Deutsche Jazzfestivalleiter und -innen zeigen sich ihrem Publikum auf unterschiedliche Weise.
Reiner Michalke vollzog diesen Teil seiner Rolle in Negation. In Moers, später in Monheim (trotz des Titels „Intendant der Monheim Triennale“) sagte er nie an, war erkennbar präsent, aber nie auf der Bühne. Präsentation bei ihm hieß Delegation.
Fritz Schmücker (Münster) hingegen ist seinem Publikum präsent in einem Maße, dass man sich fragt, ob ihm jemand auf diese Art nachfolgen könne. Die Programmansage hat er in geradezu epischem Ausmaß kultiviert. Die Jazzpolizei hat einmal für die Begrüßung, bis er auch mit der Nennung aller Sponsoren durch war, eine Viertelstunde gestoppt. Ausweislich des Beifalles wissen die Anwesenden im Theater Münster dies außerordentlich zu schätzen.
Nadine Deventer (Jazzfest Berlin) sagt an und moderiert „Artist talks“.

Rainer Kern (enjoy jazz) sagt auch an und liebt es, den jeweils anstehenden act mit tages-, ach was stunden-aktueller Empfehlung zu promovieren. Sullivan Fortner kündigt er in der betörend schönen Alten Aula der Universität Heidelberg an (wo saß damals Max Weber? Wo Karl Jaspers?) als „der wichtigste Jazzpianist der Gegenwart“.
Besser kann man dem genius loci nicht huldigen: schließlich habe dies der anwesende Philosoph und Professor Daniel Martin Feige gesagt.
Das stimmt, halbwegs, auch wenn es bei jenem drei Stunden zuvor, am Rande des SWR Kultur Forums, eher nach „einer der wichtigsten…“ geklungen hatte.
Der mitschneidende SWR mit seinem Kultur Forum war unter dem Festivalmotto „Beauty“ diesmal Teil dessen, was enjoy jazz auch ausmacht: das Interesse an Diskurs, an Vorträgen, listening sessions, Diskussionen.
Kern saß mit auf dem Panel und würzte sein Eröffnungsstatement mit dem Resümee einer unbekannten Besucherin der Konzertmatinee vom selben Tag, sie sei schön gewesen.
„Mehr als schön“.
Es war dieser Komparativ, dieses „Mehr“, das in dem Allerweltsadjektiv "schön" sich verbirgt für vieles, was gefällt (Feige spricht von einer „Versammlung heterogener Elemente“).
Es kehrte wie ein Bumerang immer wieder zu den Diskutierenden zurück. Ein jedes Mal entschlackter von seiner Diffusität und aufgeladen mit neuen Bedeutungen und Differenzierungen.
Die Rollenverteilung in der von Karsten Umlauf (SWR) umsichtig geführten Runde funktionierte: hier Rainer Kern, als Festivalprogrammierer zuständig für anekdotische Evidenz. Vermutlich hat er das Zitat von Charlie Haden, das er in die Debatte einbrachte (wonach jenen überhaupt kein anderes Ziel interessierte als „Beauty“) auch in die eigens zum Festival gedruckte Anthologie von Musikerstimmen zu diesem Thema aufgenommen.
Dort, rechts von ihm, zuständig für Abstraktion & vertiefende Einsicht, Melanie Wald-Fuhrmann, Musikwissenschaftlerin am Max Planck Institut für Empirische Ästhetik in Frankfurt/Main und der in Stuttgart lehrende Philosoph Daniel Martin Feige („Philosophie des Jazz“, 2014).
Erstere hält den Begriff „Schönheit“ nicht passend für Musik, sie bevorzugt generell von „Ästhetik“ zu sprechen, während Letzterer betont, der Satz “Es gefällt mir“ habe „eine andere Grammatik“ als der Satz „es ist schön“. Dieser sei eher begründungsfähig, „denn die Gegenstände machen ja etwas mit uns“. Es geht hier um das genaue Beschreiben, was als schön empfunden wird - und was nicht.
Wobei Wald-Fuhrmann vermutlich zum eintausendsten Male den Verdacht, wie hier von Kern geäußert, entkräftet haben dürfte, an ihrem Institut würde Schönheit quasi vermessen. Nein, bei Max Planck in FFM normiert man nicht, was schön ist, sondern fragt, was andere wann, wie & warum als schön empfinden. „Wir lieben das Überwältigtwerden“.
Es ist dies ein Zustand, der zunächst buchstäblich „sprachlos“ macht, wie Lesen & Schreiben könne man auch Musikhören lernen (Wald-Fuhrmann). Dies freilich kennt keinen Endzustand; die ästhetische Bildung, nach der alle auf dem Panel rufen, sagt Feige, „ist nicht funktional“. Die Künste besetzten einen Raum, „in dem die Dinge unsicher sind“.
Es ist schließlich das gute alte Motto des „Brüche Aushalten“, nicht gleich Abschalten, in dem der Philosoph und die Empirikerin sich einig sind. Und in dem auch der Festivalmacher sein unbestimmtes „Mehr als schön“ aufgehen sieht.
Und dann erstaunt ihn doch selbst auch wieder, ihn, der offenbar ein Kirchenkonzert mit Jan Garbarek als Selbstläufer organisiert, das dann 1.000 Leute friedlich und zufrieden verlassen. Ein Konzert mit zweifelsfrei "schöner" Musik, exakt wie 10 Jahre zuvor.
Es war eine Debatte für ein Nicht-Jazzformat im Radio, in dem gelegentlich Bildungszitate eingestreut - und verworfen wurden.
Allein an der Bruchstelle ECM-Sound vs - sagen wir - Peter Brötzmann böte sich eine jazz-bezogenere Variante mit Höchstspannung an.
erstellt: 02.11.26
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