Die Deutschland-Premiere von Django Bates´ Charlie Parker Projekt „Tenacity“, ursprünglich war sie in der Mitte des 51. Deutschen Jazzfestivals in Frankfurt/Main platziert.
Jetzt eröffnet sie, Corona-bedingt, ein Festival, das dann erst mal zwei Tage pausiert und schließlich in einem Rundfunkstudio am Dornbusch drei Bands mit unproblematischem Anreiseweg, also aus Deutschland, lediglich als Stream hinausschickt.
Publikum ist lediglich in der Alten Oper zugegen, in zwei Shows jeweils ein Zehntel der normalerweise zugelassenen Besucheranzahl. Django Bates, gut drei Wochen nach seinem 60. Geburtstag, tritt ob der Maskerade im Auditorium ein wenig irritiert („pandemisized“, wie er sagt) ans Mikrofon.
Der Witz, gelegentlich auch der Humor, liegt an diesem Abend ausschließlich in der Musik, in seinen Arrangements einiger Stücke von Charlie Parker, denen er - wie üblich - ein paar eigene hinzugesellt („to go along with“).
Die Premiere war 2013 in der Royal Albert Hall in London, mit der Norrbotten Big Band, anschließend Studioproduktion in Lulea/Schweden.
Welcher Liga jene und die Band des Abends, die hr Big Band (für Englischsprachige: Frankfurt Radio Big Band), angehört, verdeutlicht der Umstand, dass 2016 am selben Ort die Frankfurter Bates´ „Saluting Sgt. Pepper“ uraufführen und die Schweden es später übernehmen (wie übrigens auch die Danish Radio Big Band sowie das UMO Jazz Orchestra in Finnland).
Bemerkenswert in diesem Zusammenhang, dass bisher diese überaus anspruchsvolle Aufgabe weder ein Orchester in England (der Heimat von Django Bates) noch in der Schweiz (wo er seit 2011 in Bern lehrt) gestemmt hat.
Wie in der Studioproduktion (CD „Tenacity“) ist auch die Frankfurter Performance sicher in seinem langjährigen Beloved-Trio verankert (mit Petter Eldh,b, und Peter Bruun,dr).
Das Repertoire weicht geringfügig von der Studioproduktion ab. Die beiden Eck-Stücke („Cordial“ und „Tenacity“) sind durch zwei weitere Parker-Arrangements ersetzt („Scrapple from the Apple“ und „Chi Chi“).
Ansonsten hat der Bandleader nichts geändert an seinen Arrangements, die eher schon als Re-Kompositionen zu bezeichnen sind. Nichts, außer den expressiven Werten, auf die er wenig Einfluß hat. Die aus der Umsetzung der Vorlagen das spezifische Fluidum des Abends machen, seine Unwiederholbarkeit.
Staunenswert die Verzahnung des Trios, sowieso, aber auch wie der Gitarrist Martin Scales quer über die lange Rampe, rein aus der Partitur, gelegentlich den „vierten Mann“ gibt.
Staunenswert, wie Bates vom Klavier aus mit wenigen Gesten die Einsätze des weit verstreuten Ensembles steuert („noch drei Takte“). Bis auf einen kurzen Moment bleibt das Dirigentenpult verwaist.
Staunenswert, wie in „Donna Lee“ die Reggae- und Dub-Effekte der (nachbearbeiteten) Studioproduktion rein handwerklich erzielt werden.
Diese Rumpfausgabe des ältesten deutschen Jazzfestivals, sie wird voraussichtlich allein durch diesen Abend in Erinnerung bleiben.
Django Bates FFM 2020 1

 

 

 

 

 

 

Petter Eldh
Peter Bruun
Django Bates
(v. l.n.r.)

 


Foto:hr/Sascha Rheker

erstellt: 29.10.20
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