What you have missed: Benoit Delbecq + special Guests, Winterjazz Köln

Winterjazz im Stadtgarten Köln, die 15. Edition, Eintritt frei und knallevoll wie immer - ein Rahmen, den die Jazzpolizei nicht wirklich mag, noch dazu bei dieser Kälte.
Sie hat´s dann doch gewagt, nahm vorlieb mit einem Stehplatz und Blick auf lediglich die halbe Band - und war´s zufrieden. Ach was, begeistert.
Das neue Jahr, es ließ sich richtig gut an.
Die Programmmacherinnen hatten zum ungeraden Jubiläum Benoit Delbecq aus Paris gebeten, ein Kölner Ensemble zusammenzustellen. Dass dessen first choice Jonas Burgwinkel sein würde, durfte kaum überraschen.
Im November 2015 hatte ihr gemeinsames Trio Medusa Beats (damals noch mit Petter Eldh, b) im Loft seinen Start genommen.
Und wenn Delbecq heute im Programm-Flyer lobt, „die Kölner Szene (sei) immer reich an Innovationen“ gewesen, ist das durch Erfahrung belegt. Sein Eintritt in die Kölner Jazz-Topografie geschah just dort am 5. Februar 1994. Man schiesst mit diesem Datum auch deshalb so punktum heraus, weil er diesmal allein und auch mit diesem neuen Quartett ins Loft zum Poben kam.
Als er nun im Stadtgarten das Publikum freundlich begrüßt und auf die Vorbereitungen einen guten km weiter nordwestlich in Ehrenfeld anhebt, spricht er vom Loft als seinem haven in Köln. Wer dies korrekt mit „Zufluchtsort“ übersetzt, dürfte vielleicht seine häufigere Präsenz dort in der Hauptsache im Kopf gehabt haben (im Stadtgarten war er zuletzt 2023).

band 26jan benoit delbecq quartett web 4 foto gerhard richter

Delbecq sitzt kaum mehr als eine Minute am Flügel, da ertönt der erste präparierte Ton aus dessen Resonanzraum. Ein trockener, perkussiver, vom Nachhall gekappter Klang; einen großen Bereich der unteren Lagen hat er damit ausgelegt. Die Assoziation mag lauten „afrikanisches Daumenklavier“ oder „Kalimba“ - ein wesentliches Merkmal des Delbecq-Sounds.
Das Präparieren des Pianos (dessen Ursprünge bei John Cage liegen), im Jazz hat es nicht seinen frühesten, aber seinen wesentlichen Protagonisten in diesem Musiker aus Paris (im Sommer wird er sechzig, man sieht´s ihm nicht an).
Er weiß sehr genau, warum er für die Rhythmusgruppe die sicherste Bank in Köln gewählt hat: Robert Landfermann und Jonas Burgwinkel, seit zwei Jahrzehnten die Rhythmusgruppe im Pablo Held Trio.
Es ist das helle Vergnügen, wie die beiden den offenen beat des ersten Stückes ausgestalten, einen beat, der mehr gedacht & gespürt als wirklich ausgeführt wird. Jonas Burgwinkel hat nicht nur alle Freiheiten, er nimmt sie sich auch, indem er mit gegenläufigen patterns über die nur noch imaginär vorhandenen Taktenden hinwegspielt.
Obenauf, in der melodischen Architektur, ein eher getupftes Thema im Duktus des bei Delbecq allgegenwärtigen Neo Cool.
Theresia Philippas (man weiß sie auch in der einstigen „Jazzhauptstadt“ Frankfurt zu schätzen) ist für diesen kontrollierten Modus eine sehr gute Wahl. Sie kommt bestens zurecht in diesem ständig changierenden Geflecht aus time/no time.
Das zweite Stück dann, oha!, das nächste Delbecq-special: ein afrikanischer Rhythmus, wiederum nur angedeutet, nicht ausgeführt. Eine Abstraktion dessen, was der kongolesische Perkussionist Emile Biayenda auf dem Album „The Sixth Jump“ (2008) vorgeführt hat. Eine Variante dessen, was früher schon als quasi „Ligeti in Afrika“ angemutet haben mag.
Robert Landfermann korrespondiert mit dem präparierten Flügel in einer Art, dass man sich vergewissern muss, dass dieser Rost-Sound gestrichen vom Kontrabaß und nicht aus den Saiten kommt.
Das dritte und letzte Stück schließlich führt aus, was vorher nur angedeutet war oder auch nur erhofft werden durfte: ein geradezu majestätischer, langsamer Shuffle. Auch hier nichts schnurgerade durchgeführt, immer wieder Abwandlungen, Ableitungen.
40 Minuten waren vereinbart, 40 Minuten sind ´rum - in einem Konzert, das 2026 zu den memorablen wird gezählt werden müssen. Wetten dass?

Foto: Gerhard Richter
erstellt: 11.01.26
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