What you have missed: Neon Dilemma + Pendulum, Loft, Köln

Programmierung durch Zufall: zwei Pianotrios an zwei aufeinander folgenden Tagen.
Beide sprengen den Rahmen dessen, was bis dato auf diesem Feld (mindestens) in Europa Praxis war.
Beide folgen ausgeklügelten Strategien einer Vorgehensweise namens Komposition, beide wären mit dem Allerweltsbegriff unserer kleinen Welt, Improvisation, nur unzulänglich erfasst.
Gleichwohl, beider Performances könnten gegensätzlicher kaum sein.
Ein Festival, das beide in so dichter Folge unter seinem Dach präsentierte, dürfte sich glücklich schätzen. Im Loft Köln hatte sie der Zufall so platziert - es wurden zwei Lehrstunden in punkto aktuelle Jazzästhetik, geboren aus dem Glück der Kontingenz an einem dafür nicht ganz zufälligen Ort.
Den Soziologen Armin Nassehi (Kursbuch „Alles kein Zufall“, 2023) hätte dies wenig überrascht, er hätte dieses Zusammentreffen einer spezifischen „Pfadabhängigkeit“ des Zufalls gerade an dieser location zugeschrieben.
Neon Dilemma foto gerhard richter

Was beide Ensembles eint (und dieses vorzeitige Resümee kommt nun wirklich nicht überraschend): sie begeistern & entgeistern zugleich. Dieser Doppelzustand zeigte sich in einem Besucher, ansonsten Interpret der Neuen Musik, mit dem die Jazzpolizei in der Pause von Neon Dilemma ins Gespräch kam.
Begeisterung ja, gut & schön, aber sprachlos. „Welche Sprache soll man dafür finden?“, entfuhr es ihm geradezu; beispielsweise um - wie hier - die frohe Kunde weiterzutragen.
Wir verständigten uns, sehr grob und einstweilen, auf patterns. Dass dieses Trio, wie wohl keines zuvor, kleinteilige Wiederholungsformen so miteinander verschränkt, „dass mitunter drei verschiedene patterns ins drei verschiedenen times ablaufen“, wie die Jazzpolizei 2023 schon einmal beobachtet hat.
Das bedeutet Polyrhythmik, sowieso. Und eine enorme Körperlichkeit. Der eine oder andere Kopf im Auditorium sah sich in Bewegung gesetzt wie andernorts im 4/4-Takt.
Die vorherrschende Artikulation, auch diese wiederum nur sehr grob erfasst, ist das staccato, mitunter mochte man auch diesmal wieder von einer staccato Orgie sprechen.
Damit nun ja keiner auf den krummen Gedanken käme, das alles sei „frei improvisiert“, hatte Elias Stemeseder die Notenseiten gut erkennbar an den schräg stehenden Flügeldeckel geheftet.
Nebbich, der Grund war ein anderer. Dort, wo Partituren normalerweise am Flügel Platz finden, lagen seine keyboards - weniger als sonst zum Einsatz gebracht.
Im gegenüber, Leif Berger, 31, als Schlagzeuger schon ein Stilist, der auf schwer zu beschreibende Weise „free“ einen „Groove“ erzeugt. Ungemein belebend darin zwei Bongos, die er zwischen Stand- und Hänge-tom montiert hat, aber nicht mit den Händen, sondern drumsticks bearbeitet.
Gleichsam der „Anker“ in der Mitten, Robert Landfermann. So wäre die Rolle des Bassisten in etlichen anderen Ensembles, in denen er mitwirkt, angemessen beschrieben. Aber nicht hier. Hier ist er - um noch ein ganz anderes Sprachbild zu bemühen - eine von drei rotierenden Scheiben, die, von oben betrachtet, in immer anderen Konstellationen übereinander sich bewegen. Und, nicht immer dank Partitur, frappierend in einem in einem finish zum Halt kommen.
Das Konzert wurde mitgeschnitten. Drei Jahre brauchte das Debütalbum seinerzeit von der Produktion bis zur Veröffentlichung.
Die Jazzpolizei bittet, nein sie ordnet an, dass es diesmal rascher gehen möge.
Pendulum Loft   1

