Oceans of Time

The Musical Autobiography of Billy Hart

As told to Ethan Iverson

Cymbal Press, 2025.
288 S., ca 17 € Kindle eBook
(Paperback: 978-1-955604-24-6)

Manchen Kollegen, sollten sie denn dieses Alter erreicht haben, nimmt die Jazzwelt vorwiegend als lexikalische Größe zur Kenntnis.
Nicht so Billy Hart.
Seit dem 29. November 2025 ist er 85.
Allein im Jubiläumsjahr legt er ein halbes Dutzend neue Alben vor, darunter zwei mit seinem Quartett („Just“ auf ECM, sowie „Multidimensional“, ein Live-Mitschnitt aus dem Smoke Jazzclub NYC, 2023).
Gekrönt wird der Anlass von einer „musikalischen Autobiografie“, mit dem Pianisten aus seinem Quartett, den er seit bald 30 Jahren kennt, mit Ethan Iverson, als side kick.
Den größten Teil der Gespräche haben sie während der Corona-Pandemie über Video geführt. Die Transkription sowie historische Recherche lag in den Händen von Scott Douglass, einem Dozenten an der Columbia University, das Lektorat bei Shuja Haider (wir kommen darauf zurück).
Träte Hart bei David Letterman auf, träfe auf ihn bestens der Titel von dessen letzter Show zu „My next guest needs no introduction“.
Wer in den vergangenen sechs Jahrzehnten von den Gewässern des Jazz auch nur seine Füße hat umspielen lassen, muss ihn wahrgenommen haben, live (ungezählt) oder von 500 Sessions, wie er sie im Buche summiert, wohingegen Iverson a.a.O. von „über 600“ spricht.
Das geht los 1961 bei Buck Clarke, führt über Jimmy Smith, Herbie Hancock („The Mwandishi Years“, aus denen er auch seinen Suaheli-Namen hat, „Jabali“, der Fels), Miles Davis („On the Corner“, 1972), Stan Getz, McCoy Tyner, Shirley Horn, David Liebman, immer wieder Eddie Henderson, aber auch Joachim Kühn und Johannes Enders zu David Kiskoski und Aaron Parks in 2025.
In welcher Summe auch immer, mit dem Satz, „dass ich der meistaufgenommene Schlagzeuger auf LP und CD bin, der in kleinen Jazzgruppen mit umfangreichen Improvisationen spielt“ lehnt er sich nicht zu weit aus dem Fenster.
Was aber macht ihn so attraktiv für zahllose Kollegen und Bandleader?

Billy Hart ist ein Stilist. Was seinen Stil aber ausmacht, ist schwer zu beschreiben, schon gar nicht hat er, obwohl er unterrichtet, eine „Schule“ gegründet.
Aus einem eigenen Kapitel, in dem 22 Kollegen und Kolleginnen ihn mit Lob überschütten, ragt Terri Lyne Carrington mit einer Beschreibung heraus:
Für mich war er eine natürliche Weiterentwicklung von Roy Haynes, aber mit seiner eigenen Stimme. Wie Roy Haynes hat Billy Hart einen Ansatz, der nie alt wird, sondern immer hip und aktuell ist.
 Er ist nicht der Typ, der aus einem Arsenal an Licks schöpft; stattdessen führt eine Idee organisch zur nächsten, was bei einem Billy-Hart-Gig für viele Überraschungen sorgt!
Obwohl Billy Hart selbst Tony Williams als größten Einfluss nennt, taucht auch in seiner Selbstdefinition Roy Haynes auf (durchaus nachvollziehbar).
Als ich endlich dachte, ´meinen eigenen Stil´ gefunden zu haben, war ich ziemlich zuversichtlich. Aber dann hörte ich Roy Haynes und stellte fest, dass er bereits alles macht, was ich für ´meinen eigenen Stil hielt. Ich sah sogar Haynes ziemlich ähnlich, und in den Zeitschriften schaute sein Schlagzeug auch aus wie meines. Schließlich verstand ich, dass fast alles von irgendwo anders her kommt.“

Hier kommt ein zentrales Thema der Jazz-Ästhetik zur Sprache: das „find your own voice“ - finde deine eigene Stimme.

Jorge Rossy, ein weiterer unter den erwähnten 22, sieht das anders:
„Du bist nicht von anderen abhängig. Du hast deine eigene Geschichte zu erzählen. Und dann wird es ein wirklich gutes Gespräch.“

Der spanische Schlagzeuger (ex Chick Corea) verwechselt hier die Aufgabe mit ihren Voraussetzungen.
An anderer Stelle, aber durchaus in diesem Kontext, ziehen Hart/Iverson eine hoch-interessante Quelle heran, nämlich ein Zitat aus einer Tony Williams-Masterclass, April 1985, Dallas/Texas, eine dialektische Meisterpirouette:

Auf die Frage ´Wann hast du deinen eigenen Stil entwickelt?´, antwortete Tony. ´Das habe ich nie. Ich empfinde das auch heute nicht so. Ich habe immer noch das Gefühl, dass ich so spiele, wie die Menschen, die ich bewundere, spielen würden, wenn sie an meiner Stelle wären.´“

---wird fortgesetzt

erstellt: 27.11.25
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