Stefan Hentz
Miles Davis
Sound eines Lebens
35 s/w Fotos, 383 Seiten, Verlag Reclam, 2026
32 € Hardcover, 27,99 € eBook
ISBN 978-3-15-011453-7
Das Miles Davis Centennial 2026 wäre doch mal Anlass, einen Blick in die nächste Buchhandlung zu werfen.
Höchstwahrscheinlich gar nichts zu diesem Künstler fände sich dort in den Regalen; andererseits kann man ja jedes deutschsprachige Buch binnen 24 Stunden liefern lassen. Oder sofort herunterladen.
Aber auch dann bleibt die Auswahl im wahrsten Sinne überschaubar.
Die Übersetzung der sogenannten Autobiographie mit dem Co-Autor Quincy Troupe von 1990 wäre da zu nennen („Bitte sagen Sie nicht: ´In seiner Autobiografie schrieb Miles Davis …´ Miles Davis hat nichts geschrieben“; Masaya Yamaguchi „Miles Davis: New Research on Miles Davis & His Circle“, 2019)
Die solide Biographie von Wolfgang Sandner ist auch schon 16 Jahre alt; noch älter, aber in seinen Musikbeschreibungen ein verlässliches Standardwerk geworden ist „Miles Davis - Sein Leben - Seine Musik - Seine Schallplatten“ von Peter Niklas Wilson (2001).
Das ist erschreckend wenig. Und selbst wenn man berücksichtigt, dass Über-Jazz-Lesen heute heißt Auf-Englisch-Lesen, weitet sich zwar das Angebot, etwa um die voluminöse „Definitive Biography“ von Ian Carr (1998).
It’s about that time, um mit einem Miles-Titel zu sprechen, es dürfte also Bedarf bestehen für eine neue Überblicksarbeit, für eine Biographie.
Und mit Stefan Hentz, 68, steht auch ein Kollege bereit, der zu den guten Federn im Gewerbe zählt: Zeit und NZZ lassen nicht einen jeden ran.
Er beginnt seine Biographie denn auch formal unkonventionell - nicht mit dem 26. Mai 1926 in Alton/Illinois, den Geburtsdaten von Miles Davis (seinen Todestag, 28.09.1991, hat er wenige Seiten zuvor schon erwähnt ). Er startet im November 1985, einem Tag „regnerisch und kühl und schmucklos.“ Da befindet sich Hentz auf dem Weg in die Staatsoper Hamburg, auf dem Weg zu einem Konzert der Miles Davis Group.
1985, das ist die Zeit von „Tutu“, ein Großkapitel mit mehreren Einschüben über diese Phase „Jenseits von Jazz und Pop“ folgt.
Der Autor erzählt von seiner Miles-Begeisterung und nutzt die nun nicht „Introduktion“ getaufte Einleitung, um in groben Zügen die Bedeutung des Sujets zu skizzieren, seinen eigenen Zugang dazu sowie seine Absichten mit diesem Band.
Es ist ein persönlicher Einstieg.
So liest man hier beispielsweise von einem „Ungleichgewicht“ in der Miles Davis-Literatur zugunsten dessen Aktivitäten in den fünfziger und sechziger Jahren, wohingegen spätere Entwicklungen („Abkehr vom swingenden Beat“, „polyrhythmische Grooves mit Tanz-Appeal“, „radikale Verschlankung melodischer Formeln“), gemeint ist offenkundig der Jazzrock-Anteil, „bestenfalls in kurzen Anmerkungen registriert“ sei.
„Hier geht es mir darum, ein Stück weit die Gewichte zu verlagern.“
Nun sind zumindest zwei dieser „kurzen Anmerkungen“ zu diesem Karrierefeld recht voluminös; sie füllen 350 Seiten wie Paul Tingens „Miles beyond“ (2001), oder gar 530 Seiten (George Cole, „The last Miles“, 2005). Hentz kennt beide, geht aber nur auf Cole ein.
Das „Ungleichgewicht“ lässt sich am Buchmarkt kaum nachzeichnen; erst recht nicht, wenn man alle Textsorten heranzieht (in einem Radio-Interview berichtet Hentz von einer 160-seitigen Bibliografie, die er vor dem Schreiben vom Jazzinstitut Darmstadt bezogen habe), und man eben auch musikologische papers von Enrico Merlin, Laurent Cugny, Clarence Bernard Henry, Jarno Kukkonen u.v.a. einbezieht.
Schon klar, „Miles Davis. Sound eines Lebens“ ist von seiner ganzen Anlage her kein musikwissenschaftliches Projekt, es richtet sich - wie die anderen MD-Biografien auch - an ein „breites“ Publikum.
In diesem Bemühen, d.h. z.B. in der Vermeidung von Fachtermini, begibt Hentz sich in eine sehr spezifische Art von Beschreibungspoetik, in eine Privatästhetik, die mitunter rätseln lässt, was er meint.
Demnach ruhe etwa „Davis’ Hardbop (…) im Wesentlichen auf dem kinetischen Swing einer dem Blues zugeneigten Rhythmusgruppe…“, wohingegen die Musik auf Bitches Brew „vom Reiz der Dschungelbeats“ lebe.
---wird fortgesetzt
erstellt: 18.03.26
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