24 Stunden später, am selben Ort, die gleiche Besetzung, die gleiche Befürchtung, dass man sich von dem ohnehin schon sehr grobkörnigen Raster Post FreeJazz verabschieden muss - was sich weniger beim unmittelbaren Höreindruck einstellt, sondern später im after show talk mit Benoit Delbecq.
Der war vor wenigen Wochen erst hier - um zu proben für ein Konzert im Stadtgarten mit einer first class Abordnung aus dem Kölner Jazz.
Jetzt ist er hier quasi in eigener Sache, konkret in dem von Peter Bruun gegründeten Trio Pendulum. Zusammen mit Jonas Westergaard, b, eine dänische Rhythmusgruppe, die aber nicht im üblichen Sinne so agiert (auch dazu später).
Delbecq ist aus Paris angereist, Bruun aus Kopenhagen und wie Westergaard diesmal aus Berlin (letzterer wohnt dort, bekanntlich auch als Mitglied von Dell/Lillinger/Westergaard), wo sie zuvor einen kleinen club gig hatten.
Manche Kölner Hörhirne benötigen mehr Sauerstoff, wenn die Rede kommt auf das Konzert von Eggs Laid By Tigers 2015 im Stadtgarten, das letzte Konzert dieses Trios überhaupt.
Damals fungierten beide eindeutig als Rhythmusgruppe, bei Pendulum trifft diese Rollenzuschreibung eindeutig nicht zu.
Die beiden agieren als Klangquellen, die mit dem Pianisten, aber auch zueinander in einem Netz von spontanen Handlungen (und Entscheidungen!) verbunden sind.
Der 70-Minuten-set beginnt wortwörtlich piano: einzelne Töne, die kaum zueinander in Verbindung erscheinen.
Die Jazzpolizei sitzt in der ersten Reihe, sie fühlt sich wie in einem Wohnzimmerkonzert. Vom Tonträger gehört, akusmatisch (ohne Sicht auf die Klangquelle), würde die Spannung dieses ruhigen Angangs rasch verfliegen. Man wird Zeuge, wie beinahe jede Klangentscheidung vorbereitet wird; es macht Sinn, die Wahl Bruuns für die unterschiedlichen Sticks zu beobachten, wie er sie mitunter nur für ein, zwei sanfte Schläge verwendet und dann wechselt. Die brushes, die Besen, in diesem kargen Kontext ein beachtlicher Klangwechsel.
Pendulum Pendel   1 1Nach fünf Minuten steht Bruun auf und bringt das Pendel hinter sich in Schwung (wie später mehrmals). Es handelt sich um nichts weiter als um ein Metallgewicht, am langen Seil an der Lampentraverse hängend.
Nun denn, die Band heißt Pendulum, da braucht’s hat das entsprechend Gerät, aus symbolischen Gründen. Das Gleichmaß, mit denen es schließlich in seinem Schwung verebbt, es findet keine Entsprechung in der Musik.
Die ist kleinteilig, pflanzt sich in laufend changierenden Mustern fort. Alle drei schauen aufs Notenpapier, wechseln es aber nie gleichzeitig. Es sind thematisch-rhythmische Inseln, so scheint´s, auf die die drei so sorgfältig hinarbeiten, dass ihr Erreichen nicht besonders hervorsticht.
Nicht zuletzt, Delbecq, Westergaard, Bruun verfügen je über Jahrzehnte Improvisations-erfahrung. Sie bleiben ruhig, wenn einer den ohnehin ständig wechselnden Kontext mit einer Idee aufrauht, verfärbt oder in Kontrast setzt.
Sie werden auch nie laut. Delbecq hat, was er sonst tut, aufs Präparieren der Flügelsaiten verzichtet, vulgo ein bestimmtes Rhythmisieren, das „Afrikanische“ in seinem Vortrag, fällt heute aus.
Kein Wunder also, dass die Performance nach 70 Minuten so ausklingt, wie es halt große Improvisatoren so hinkriegen - als sei’s komponiert.
Ein hinreissendes Konzert, so wollte es die Jazzpolizei reportieren, zum großen Teil improvisiert, mit einigen strukturierenden Momenten durch - vermutlich - wahlweise einsetzbaren Notenskizzen.
Von wegen!
Die Jazzpolizei fiel aus allen Wolken, als Benoit Delbecq hernach Einblick in das Notenmaterial gewährte. Eine Lehrstunde für den nicht überbrückbaren Unterschied zwischen Produktion (= Intention der Künstler) und Rezeption (wie´s ankommt im Dickicht aus Erfahrung & Erwartung des Zuhörenden).
Es gab eine setlist, eine Reihenfolge ausgeschriebener Strukturen. Wer mit seinem Teil durch war, wartete auf die anderen, improvisierend. Dass einer der drei einen Abschnitt ausließ, fiel (dem Zuhörer) nicht auf.
Ein Verfahren, so erinnert die Jazzpolizei, im allerweitesten Sinne ähnlich in einer Cage-Interpretation, vor zwei Jahren, ebenfalls im Loft.
Und das Pendel?
Nun wird’s kompliziert. Benoit Delbecq wählte es als downbeat, als Impuls zur Betonung einer Note, und zwar dann, wenn es eine bestimmte Falte vor dem Vorhang an der Wand des Loft passiert. Jonas Westergaard verfolgt in den Augenwinkeln die gleiche Bewegung, minimal zeitversetzt. Auch so entsteht Polymetrik.
Die Jazzpolizei dankte für einen erhellenden Abend und empfahl sich mit Verweis auf den idealen Ort für eine nächste Performance von Pendulum: in der Dominikanerkirche zu Münster, vor der Installation von Gerhard Richter „Zwei graue Doppelspiegel für ein Pendel“.

Foto: Gerhard Richter (Neon Dilemma)
erstellt: 08.03.26

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