Jazzpreis der Stadt Köln 2026 an Roger Kintopf

Sofern sie sich nicht gerade auf Lebenswerke konzentrieren, wollen Preise oft von prognostischem Wert sein.
Das Horst und Gretl Will-Stipendium, aka Jazzpreis der Stadt Köln und nunmehr dotiert mit 12.000 Euro, landete in dieser Hinsicht überwiegend Treffer, und kann ja auch, nebenbei bemerkt, in dieser Stadt nun wirklich aus dem Vollen schöpfen.
Heuer schließt die Auszeichnung eine wichtige Lücke, als in Zwischenschritten (darunter das Großtalent Fabian Dudek), nach dem Bandleader (2022) und dem Schlagzeuger (Leif Berger, 2024) nunmehr auch der Bassist des Felix Hauptmann Trios zu den Auserwählten stösst.Der Kölner Jazzpreis 2026 an Roger Kintopf, geboren am 15.11.1998 in Darmstadt, ruft in Jazzkreisen der Domstadt den Eindruck des dringend Notwendigen hervor. 
Denn Kintopf erscheint in der Szene quasi von Omnipräsenz, bedingt durch Qualitäten und Beliebtheit.
Er hat an der Musikhochschule Köln Kontrabaß studiert (u.a. bei Dieter Manderscheid, klar) und später in Paris bei Ricardo del Fra. 
Mit seiner Nominierung vollzieht sich ein Muster, das man im Abstand einer Dekade vom Pablo Held Trio her zu erkennen glaubt … und doch kommt man ins Straucheln, wenn man die Jahrgänge derer mit dem Will-Stipendium Ausgezeichneten bis zum allerersten (1998, Hayden Chisholm) wirklich noch einmal zurückblättert. 
Nein, das kann doch nicht sein! Noch einmal durchblättern!
Und doch, es bleibt so: der Schlagzeuger Jonas Burgwinkel hat als einziger aus jenem Trio (im Gegensatz zu mehreren seiner Schüler) nie den Jazzpreis der Stadt Köln erhalten. Eine erhebliche Auslassung!
Das Muster (nun halt ohne den Will-Faktor) bleibt aber gültig, nämlich dass das jeweils führende Pianotrio der Kölner Szene (damals Pablo Held, heute Felix Hauptmann) nicht mehr nur als Ganzes, sondern auch in den Aktivitäten seiner Mitglieder beachtenswerte bis überragende Resultate erzielt.
Insofern geht Kintopfs eigene Statusbeschreibung auf seiner Webseite („Im Spannungsfeld der zeitgenössischen Jazzszene hat sich Roger Kintopf als aufmerksamer Zuhörer und kreativer Gestalter etabliert“) voll in Ordnung.
Sie trifft sich mit der Begründung der Preisjury „Ein nicht unwesentlicher Teil seines Profils besteht in der Arbeit als Sideman in verschiedenen Formationen, in denen er nicht der Bandleader ist, gleichwohl Wichtiges zum Konzept und den Konturen der Musik beiträgt.“ 
Seine externen Aktivitäten sind der Jury nicht unbekannt: „Er arbeitet kundig mit Kompositionstechniken der sogenannten Neuen Musik, hat konventionelle Formverläufe hinter sich gelassen und bezieht geräuschhafte Komponenten ein, ohne auf vorbereitete Pfade etwa einer Musique Concrète einzubiegen“.
So klingt halt Jury-Prosa. Der gedanklich leicht verwackelte Hinweis auf die Musique Concrète bezieht sich vermutlich auf die beiden „Solo“-Alben Kintopfs (2021, 2024), in denen der Kontrabaß als klangauslösend nicht immer erkennbar ist.
Das Preisträger-Konzert bestreitet er am 10.09. (innerhalb der Cologne Jazzweek) im Stadtgarten mit seinem dynamischen Quartett Cipher ( darin zwei PianistInnen: Kirke Karja, Felix Hauptmann sowie Philip Dornbusch, dr).Seinen ersten Gig nach Aushändigung der Preisurkunde hatte Kintopf an dem Ort, der ihn „herausgebracht“ hat, im Loft Köln (wo sonst?) … mit einem Pianotrio, ganz anders als das „heimische“ von und mit Felix Hauptmann.
Mit dem Pianisten Phillip Golup (Brooklyn) und dem Schlagzeuger Samuel Ber (ein Belgier in Paris)
 brachte er, nach zwei Konzerten in Holland, eine kurze Tournee zum Abschluß.
Die Rollen neben der des Bassisten werden anders ausgeführt als in seinem Stammtrio.
Phillip Golup bevozugt weitaus weniger lines als Hauptmann, er ist ein ausgesprochen motivischer Improvisator mit nicht geringer Neigung zu Wiederholungsformeln. Die meisten Stücke stammten von ihm, Teile aus einer offenbar großen Suite. In einem Stücke wollte die Jazzpolizei einen Teil des Flügels als „präpariert“ erkennen, aber nein es war eine Frage des Anschlages.
Sehr eindrucksvoll eine rubato startende Ballade, die sich zu einem großen crescendo aufschwingt.
Gegenüber Leif Berger erscheint Samuel Ber als geradezu minimalistisch. Wie seine Kollegen auch, ein vorzüglicher Zuhörer. 
Man wünschte sich dieses Trio alsbald wieder zu erleben, in einem Zustand von größer gesättigter Erfahrung miteinander.

Fotos: Gerhard Richter
erstellt: 16.07.26
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