Noch vor dem ersten Ton: ein wenig Streetlife comme en France: Gelbwesten auf der Bühne der Philharmonie zu Köln!
Es sind Mitglieder des WDR-Sinfonieorchesters, die sehr gesittet sich aufstellen, „musiker:in Action“ prangt auf ihren Rücken. Einer von ihnen tritt hervor und berichtet vom Warnstreik im WDR. Von den als unfair empfundenen Gehältern, davon dass die KollegInnen im Gürzenich Orchester und jene in Düsseldorf mehr verdienten als sie hier, weil der WDR die Tarifgemeinschaft verlassen habe.
Er weitet den Fokus auf die Bedrohung der Kultur durch die Dreibuchstaben-Partei, die Bedrohung der Kultur ganz allgemein. „Kultur ist Demokratie!“ Nach dem verebbten Beifall der erlösende Satz: „Der Warnstreik ist hiermit aufgehoben“; schließlich hätten sie für das kommende Programm eine Woche geprobt und wollten es gerne aufführen.
Die Jazzpolizei erinnert sich dunkel an eine britische Studie unter freiberuflichen Musikern (vulgo auch JazzmusikerInnen), die zu dem Schluß kam, dass ein Streik von diesen im Gegensatz zu dem von Industriearbeitern verpufft, weil sie - im Gegensatz zu jenen - darauf angewiesen seien, ihr Handwerk täglich geschmeidig zu halten.
Das gilt also nun auch für festangestellte, für Mitglieder eines bekannten Sinfonieorchesters.

Über den ersten Teil des Abends kann die Jazzpolizei nur ihr großes Gefallen äußern, ihn aber nicht beurteilen.
Das WDR Sinfonieorchester spielte unter Leitung von Jonathan Stockhammer zwei Spätwerke Strawinskys in Zwölftontechnik: „Variations ´Aldous Huxley in memoriam´“ (1963-64) sowie „Agon“ (1954-57).
Zuvor die Uraufführung von „Timestamps - Everything leaves a Trace“ der 1993 im Kosovo geborenen Anda Kryeziu. Sehr eindrucksvoll darin die Klangschichtungen (von denen Kreatoren aus unseren Kreisen in puncto drones einiges lernen könnten) sowie das kollektive crescendo zum Schluß, an denen sich auch die Streichersektionen stehend beteiligten.

Nach der Pause (und dafür war die Jazzpolizei gekommen): die in unserer kleinen Welt verehrte und eben durch einen Abend wie diesen darüber hinaus ragende Vokalistin Sofia Jernberg.
Wie würde Alex Paxton, geb. 1990 in Manchester, ihre außerordentlichen Vokalkünste in ein Riesenensemble aus WDR Sinfonieorchester plus WDR Big Band integrieren?
Paxton hängt in der Szene der Neuen Musik eine Art Jazz-Image an. Er sei, verlautbart das Programmheft, „Komponist und improvisierender Posaunist“, er habe „Jazz und Komposition“ studiert, und zwar an den Institutionen, die auch die meisten der uns vertrauten britischen JazzmusikerInnen durchlaufen haben.
Mit der Uraufführung seines Werkes „Tunes to live with“ verspricht er ein „Live-Konzertstück (…), das die radiophonen Energien hat, die ein populärer Animationsfilm à la Pixar oder Disney für sein Storytelling verwenden könnte, d.h. Orchester + Big Band + Stimme.“
Obendrein liege ein besonderer Schwerpunkt des Stückes „auf Melodie, Jazz und Groovemusik innerhalb eines sinfonischen Kontexts“. So häufig wie dann folgend dürfte der Begriff „Groove“ nie zuvor in einem Programmheft der Neuen Musik verwendet worden sein, wohingegen die Marke „Great American Black Music“ eher zu den Eigenschöpfungen des Komponisten zählen dürfte.
Egal, alle Erwartungen waren auf Anschlag.
Nun gut, dass Groove im philharmonischen Kontext eine völlig andere Form der Expression meint als bei Miles Davis, Michael Henderson und Leon Chancler war zu erwarten. Aber dass die Uraufführung einer Komposition der Neuen Musik aus dem Jahr 2026 ein um etliche Jahrzehnte älteres Verständnis von Jazz offenbart, war denn doch verblüffend. Und der Einsatz eines Talentes wie Sofia Jernberg geradezu fahrlässig.
Sie sang drei Songtexte, kaum verständlich; hin und wieder drangen Fetzen ihres Vokalisierens empor. Es war laut, selbst die Vogelstimmen-Imitate zweier Perkussionisten waren laut; es war ein organisiertes Lärmen; ein akustisches Disneyland, anders klingend, aber nicht ganz unähnlich Wynton Marsalis a.a.O.
Selbstverständlich, das Stück hatte seine Momente, z.B. ein Intermezzo der Blechbläser aus der Big Band.
Aber insgesamt verdichtete sich dieser Teil des Abends zu dem Fazit, dass wir nun nicht mehr nur über Neue Musik spielende JazzmusikerInnen schmunzeln dürfen, sondern umgekehrt auch über das Jazzverständnis aus der Neuen Musik (damit wir uns nicht missverstehen: nur aus Teilen der jeweiligen Fraktionen).
Foto: Dana Schmidt (Stockhammer, Paxton in der Probe)
erstellt: 21.06.26
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