Der Jazz ist gut 100 Jahre alt.
Seit 70 Jahren versteht er sich, in zunehmendem Umfang, als Kunstmusik.
Da macht die New York Times („all the news that´s fit to print“) eine verblüffende Entdeckung:
„Seit 50 Jahren ist die Musik (der Jazz) verwurzelt in akademischen Institutionen. Das Resultat: oft ist sie nicht zugänglich für und abgetrennt von gerade den Leuten, die sie erfunden haben: junge schwarze Amerikaner.“
Der Anlass für den großen, kleingeistigen Umflug des NYT-Autors Giovanni Russonello ist nachvollziehbar: die im Zuge anhaltender Polizeigewalt erstarkende Bewegung Black Lives Matter.
Die Bewegung hat eine Hymne; sie wird bei Demonstrationen gesungen, sie dröhnt aus Autoradios: „Alright“ von Kendrick Lamar (2015).
Mr. Lamar ist zweifellos kein Jazzmusiker, aber immerhin haben „junge, jazz-trainierte Musiker“ an seinem Song mit-gewirkt, Terrace Martin, as, und Thundercat, voc.
Es folgt eine kurze Gleichsetzung der Szene, aus der sie (und Kamasi Washington) stammen, die Leimert Park Scene in Los Angeles mit dem Harlem der 40er Jahre von Dizzy Gillespie - „heute aber können lokale Szenen wie diese kaum überleben. Der Elfenbeinturm, nicht die Straße, ist der Ort der Jazztradition geworden.“
Nun wäre das das Schlechteste wohl nicht, herrschten dort wenigstens ethnisch gerechte Verhältnisse.
Aber „unter den mehr als 500 Studenten, die pro Jahr an amerikanischen Universitäten einen Jazz-Abschluß erwerben, sind weniger als 10 Prozent schwarz. 2017, dem Jahr mit den letzten verfügbaren Daten, waren exakt 1 Prozent der Jazz-AbsolventInnen schwarze Frauen.“
Stop. Vermutlich wirken diese Zahlen in einem deutschen Jazz-Blog ebenso als Blendgranate wie in der New York Times - wenn man sie nicht mit ein paar grund-
sätzlichen Überlegungen abfängt.
Sondern, wie Russonello und seine Interviewpartner vom Faulgas identitäts-politischer „Überlegungen“ betäubt argumentiert. Darin kommt Jazz ausschließlich als afro-amerikanische Musik vor und gipfelt in dem Verweis auf das neue Manifest eines „We Insist!“-Kollektivs:
Dessen eröffnende Sätze machen alles vergessen, was in Jahrzehnten über Jazz als Grenzen überwindende Kunstform, ja auch als „Weltmusik“ gedacht und auch erstritten wurde.
Sie stellen den Universalismus der Jazzwelt auf den Kopf:
„Die Geschichte des Jazz ist die Geschichte des Strebens nach der Befreiung der Schwarzen, und diese Befreiung kann nur durch den Abbau von Rassismus und des Patriarchat geschehen. Die Musik dieses Landes, der Jazz, erzählt von diesem Kampf für Gerechtigkeit und die Befreiung der Schwarzen in den Vereinigten Staaten und im globalen Süden. Nach dieser Definition ist Jazz ein inhärent kollaborativer revolutionärer Akt und Diskurs. Gegenwärtig wird dieser revolutionären Ausrichtung in akademischen Jazzprogrammen oder -räumen, in der Plattenindustrie, in den Medien oder in Kunstorganisationen wenig Respekt entgegengebracht. In den meisten Fällen handeln diese Programme und Institutionen - fahrlässig, systematisch und konsequent -, um den revolutionären Charakter dieser Kunst und dieses Diskurses um Rasse und Geschlecht abzulehnen, abzulenken, zum Schweigen zu bringen und zu verbergen.“
Waitaminute.
Wenn unter den Jazz-Graduierten in den USA „weniger als 10 Prozent schwarz“ sind, mag man das beklagen und Verbesserungen einfordern. Alles gut.
Bei einem Anteil der Afro-Amerikaner an der Gesamtbevölkerung von 13 Prozent im Jahre 2019 (1910 waren es 10.7 %) ist die Differenz so dramatisch nicht.
Es mögen ja Studenten wie Naledi Masilo, von der Black Student Union am New England Conservatory, Debatten darüber bekommen, „welche Rolle Schwarzsein in dieser Musik spielt“ (kann man sich die - umgekehrte - Frage an der Musikhochschule Köln vorstellen?).
Völlig außen vor bleibt in der New York Times die Ästhetik dieser Musik, ihre Historie, ihre Errungenschaften als Kunstmusik, noch schlimmer: die Autonomie der JazzmusikerInnen. Allenfalls beim Pianisten Jason Moran, der seine Studenten nicht nach Curriculum unterrichtet, blitzt so etwas auf wie der Appell an künstlerischen Eigensinn.
Für die meisten Befragen taugt Jazz zu kaum mehr als Begleitmusik des Community Building. Zum Beispiel bei der Flötistin Nicole Mitchell, Nachfolgerin von Geri Allen (1957-2017) in der Jazzabteilung an der Universität Pittsburgh:
"In der Musik geht es um Gemeinschaft. Wenn also ein Student seinen Abschluss macht und keine Verbindung zur Gemeinschaft hat, ist das für diesen Studenten ein echter Abzocker (rip-off) in Bezug auf das, was sie eigentlich gewinnen sollte. Und es ist auch nachteilig für die Zukunft der Musik.“
Und was macht der Jazz?
Klingt einfach weiter. Von seiner Zukunft, sagt er, sollen die Historiker berichten.

PS (08.09.) Die Jazzpolizei hat´s geahnt, die SZ steigt groß in das Thema ein:
"...Jazz eben nicht nur musikalische Form, sondern auch soziale und politische Praxis.."

erstellt: 06.09.20
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