CHICK COREA Sometime Ago - Live in Germany 1972 ********

CD1
01. Interlude: Noon Song, 02. Noon Song (Corea), 03. Interlude: Song For Sally, 04. Song For Sally (Corea, Neville Potter), 05. Interlude: Jonathan Livingston Seagull, 06. Jonathan Livingston Seagull, 07. Interlude: Masqualero, 08. Masqualero (Wayne Shorter), 09. Interlude: Children's Song No. 1, 10. Children's Song No. 1 (Corea) 

CD 2
01. Interlude: What Game Shall We Play Today, 02. What Game Shall We Play Today, 03. Interlude: Crystal Silence, 04. Crystal Silence, 05. Interlude: Sometime Ago, 06. Sometime Ago, 07. Interlude: La Fiesta, 08. La Fiesta

Chick Corea - p

rec. 29.10.1972
2 CD Moosicus M1231-2

Chick Corea (1941-2021) war vor ihm da, im legendären Sendesaal von Radio Bremen, (heute betrieben vom Verein Freunde des Sendesaales e.V.), ein Dreivierteljahr vor Keith Jarrett und dessen in derselben location entstandenen Hälfte der „Solo-Concerts Bremen. Lausanne“.
Der 29. Oktober 1972 ist ein Sonntag. Corea wird wenige Tage später in Oslo Gary Burton zu „Crystal Silence“ treffen. Anfang des Monats hatte er in London mit seinem Quintett „Light as a Feather“ aufgenommen (darauf sein wohl grösster Hit, „Spain“).
In Bremen spielt er nichts davon, wohl aber drei der vier Stücke von „Return To Forever“, dem Erstling des Quartetts unter diesem Titel, produziert an zwei Februar-Tagen des Jahres 1972 in New York City.
Chick Corea ist 31 Jahre alt, den Sendesaal kennt aus dem März 1971, aus einem Konzert mit seinem Quartett Circle (u.a. mit Anthony Braxton). Dergleichen avantgardistische Anflüge beschäftigen ihn nun nicht mehr, er wird sich später davon halbwegs distanzieren.
Gleichzeitig bemüht er sich auf verschiedenen Wegen um eine größere Zugänglichkeit seiner Musik. Im Sommer 1973 wird er sich mit „Hymn of the Seventh Galaxy“ in den Jazzrock begeben. Und längst sind da auch seinen beiden „Piano Improvisations“ aus dem April 1971; neben den erwähnten drei aus „Return To Forever“ stammen mehrere der Stücke in Bremen aus den beiden Solo-Alben.
Nicht zuletzt im Repertoire ein discografischer Vorgriff auf den Juli 1983, wo er die komplette Serie seiner „Children´s Songs“ (in Ludwigsburg) aufnimmt, für viele der Inbegriff der Schönheit seiner Musik.

Zu komponieren begonnen hat er damit 1971; in Bremen stellt er den Teil vor, der fertig ist: „Children´s Song No 1“.
Typisch darin ein ostinato in der linken Spielhand, weniger häufig hier die legato Phrasierung in der rechten.
Ansonsten dominiert in Bremen - wie auch im überwiegenden Teil seiner Karriere - ein perlendes bis scharf gemeisseltes staccato. Er geht geradezu verschwenderisch damit um. 
Obwohl hier mithin sein größter „Hit“ fehlt („Spain“, von „Light as a Feather“), tritt der spanish tinge deutlich hervor, z.B. im Titelstück „Sometime Ago“ und in „La Fiesta“, den Höhepunkten dieses Abends.
Im Gegensatz zur Studiofassung (im Quartett-Format) werden beide durch eine Ansage getrennt (wie überhaupt er so bei jedem Stück verfährt).
Das Tempo, insbesondere bei „La Fiesta“, ist erheblich höher, die überschiessende Akzentsetzung, ja das Heraushämmern einzelner Töne bringt den Flügel im schönen Sendesaal an seine Grenzen.
Anno 72 ist Chick Corea lange schon kein Novize mehr, er steht nicht mehr am Anfang seiner Karriere (die noch fünf Jahrzehnte währen wird), der Personalstil eines großen (Piano)Erzählers entfaltet sich hier gleichwohl in früher Pracht.
Selbst wenn er frei improvisiert, in „Jonathan Livingston Seagull“, wo er unter diesem Titel jeden Abend etwas anderes spielt, öffnet er allenfalls mit einem Zeh die Tür zu einem Cecil Taylor´artigen Ausdruck und stellt sich rasch unter das Kommando eines - natürlich eindrucksvollen - ostinato. 
Eine ähnliche tour de force unternimmt er mit Wayne Shorters „Masqualero“; nach dem Dahindonnern des 10-Töne-Themas entfernt er sich weit weg davon und hängt das Thema am Schluß einfach an, als klopfe er auf den Korpus des geschlossenen Flügels, um zu sagen „Das war´s jetzt“.
Da ist aber nicht mal die Hälfte rum und - siehe oben - Höhepunkte folgen noch.
Amüsant, wie er „Masqualero“ ankündigt, „written by a friend of mine, named Wayne Shorter“.
Das ist wirklich die Sprache von 1972, das ist sometime ago.
PS: der englische Pianist Liam Noble bemerkt in einer Rezension für UKJazzNews zu Recht, dass Chick Corea in dieser Produktion fast vollständig um den Blues herumnavigiert. Ein Rätsel bleibt, warum er diese Beobachtung meint auf dessen ganze Karriere ausweiten zu können („Corea might have been the first pianist I can think of in jazz who managed this omission“). 
Man muss nicht erst seine späteren offpitch-Orgien auf dem Mini Moog heranziehen (darunter immer auch blue notes), um diese Aussage als falsch zu bezeichnen.
Schon auf „Now he sings, now he sobs“ (1968) befindet sich ein Blues. Ganz zu schweigen von „Grandpa Blues“ (1979),  „Bessie´s Blues“ (1989), „Blue Miles“ (1993) und und und…

erstellt: 03.10.26
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