mit anderen Worten: wer Jazz hören, wer gar seine vorhandenen Kenntnisse dieser Musikgattung aktualisieren will, muss immer auch die anderen Gattungen in Kauf nehmen (und vice versa).

Das mag in wenigen Einzelfällen fruchtbar sein.
Das ist  als Programmrichtlinie einer Institution mit Kulturauftrag musik-ästhetisch kaum zu begründen. Man wird nichts wiederfinden. 

(Würde WDR3 sich trauen, Kammermusik und Oper auf eine „playlist“ zu reduzieren?)
Die größte deutsche Radioanstalt begibt sich in Sachen Jazz - ohne Not - unter den Standard aller anderen ARD-Anstalten.

erstellt: 13.03.19/korr. 20.03.19
©Michael Rüsenberg, 2019. Alle Rechte vorbehalten