Die letzte Vorstellung von „Jazz in Essen“ bedeutet nicht den Tod von Jazz in Essen.
Es wird weiter Jazz gespielt in der Philharmonie, auf den JOE-Festivals, es wird weiter Jazz unterrichtet in Essen-Werden, an der Folkwang Universität der Künste. Am 1. Juni läuft dort ein neues Festival an: „F:SHARP - Folkwang Jazz Festival“.
Was jetzt ausläuft nach 42 Jahren ist die „Grundversorgung“ mit Jazz in Essen. So charakterisierte Berthold Klostermann, 73, die Reihe 2014, anlässlich ihres 30jährigen Jubiläums. Der Begriff mag Pott-typisch als nüchterne Untertreibung erscheinen, aber er hat was.
Er hat durchaus was Zutreffendes. Wer alle Konzerte besucht hat, an einem halben Dutzend Spielstätten, darunter meist das Schauspielhaus, in Essen genannt Grillo Theater, der dürfte - wenn er denn gegen jede Erfahrung Zugriff auf jedes einzelne davon hätte - ein klingendes Jazzlexikon der Moderne in sich tragen.
Schon vom Auftakt lesen, von Steps Ahead (ja, mit Michael Brecker) am 30. März 1984 im Jugendzentrum, mag man heute mit feuchten Augen tun. Sie waren ja alle da: Kenny Wheeler, Gary Burton, Oregon, Art Blakey, Airto, Sun Ra, Ornette Coleman, John McLaughlin, John Scofield, Mike Stern, mehrmals Carla Bley, Joachim Kühn, John Surman, Jack DeJohnette, Zawinul, Nils Wogram…
Und im Dezember 1994 Peter Herborn, mit European Forces und dem Louis Sclavis Quartet im Doppelpack (wie häufig in den ersten beiden Jahrzehnten).
Drei Jahre zuvor hatte der Posaunist die Reihe bereits an den Journalisten Klostermann weitergereicht; er hat sie 1984 gegründet und 1988 den ersten Jazz-Studiengang bei Folkwang.
Herborn ist in puncto Jazz der bedeutendste Sohn der Stadt, mit phasenweise internationaler Ausstrahlung, über den heute kaum mehr bekannt ist als sein Alter (71) und dass er in Berlin lebt.
Jetzt wurde „Jazz in Essen“ nach 42 Jahren beerdigt, nach mehreren Bühnenwechseln und wechselnden Trägerschaften von Stadt und Theater.
Die Unterstützung durch die Krupp Stiftung, gut für den größeren Teil des Budgets, lief wie geplant nach 10 Jahren aus, die Stadt konnte oder wollte den Rest nicht übernehmen.
Eine Nachricht, die wir so oder in anderen Varianten in naher Zukunft häufiger hören werden.
Klostermann hatte Zeit genug, einen angemessenen Ausklang zu gestalten. Sein „Herzenswunsch“, noch einmal Musik von Moondog aufführen zu lassen, war zunächst mal nicht ohne terminlichen und regionalen Charme.
Moondog, bürgerlich Louis Hardin, geboren am 26.05.1916 in Marysville/Kansas (und damit auf den Tag genau 10 Jahre älter als Miles Davis) würde in wenigen Tagen also seinen 110. Geburtstag feiern.
Nach einer Konzerteinladung in Frankfurt 1974, blieb er einfach im Land, lebte ab 1977 etliche Jahre in Oer-Erkenschwick, am nord-östlichen Rande des Ruhrgebietes, und ist nach seinem Tod (08.09.99) auf dem Zentralfriedhof in Münster beigesetzt.
---wird fortgesetzt
erstellt: 18.05.26
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