„Niemals zuvor hat ein einzelner Mensch solch wunderschöne Musik komponiert, einen Triumph menschlicher Kreativität, und sie einem weltweiten Publikum zugänglich gemacht. Er war einer der größten Menschen, nicht nur aufgrund seines künstlerischen Geistes, sondern auch aufgrund seines großzügigen und großmütigen Charakters.“
Die Webseite eines Verstorbenen, die - ohne weitere Autorenangabe - einen solchen Text enthält, setzt sich dem Verdacht des Hochmutes aus. Eben weil man nicht weiß, wer hier spricht (vielleicht ist es die Witwe Mariella Lo Sardo).
Aber, die Trauerrede ist aus einleuchtenden Gründen eine besonders subjektiv geprägte Textsorte. Und seltsamerweise, auch wer den persönlichen Schmerz nicht teilt, weil er auf öffentlichen Foren lediglich die Künstlerseite des Verstorbenen kennengelernt hat, wird ihr in diesem speziellen Falle die Zustimmung nicht versagen.
Ganz gewiß nicht dem musikalischen Gehalt der Aussage; viele werden ihn für wahr halten, weil sie ihn so empfunden haben. Und da wir uns den bedeutenden Künstler gerne auch als guten Menschen vorstellen (trotz nicht seltener Gegenbeispiele), tun wir das ganz besonders in diesem Falle, denn:
Ralph Towner war ein sympathischer Mensch.
In einer Gattung, die oberste Priorität der Artikulation eines eigenen Ausdrucks einräumt, hat er das Optimum erreicht. Noch dazu auf einem Instrument, das Instrumentalkollegen nur nebenher in die Hand nehmen: die akustische Gitarre, ganz zu schweigen von deren 12-saitiger Ausfertigung.
Ein sehr schweres Zeichen setzt er damit im November 1971 in den Columbia Studios zu New York City, bei der Produktion eines Albums mit dem völlig gegenläufigen Titel „I sing the Body Electric“ (von Weather Report). In der Wayne Shorter-Komposition "The Moors" nimmt die Introduktion von Towner mit allerlei Tonbeugungen, Flageoletts und stop times fast die Hälfte des Stücke ein.
Zu diesem Zeitpunkt lebte er schon drei Jahre im big apple, hatte längst den Schwerpunkt seines Interesses von der Saitenbehandlung mittels Tasten auf unmittelbares Händewerk verlegt - ohne ersteres völlig aufzugeben.
Etliche Jahre später, 1982, auf "Blue Sun", einem seiner Solo-Alben, umfasst die Liste der verwendeten Instrument alles, was er gelernt, eingehend studiert und sonstwie sich angeeignet hat: „12-String Guitar, Classical Guitar, Piano, Prophet 5 Synthesizer, French Horn, Cornet, Percussion“.
„Ich habe die Gitarre immer wie ein Tasteninstrument behandelt. Der Trick bei einigen der komplizierten Akkorde ist, dass man nur sechs Saiten hat und das Spielen von sechs Noten nicht unbedingt kompliziert ist. Aber mir half dabei mein Studium der Barockmusik und Bach-Choräle am College und das Erlernen des Einsatzes von geschlossenen und offenen Stimmen, also wie man mit weniger Stimmen etwas Größeres andeuten kann“ (in Joel Harrisons Guitar Talk, 2018).
Da kam er her, von dem Tasteninstrument schlechthin, vom Piano. Er konnte es tagtäglich hören, daheim in einer KLeinstadt südwestlich von Seattle. Die Mutter, Klavierlehrerin, unterrichtete zu Hause, der Vater spielte Trompete.
An der University of Oregon hat er beides studiert. Seine ersten Jobs hatte er als Jazzpianist, beeinflusst von Bill Evans.
Die nicht-verstärkete Gitarre mit ihren je nach Lage wechselnden Farben „wählte ihn“, wie der Tagesspiegel insinuiert, als er einen Kommilitonen darauf mit Bach-Werken hörte. Er studierte das Instrument in seiner klassischen Form in Wien 1963/64 und 1967/68, bei dem renommierten Lehrer Karl Scheit.
1968 zieht er nach New York, zusammen mit dem Bassisten Glen Moore, mit dem ihn kurz darauf eine fast lebenslange Kooperation verbinden sollte, mit der Fusionsgruppe Oregon. In Woodstock, 1969, begleiten die beiden einen weiteren fellow Oregonian, den Folksänger Tim Hardin (1941-1980).
Ab den 70ern wächst sein Werk in einer Breite, die sich in einem kurzen Nachruf kaum kartieren lässt: Paul Winter Consort, Oregon, John Abercrombie, Gary Burton, Jan Garbarek, Eberhard Weber, Dave Holland und und und…
Allein zwei Dutzend Alben unter eigenem Namen veröffentlicht er auf ECM.
Das letzte „First Light“ (2023) konzentriert noch einmal, was ihn als Gitarristen ausmacht.
„Die Gitarre ist ein so gutes Soloinstrument; man hat das Gefühl, eine Art Ensemblemusik zu spielen, aber ganz allein“, 2017 gegenüber der Jazztimes geäußert, hier löst er es, erneut, ein.
Ein enges Wechselspiel aus lines und Akkorden, aus Jazz- und klassischen Techniken, weit weg von den Triolengeschossen eines Pat Martino, in einer Kammermusik eigener Art. Die swingt.
Er war, was nur wenige wussten, in den letzten Jahrzehnten seines Lebens dem wohl größten Magneten seiner Musik nahe, Europa. Seit den frühen 90ern lebte er zunächst in Palermo, dann in Rom; 1994 heiratete er die Schauspielerin und Dramatikerin
Mariella Lo Sardo.
Ralph Towner, geboren am 1. März 1940 in Chehalis/WA, verstarb am 18. Januar 2026 in seiner Wahlheimat Rom. Er wurde 85 Jahre alt.
Foto: Paolo Soriani
erstellt: 19.01.26
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