IMMANUEL WILKINS QUARTET Live at the Village Vanguard *********

Volume 1

01. Warriors (Immanuel Wilkins), 02. Composition II, 03. Charanam (Alice Coltrane), 04. Eternal (Immanuel Wilkins)


Blue Note CD 00602488170826

Volume 2
01. The Big Country (Immanuel Wilkins), 02. Waiting Part 1, 03. Citrine, 04. Grace and Mercy, 05. Go ´head get down

Blue Note, nur digital


Volume 3
01. Ring Shout (Immanuel Wilkins), 02. Composition IX, 03. Dolla$, 04. Put 100 on the blue Chain

Blue Note, nur digital

Immanuel Wilkins - as, Micah Thomas - p, Ryoma Takenaga - b, Kweku Sumbry - dr

rec. 15./16.05.25

Herrschaften, was geht hier ab!
Das Jahr ist immer noch jung. Die Prognose scheint deshalb wenig gewagt: diese Produktion dürfte die am meist-diskutierte des Jazz-Jahrgangs 2026 werden.
Ein Grund, es dürfte ein Leichtes sein, mehrere Narrative damit zu verbinden.
Das einfachste suggeriert schon der Titel: diese Produktion stellt sich in die stolze Tradition etlicher Vorgänger unter „Live at the Village Vanguard“. Es ist die wohl renommierteste Reihe der Jazzgeschichte.
Und, kleiner spoiler, dieses „Live at the Village Vanguard“ hält sich gut im Vergleich zu den historischen Vorläufern von John Coltrane, Sonny Rollins, Bill Evans, Elvin Jones, Dexter Gordon u.v.m.
Ein anderes Narrativ ist die editorische Praxis, verknüpft damit die Frage nach seinem ontologischen Status:
ist dies lediglich eine Produktion (eine Ansammlung mehrerer Teile mit dem gemeinsamen Aufnahmedatum 15. und 16. Mai 2025 in jenem Club in New York City)?
Ist es aber auch ein Album?
Das bis dato gültigen Kriterium (in naher Zukunft dürfte es schon obsolet sein), nämlich eine Existenz in physischer Form, hier als CD und Do-LP, treffen nur auf Volume 1 zu, veröffentlicht am 20.03.26.
Die beiden anderen Teile folgen im Monatsabstand - und ausschließlich in digitaler Form, als download: Volume 2 (am 17.04.26) und Volume 3 (am 15.05.26).
Bevor Musikphilosophen den Ball aufschnappen: die Einheit von Ort, Zeit & Personal, noch dazu die Präsentationsästhetik (ein nur in der Volume-Zahl abweichendes Motiv) erfüllt für uns das Kriterium „Album“.
Begrüßenswert auch, dass den Interessierten nicht nur ein best of, sondern ein großer (möglicherweise vollständiger) Einblick in die sets jener Konzertabende im Mai 2025 geboten wird.
(Noch dazu kostenlos das gesamte Volume 1 über die Webseite von Blue Note Records)
Cover Immanuel Wilkins Vanguard„Live at the Village Vanguard“ ist ein einzigartiges Dokument von Dynamik & Emphase.
Im Gegensatz zu den zu den Live-Besuchern, die davon überrollt worden sein dürften, dürfen wir, die wir die Wucht der Klangwellen vor Ort nur in medial vermittelter Weise abbekommen, selektiv und damit gewissermaßen „analytischer“ hören (was prinzipiell für das Rezipieren von Tonträgern gilt, aber sich gerade hier vielleicht gar nicht unbedingt empfiehlt.)
Sei’s drum; die drei Teile liegen vor.
Und egal, ob sie nun den realen Verlauf der beiden Abende wiedergeben - es fällt auf, dass Immanuel Wilkins in jedem Teil mindestens einen Dynamik-Hammer untergebracht hat (früher auch genannt „da geht die Post ab!“), der das Quartett in vollem Flug seiner Möglichkeiten zeigt.
Und wer ganz oben einsteigen will, beginnt am besten mit dem opener von Volume 2, „The Big Country“. Ein uptempo swing, basierend auf einem 7-Töne-ostinato a la McCoy Tyner mit Saxophon-shouts, wie sie auf diesen Alben nicht selten sind.
Eines von mehreren Coltrane-nesken Stücken. Und die Spannung lässt nicht nach im Solo von Micah Thomas, der mit Tempo und Dynamik eher noch variationsreicher umgeht und im accelerando mit der herausragenden Rhythmusgruppe wieder auf Flughöhe bringt.
