cologne jazzweek 2026 (II)

Die Jazzpolizei war bis dato kein großer Freund von Avishai Cohen Big Vicious
Sie konnte im ersten, gleichnamigen Album dieser Band 2019 keineswegs „das Große Böse“ erkennen, „sondern Langeweile“.
Nun denn, allein schon um die künstlerische Besatzung des Spielortes „Philharmonie Köln“ innerhalb der diesjährigen cologne jazzweek wahrzunehmen, ging sie hin. Und kommt nach sieben Jahren zu einem anderen Urteil.

Allein schon das Äußere: Ziv Ravitz, Schlagzeuger damals und heute, inzwischen 50, ist seit seinen Tagen mit Florian Weber in Minsarah deutlich ergraut. Desgleichen der Bandleader, nunmehr 48, gekleidet in ordentlichem casual look.
Man lasse sich nicht täuschen von den Äußerlichkeiten seiner Performance. Mal tänzelnd, mal schreitend, nie in Spannung, eher wie ein Flaneur bewegt er sich über die Bühne; laut seiner eigenen Erfahrung die beste in der Welt.
Das Lockere gerät bei ihm, bei der ganzen Band, nie in den Sog einer Nachlässigkeit.
90 Minuten Big Vicious folgen einer ausgeklügelten Dramaturgie, man möchte - trotz Quintett-Besetzung - zum Vergleich fast schon die einer Big Band heranziehen.
Nein, hier muss sich niemand zum Solisten-Mikrofon durchkämpfen, aber die Doppelbesetzung bei Schlagzeug und Gitarren manifestiert sehr klare Rollenzuweisungen. Obwohl sie mitunter ordentlich groovt, braucht diese Musik keinen Bassisten. Angedeutete Bässe ertönen beim Gitarristen Yonatan Albalak, an einer Stelle sogar vom versteckten Mini-Keyboard des Schlagzeugers Aviv Cohen.
Sein Kollege Ravitz hat, im Gegensatz zur Nennung im Programmheft des Festivals, zumindest an diesem Abends nix von „Efx“ an seinem drumset.
Den höchsten Anteil „Efx“ (=Effekte) hat der Bandleader, Avishai Cohen. Sein Trompetensound, mit etlichen Effekten wie Hall, Echo, Flanger usw. verschaltet, erreicht eine Klangbreite wie ansonsten nur Nils Petter Molvaer.
Noch dazu bedient er ein Mini-Keyboard, darauf u.a. auch Samples seines Trompetenklanges. Er nutzt es für melodische Kurzfloskeln.
Im Gegensatz zu Molvaer kommen Geräuschbeimischungen a la Jon Hassell bei ihm kaum vor, auch spielt er weitaus besser Trompete, trotz aller Effektfahnen jazzmäßiger.
Sein Trompeten-Signal wird mittels angeheftetem Mikrofon an die Soundbanken gesandt.
An einer Stelle eröffnet er ein Stück pur, ohne jeden Effekt; es weitet sich zu einer offenen Bluesform, an der sich geradezu paradigmatisch die imposante Klang- und Dynamik-Architektur dieses Quintetts studieren lässt. 

Diese Art Jazzrock ist sehr plakativ gearbeitet, sie bewegt sich fast auschließlich in großen Klangräumen - in die immer wieder Details eingelassen sind: eigentlich „leise“ Sounds, zumeist von den beiden Gitarristen, per Kompression hochgeliftet, ohne in einem Soundbrei zu verschwinden.
Einen so klugen Umgang mit dem Ringmodulator-Effekt wie hier hat die Jazzpolizei lange nicht gehört.
Den beiden Schlagzeugern sind ähnlich differenzierte Rollen zugewiesen, nichts von ihnen wird einfach nur gedoppelt. 
Diese Einzelbeiträge summieren sich zu einem eindrucksvollen Groove, sehr durchgeplant, mit Fenstern für dynamische Zuspitzungen.
Dann wieder bricht alles zusammen, nur ein dreckiger Gitarrenakkord bleibt stehen.
Eine solche Performance kann nur in langjähriger, gemeinsamer Arbeit und Erfahrung entstehen. 
Dass sie sich, selbst wenn man ihr früh auf die Schliche kommt, in keinem Moment erschöpft … Chapeau, Mr. Cohen!
erstellt: 08.09.26
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