Was ist die Hauptstadt von Slovenien?
Ljubljana.
Damit wären wir schon mal auf der sicheren Seite.
Auf die weiterführende Frage nach den Jazzgrößen des 2-Mio-Einwohner-Landes dürfte wohl nur den avanciertesten Kadern ein unsicheres „Kaja Draksler (?)“ einfallen. Und noch weniger die Antwort „Jure Pukl“; schon des bairisch-österreichisch anmutenden Nachnamens wegen (was wissen wir schon über den regen Austausch zwischen Kärnten und Slovenien).
Chapeau!
Mit diesen beiden hätten wir schon zwei der drei Jazzgrößen getroffen, die in einer vom Slovenian Music Information Centre im Stadtgarten ausgelegten Broschüre als diejenigen aufführt werden, die (neben Igor Lumpert, sax) „im Ausland studiert und gespielt haben“.
Dass im gleichen Druckwerk Ljubljana als „ältestes Jazzfestival in Europa“ gelobt wird (seit 1960), dürfte in Frankfurt (Deutsches Jazzfestival, seit 1953) den Lokalstolz eher treffen als in der Domstadt.
Beide, Draksler & Pukl, waren da, auf einem ebenso zutreffend betitelten wie musikalisch ertragreichen Abend, „Close-up Slovenia: Jazz & Beyond“, nicht zuletzt in einer stilistisch-dramaturgisch klugen Reihenfolge.
Zum Auftakt im Konzertsaal Širom, ein klanglich mitreissendes Ensemble, das allenfalls unter dem Konstrukt „Folk Avantgarde“ ächzt - aber doch ein Nachdenken lohnt.
„Folk“ trifft insofern zu, als in diesem Trio die entsprechende Instrumentierung reihum geht und von Stück zu Stück wechselt. Samo Kutin spricht von „zwei Songs“; das sind es wohl auch gewesen, aber mit ständig wechselnden Abschnitten, die das Zählen obsolet machten.
„Folk“ heisst dabei selbstverständlich „Weltfolklore“: die Zuordnung von Ort, Instrument & Gattung ist lange aufgehoben. Das einzig Slowenische dürfte das aus dem Lande stammende 6.500 Jahre alte Holz gewesen sein, auf das Kutin Saiten wie auf einem Hackbrett gespannt hat.
Iztok Koren bedient das Banjo gestrichen in indischer Intonation, er streicht auch den „Wüstenbass“ Gimbri, bassdrum und toms schlägt er im Sitzen. Ana Kravanja hat vor sich ein ganzes Arsenal an kleinen mallet instruments, cymbals und percussion. Sie vokalisiert, und einzig, wenn sie Violine spielt, nimmt sie Platz auf einem Stuhl.
Širom hält was auf ostinate Formen, Širom groovt (insbesondere wenn Koren die Gimbri wie eine Baßgitarre zupft), bei Širom ist „untenrum“, im Bereich tiefer Frequenzen, immer was los.
Das dürfte zu der Etikettierung „Folk Avantgarde“ verleitet haben. Eine Mandoline mag bei Samo Kutin noch so „authentisch“ ausschauen - sie erklingt bei ihm in einer zweiten Tonspur mit einem „afrikanischen“ Schnarrklang. Oder er stellt sie zurück - und sie gibt stoisch einen dreckigen Orgelsound von sich.
„Avantgarde“ wäre demnach als Schambegriff für die digitalen Helfer zu verstehen, derer sich das Trio höchst effektiv bedient: in fetten Orgelpunkten (man möchte weniger von drones sprechen, jene sind klanglich eigentlich komplexer).
Mit einer Perkussionsorgie über einem tiefen fis klang das Konzert aus. Es war eindrücklich und so einladend, dass man gerne mitgewirkt hätte. In einer Performance, die als „Imaginäre Folklore“ (einem Begriff aus Lyon, hier aber genau so zutreffend) am besten beschrieben wäre.
Anschließend im Keller, im Jaki, Mrk (verrückt dieser Verzicht auf Konsonanten), ein Sextett mit Metal-unterfüttertem Jazzrock, handwerklich top - aber so laut, dass die Jazzpolizei (drei Hörstürze reichen ihr) nach wenigen Stücken ein Nachtmahl bevorzugte.
Wieder zurück im Konzertsaal, der Höhepunkt des Eintagefestivals: Jure Pukl Analog AI, mit Kaja Draksler, die nach 13 Jahren in Holland, 5 Jahren in Kopenhagen, nun wieder in ihrem Heimatort, Trboje, lebt (auf dem gleichnamigen Album hat ihren Part John Escreet, an Englishman in New York).
Die Programmbroschüre hatte auf ihre Weise recht: das war nun wirklich der Einstieg in eine andere Liga, in die Etage derer, die fundierte US-Erfahrung mitbringen.
Jure Pukl, 48, ausgebildet in Wien, Den Haag, Berklee, Graz, unterrichtet heute in Ljubljana. In Amerika leitet er ein Quartett mit Melissa Aldana, der Bassist dort wie hier, Joe Sanders aus Los Angeles.
Pukl pflegt einen voll-tönenden Tenorsound, wenig Coltranesk; allein was er in einem Intro mit Klappengeräuschen und multiphonics ausspielt, hat Klasse.
Sein Rapport mit Christian Lillinger - atemberaubend. Der Berliner aus dem Spreewald spielt hier, mehr als sonst, time (wenn man das in allergröbster Annäherung so sagen darf); man meint seine große Lust zu spüren, mal vorübergehend in dieses Fach zu wechseln. Und zum Beispiel aus dem Nichts heraus in Monks „Work“ zu gleiten, den einzigen Standard, die einzige Fremdkomposition an diesem Abend.
Die große Reife dieses Quartetts, seine vorzügliche Dramaturgie zeigt sich auch darin, über ein Solo in ein neues Stück zu wechseln. Und ebenso kaum merklich in Untergruppen aufzuteilen, in Trios, Duos, Soli.
Der Bassmann vokalisiert gelegentlich eine zweite Stimme zu seinen lines, Kaja Draksler vermeidet solche weitgehend, jedenfalls die perlenden Ketten, die man in diesem Feld (ja, wo sind wir da; zwischen PostBop und PostFree?) so liebt.
„Analoge KI“, der Projekttitel ist ein Scherz. Man durfte sich in Sicherheit wiegen, eine solche Performance niemals von künstlicher Intelligenz zu erleben. Und wenn doch dereinst, wenn wir alle die Radieschen von unten betrachten ... niemals in diesem auch optischen Genuss des Gelingens.
Ein Exzellenzcluster wie am Ende einer Tournee - und doch war es ein einzelner gig. Nur für Köln.
Fotos: Gerhard Richter
erstellt: 05.06.26
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