Wenn man ihn durchblättert, findet man bei Mark Guiliana, 45, einen respektablen track record:
mehrfach David Bowie, Brad Mehldau, Donny McCaslin und Avishai Cohen (der Bassist), dazu Dave Douglas, Lionel Loueke, Phronesis, Meshell Ndegeocello, ganz zu schweigen von einem Dutzend Alben unter eigenem Namen, darunter das 2025 Grammy-nominierte „MARK“ (wir kommen darauf zurück).
Die New York Times legt noch eins drauf, handele es sich hier doch um einen „Schlagzeuger, um den sich ein Kult der Bewunderung gebildet hat“.
Die Jazzpolizei hat ein NYT-Abo - gibt aber auf nyt.com die Suche nach dem Originalzitat auf (zu viele Namensvetter).
Es ist vermutlich dieses NYT-Zitat, das in Köln wie ein Vorecho wirkt: der Stadtgarten ist bis auf den letzten Platz besetzt.
Auch der nachfolgende Satz, den das Programm ebenfalls der Webseite des Künstlers entnimmt („Mark Guiliana bringt einen abenteuerlichen Geist, eine eklektische Palette und eine Begabung für spontane Erfindungen in eine atemberaubende Bandbreite von Stilen ein“), dürfte den KiK, den Kult in Köln, befeuert haben.

Spoiler: Die Bewunderung in Köln also war offenkundig (und nix dagegen; man kann das unterhaltsam finden). Wer aber diese Solo-Performance jazz-ästhetisch und -historisch lokalisieren will, sieht sich veranlasst, seine Eindrücke durch Austausch der Vorsilbe des in Frage stehenden Substantives zu bilanzieren.
Die zu beobachtende Bewunderung führt relativ zügig zur Ver-Wunderung.
Es gibt in Köln gewiß eine Handvoll Schlagzeuger, die handwerklich mithalten könnten, denen aber die Chuzpe fehlte, damit eine Stunde lang auf der Bühne des Stadtgarten sich zu verbreiten.
Nun zeigt sich der Solo-Drummer heute nicht mehr nur mit seinem drumset; er müsste fürchten, die lange Kette der Schlagzeuger-Witze um ein neues Glied zu erweitern.
Das tut z.B. auch Günter „Baby“ Sommer nicht, um zunächst auf das prominenteste deutsche Beispiel zu kommen. Vor Jahren mal hat er in der Berliner Philharmonie hinter einem Vorhang agiert, also in einem akusmatischen Rahmen, um der Performance vonvornherein ihre fast unvermeidliche Physikalität zu nehmen
und die Konzentration auf ihren musikalischen Kern zu lenken.
Ansonsten tritt er an mit einem großen Perkussionsarsenal, in einer sehr ausgearbeiteten Programm-Architektur.
Oder Christoph Haberer, aus der „technologischen Fraktion“. Auch hier Programm, ja Programmierung, wenn er mit & gegen die vielen Spuren trommelt, die ihn aus digitalen Speichern umhüllen.
Ein gaanz klein wenig, auf niederem Niveau, hat´s auch, als Mark Guiliana im Stadtgarten die Bühne schleicht. Es läuft Minuten schon ein optisch bedeutungsloses Video mit Sequencer-KlingKlang. Er setzt sich an einen drumset, greift den melodischen Kern auf und variiert ihn, zunächst auf Stand- und Hänge-tom.
Es entfaltet sich der Typus von melodischem Drum-Solo, wie man ihn bei Ari Hoenig oder Joey Baron schätzt, bei jenen allerdings eingebettet in Ensemble-Kontexte.
Naja, nette Vorübung, denkt man, schließlich steht auf der Bühne auch ein aufgeklappter Laptop.
Der spuckt aber nichts a la Haberer aus, sondern erzählende Einzelstimmen, ohne funktionalen Bezug zur Live-Aktion. Es plappert halt, und oben flimmerts, eine Marschkapelle vor- und rückwärts, ein Baseballspiel.
Guiliana setzt sich an den Flügel und spielt etwas Anfängerhaftes, eine dynamische Abkühlung, nachdem er zuvor auf dem zweiten drum-set mit großer bassdrum richtig was losgedonnert hat.
Und dann liegen noch etliche Perkussionskleinteile verstreut auf der Bühne. Auch sie wollen beachtet sein.
Guiliana tipp mal hier was an, geht um den drumset herum, dann dort auf der anderen Bühnenhälfte wieder ein Pattern-chen. Nichts, was irgendeine strukturelle Komponente verriete, sondern lediglich einen Klangfarbenwechsel.
So geht eine Stunde rum. Und dann zieht Mark Guiliana ein Register, wie es nur Amerikaner können. Es folgt eine sehr spezifische Form der Publikumsanbiederung, die sich als Demut tarnt.
Zunächst Lob & Dank der location (das ist Standard), nun aber unter Hervorhebung dieses besonderen space, zu dem er ehrfürchtig hoffe, beigetragen zu haben. Und sie, die Zuhörer, doch, doch, („vielleicht ohne es zu bemerken“) sie hätten ihn beflügelt.
Und dann zieht er auch wirklich noch die letzte Karte der Koketterie: ach, ich weiß gar nicht, was ich hier oben so mache.
Als er schließlich noch - JeKaMi (jeder kann mitmachen) - Plastikrasseln in den ersten Reihen verteilt („bitte zurückgeben!“), hielt´s die Jazzpolizei nicht mehr auf ihrem Sitz…
erstellt: 23.01.26
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