What you have missed: CGNYC w/ Kate Gentile, Stadtgarten, Köln

Wenn Peter Nestler (1929-2022) das noch hätte erleben können.
Während seiner Jahre als Kulturdezernent in Köln (1979-1994) hatte er die „Achse Köln - New York“ vor Augen; und dabei sicher eher andere Kunstgattungen als den Jazz. 
Aber, ein Projekt wie „CGNYC - Cologne meets New York City“ hätte ihm sicher zugesagt.
Seit zwei Jahren gestaltet der Bassist Florian Herzog, 37, unter diesem Titel eine Reihe, in der er Kontakte aus seiner New Yorker Zeit reaktiviert, so sie denn auf Durchreise in Europa sich befinden. Er tut dies in Köln an zwei Orten mit personalen und stilistischen Schnittmengen, in Loft und Stadtgarten.

Im Mittelpunkt der jüngsten Folge die New Yorker Schlagzeugerin Kate Gentile, 36 (Herzog sprach ihren Namen nicht italienisch aus, sondern amerikanisch). Dass sie optisch wenig hergab (mit ihrem Instrument ist sie in der Enge des „Jaki“ im Stadtgarten sowieso in der zweiten Reihe), noch dazu hinter einer Maske sich verbarg (ja ist denn schon wieder Covid?), steht umgekehrt proportional zu ihrer Bedeutung an diesem Abend.

Ebenso wie die Beboachtung, dass sie nicht zum Kreis dynamisch-dominanter Kolleginnen wie Teri Lynne Carrington oder Savannah Harris zählt - es war ihr Abend. Als Komponistin. 

Und man hat nichts vermisst.
Vor Gentile, die Sicht nehmend (aber was heisst das schon?) der Tenorsaxophonist Jeremy Viner, gleichfalls aus New York (und in Köln in guter Erinnerung) sowie das französische Gitarren-As Marc Ducret.

Man fasst es nicht, wenn man nachliest, dass er auf die 70 zugeht. Ducret verkanglicht das Paradox eines geradezu signalhaften Personalstiles, der gleichwohl in eine Vielzahl von Avantgarde-Spielarten passt.
Obendrein praktiziert er eine Spielökonomie wie kein zweiter mit sechs Saiten, er lässt seine Zerr- und Splitterklänge (hier zitiert die Jazzpolizei mit Freude einen Begriff von Siegfried Schmidt-Joos) gerne auch pausieren. Marc Ducret ist immer ein Gewinn.
Gentile, Viner, Ducret, die rechte Bühnenhälfte, waren als The Sifters (die Siebe) auf Tour, von daher gut eingespielt.
Auf der linken der Kurator des Abends, Florian Herzog, daneben Jonas Engel, as, sowie aus Amsterdam die koreanische Keyboardspielerin Chaerin Im; in Herzogs Quartett Almost Natural an die Stelle von Elias Stemeseder gerückt.
Mrs. Gentiles Musik ist eine Musik der Repetitionen. In ihrer Organisation der Wiederholungsformeln tangiert diese auffällig selten die Minimal Music.
Es sind gleichwohl kleinzellige Muster. Im ersten Stück ein 7-Töne-Thema im broken swing, im zweiten lediglich drei Töne über einem Rock-Groove. 
Die Jazzpolizei hat danach aufgehört zu zählen; denn völlig unklar, wo das eine aufhört und das nächste Stück beginnt. In gut 80 Minuten keine Pause - und alles vom Blatt (selbstverständlich mit solistischen Ausflügen).
Gentiles große Kunst besteht darin, wie sie diese vamps organisiert. Sie lässt sie auf- und abschwellen, sie verschiebt sie, nicht alle Spieler wiederholen alles zur gleichen Zeit. Mitunter folgt die Rhythmusgruppe anderen Mustern als die Vierer-frontline. Wunderbar erfrischend, wenn Solisten sich herausschälen und aufschaukeln. 
Wenn´s denn noch erwähnt werden muss: die Emanzipation des Schlagzeugers/der Schlagzeugerin aus dem Hintergrund auf die Notenpulte, sie ist um ein Kapitel reicher.
Die wenigen Zuhörer (unter ihnen Musikerkollegen mit langen Ohren) wurden in ihrem nach Zugabe fordernden Applaus lediglich mit einer weiteren Bandverbeugung honoriert; in eineinhalb Tagen Proben ist mehr nicht drin.
Und muss nach einem solchen Bogen auch nicht sein.

erstellt: 20.10.26
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