Das wohl explosivste dieser drei Stücke trägt den merkwürdigen Namen „Composition IX“ auf Volume 3 (merkwürdig deshalb weil es, wie „Composition II“, aus einer Gruppe von zwölf handelt, die nach Bachs Wohltemperierten Klavier „modelliert“ sein sollen. Wer will das heraushören?)
„Composition IX“ jedenfalls beginnt mit einem abenteuerlichen Duo von Wilkins und Kweku Sumbry, mit überschießenden sheets of sound auf dem Altsax (die gleichwohl nicht mit denen von Coltrane identisch sind), sodass man mitschreien und rufen möchte „great moments of jazz history“.
Nach der Hälfte von 24 Minuten überlässt er den Solistenpart Micah Thomas. Das Tempo scheint noch einmal anzuziehen. In der vor Energie berstenden Coda stösst Wilkins unerhörte (vermutlich auch ungehörte) shouts heraus; Klänge, Schreie kurz vor der vollständigen Verausgabung.
Wir ordnen die drei Alben immer noch nach den größten Dynamik-Hämmern. Und der dritte eröffnet die ganze Serie: „Warriors“ auf Volume 1. Auch hier wieder eine dramatische Coda, ein explosives drum-solo gegen riff, vulgo eine prägnante Wiederholungsformel.
Volume 1 enthält zwei weitere beachtenswerte tracks:
Zum einen in „Charanam“ von Alice Coltrane (aus „Turiya Sings“, 1982) den einzigen Standard, oder sagen wir besser die einzige Fremdkomposition dieser dreiteiligen Edition. Der Dynamikgrad fällt hier wiederum deutlich höher aus als im Original, wo die Coltrane-Witwe in Sanskrit singt und, sehr verhalten, ein keyboard mit warmen Streichersound bedient; mit anderen Worten: die Wilkins Men erhalten lediglich das thematische ostinato, das gar manchem als Ausweis von Spiritual Jazz gilt.
Der letzte track auf diesem Volume, „Eternal“, hat nichts mit dem gleichnamigen Album (2003) oder Stück von Branford Marsalis zu tun.
Es gehört eine ganz andere Kategorie. Und man kann sagen, dass dieses „Eternal“ - rein formal - schon jetzt zu den historischen Jazzstücken zählt: nämlich zu denen ohne Improvisation; nennen wir sie die „Nefertiti-Abteilung“, nach Wayne Shorters Komposition für das gleichnamige Album von Miles Davis (1967), gekennzeichnet durch ein in acht Minuten kaum variiertes Themen-Ostinato, gegen das einzig Tony Williams mit einem sehr berühmten drum concertos anrennt.
Auch „Eternal“ von Immanuel Wilkins ist signifikant gekennzeichnet durch ein ostinato (das man auch als Live-Loop bezeichnen könnte): ein 18-Töne-Motiv, das ohne jede Variation rund 75 Prozent des Stückes einnimmt (konkret von von 4:52 bis 19:36, danach eine Blende).
Man könnte es glatt für ein Doppelstück halten, wobei das zweite Stück lediglich Tonmaterial aus dem ersten Viertel übernimmt. So abrupt wirkt der Bruch bei Spielzeit 4:52.
 Dynamik & Tempo sinken deutlich ab; eben weil Tonmaterial übernommen wird, bietet sich an, hier von einer meditativen Coda zum ersten Teil zu sprechen (darin, lebhaft, wie an diesen Abenden üblich, ein formal vollständig ausgestaltetes Stück inklusive Soli von Altsaxophon und Piano).
Warum & weshalb?, erschliesst sich nicht aus dem Verlauf, es erscheint vollkommen mysteriös. Dass so etwas „spontan“ geschieht, ist kaum denkbar.
Das Stück besticht durch einen so eigenen Charakter, dass man andererseits die Frage danach geradezu als abwegig abtun mag.
In „Eternal“ kommt der Titel zu sich selbst.
Und man ist eher geneigt, an ein anderes dieser „ewigen“ Stücke zu denken, aus einer ganz anderen Gattung, aber mit ähnlichem Schwermut: „Jesus' Blood Never Failed Me Yet“, 1971, Gavin Bryars mit Tom Waits.

erstellt: 25.04.26
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