35 Sekunden Nachruf in der Hauptausgabe der Tagesschau.
Judith Rakers spricht die Namen unfallfrei („… spielte an der Seite von Albert Mangelsdorff, Volker Kriegel oder Charlie Mariano“ (diesen Namen spricht sie semi-amerikanisch aus) - welchem Jazzmusiker aus Deutschland ist schon eine solche Aufmerksamkeit vergönnt?
Obwohl, Dauner, dessen offenkundiger Humor schnell auch eine motzige Färbung annehmen konnte, hätte er denn diesen Nachruf vorab gesehen, die Formulierung, wer von den drei Zitierten an wessen Seite gespielt habe, perspektivisch anders gewählt hätte.
Auf 36 Seiten in Knauer´s „Geschichte des Jazz in Deutschland“ wird er geführt, auf manchen mehrfach.
Und vieles, was da steht über „…_Weg bereitet“ und in den ersten Nachrufen „Urvater des deutschen Jazz“, „revolutionär“ etc. ist nicht falsch.
Dauner gehört unbestritten zu denen, die die Topographie des Jazz nach 1945 in diesem Land modelliert haben.
Gleichwohl muss man manchem heute die Linie nachzeichnen, die von „Stuttgart´s great son“ zu dem Berserker gleichen Namens in den sechzigern führt.
Dauner totalDauner war ein Mann der Tat.
Er trat mit nacktem Schlagzeuger auf, ein Klavier brannte, er spielte unter Bundeswehr-Tarnnetzen, gelegentlich spielte er auch ganze Säle leer.
Seine Laufbahn folgte auch insofern dem klassischen Weg der alten (Avant) Garde, als sie nicht direkt aus einer Akademie führte, sondern nach einem sogenannten ordentlichen Beruf, Maschinenschlosser („meine Pflegemutter hat gesagt: „Bub, bevor der nächste Krieg kommt, musst du ein richtiges Handwerk lernen.“) erst mal auf einer Parallelbahn wirtschaftlich Schwung aufnahm (Dauner hat als Trompeter bei Bäderkonzerten Maria Rökk und Zarah Leander begleitet), bevor sie sich dann auf das eigentliche Gleis begab.
Der unwahrscheinliche Ekklektizismus des Wolfgang Dauner, der sich unglaublich vieles zutraute und anpackte, und manches aus wirtschaftlichen Gründen nicht verschmähte, er nahm dort wohl seinen Anfang.
Vielleicht aber ist gerade dieser unwahrscheinliche Ekklektizismus der Grund, dass in diesem großen Aktivismus einzelne gelungene Projekte aufleuchten (z.B. das erste „Et Cetera“-Album, aufgenommen im Dezember 1970 in London), ein konzeptioneller Kern, ein Stil aber kaum zu erkennen ist. Dass über lange Strecken vieles in gediegener Konvention (das United Jazz + Rock Orchestra zum Beispiel) sich gefiel. Und schon gar nicht bis Amerika tönen konnte.
Wer an wessen Seite spielte, die Frage ist in den Fällen Albert Mangelsdorff und Eberhard Weber leichter zu beantworten.
Wolfgang Dauner, geboren am 30. Dezember 1935 in Stuttgart, ist ebendort am 10. Januar 2020 einer längeren Krankheit, wie es heißt, erlegen. Er starb keine zwei Wochen nach seinem 84. Geburtstag.

erstellt: 10.01.20
©Michael Rüsenberg, 2020. Alle Rechte vorbehalten