MILES DAVIS miles electric: a different kind of blue ********** DVD

1. A spiritual Orgasm, 2. "So What“ Kind of Blue 1964, 3. Fender Rhodes Piano, the new Electric Toy, 4. Bitches Brew, Shaking the Foundations, 5. Betty Davis and Miles´ Hard Core Rock, 6. Boxing, Improvisation nd Miles´ Music, 7. Caught Up in the Craziness of the Sixties, 8. The Critic´s Jazz - The Dirty Word, 9. Embracing the Shock of Electricity, 10. The Isle of Wight - The Sideman, 11. "Call it Anyting“ - The Isle of Wight Concert 1970, 12. Tributes to Miles´ Genius, 12. End Credits
Bonus: Additional interview footage, Frist Electric Period Sessionography 1967-1975 compiled by Enrico Merlin

Miles Davis
- tp, Chick Corea - ep, Keith Jarrett - org, Dave Holland - bg, Gary Bartz - ss, as, Jack DeJohnette - dr, Airto Moreira - perc
Interviews: Carlos Santana, Herbie Hancock, Paul Buckmaster, Joni Mitchell, Dave Liebman, Stanley Crouch, James Mtume, Pete Cosey, Bob Belden, Marcus Miller

rec 29.08.1970

Edel/Eagle Vision EREDV263

In Kapitel 10, nach 39:17 Videozeit ... der Super-Fan
Carlos Santana hat viel gesprochen, sein Widerpart Stanley Crouch wenig (seine Bewertung, beim Miles Davis jener Jahre handele es sich um "das grösste Beispiel von Selbstzerstörung eines Künstlers" wird gerade noch von der Meinungsfreiheit aufgefangen), der Regisseur Murray Lerner hat im Stile eines guten TV-Features des öfteren "Gegenwart" (1970) und Vergangenheit miteinander verschränkt, er nimmt das Konzert auf der Isle of Wight zum Anlass, den ästhetischen Wandel jener Jahre zumindest vom Titel her mit dem von "Kind of Blue" (1959) in Beziehung zu setzt, diskutiert wird sie nicht; mitunter greifen die Miles-Alumni Passagen aus dem Isle-of-Wight-Konzert auf und spielen sie in einem Foto-Studio nach, kommentieren Stil, Technik und Sound jener Performance (wobei sie am Fender Rhodes Electric Piano sitzen, Chick Corea auf der Insel aber erkennbar ein Hohner bedient - eine lässliche Sünde, viel schlimmer ist die Übersetzung "horn" mit "Tüte" in den deutschen Untertiteln, die ansonsten zügig mitlaufen, wenn man sie denn gewählt hat) ...
nach anregenden, abwechslungsreichen 39 Minuten und 17 Sekunden steuert die Produktion ihren intellektuellen Höhepunkt an:
Keith Jarrett im Foto-Studio - der Regisseur Lerner hat wirklich alle Kämpen von 1970 vor die Kamera gekriegt.
Keith Jarrett sitzt an einem Flügel, rührt ihn aber nicht an; er sieht gut aus, wirkt geradezu sympathisch, man ist überrascht, wie freundlich er sich uns zuwendet. Der Einstieg ist ideal, offenkundig gefällt ihm die Frage des unbekannten Interviewers, ob er sich damals "
in Trance" befunden habe.
Der Eindruck liegt nahe, denn schon vor dem 33 Minuten (und nicht 38 Minuten langen) Konzert, sieht man Jarrett mit wogendem Oberkörper an einem Instrument, das sich nicht kneten lässt wie ein Flügel, und allenfalls klanglich - per Kippschalter - aber nicht dynamisch Variationen anbietet: die RMI Orgel.
Ob er in Trance gewesen sei? Jarrett sagt, "that´s a good question", aber antwortet nicht mit ja oder nein, sondern breitet seine beiden Hände aus. Mehr könne man an einem Piano nicht erreichen.
Er sei über das Instrument hinausgegangen, dorthin, wo man Dinge entdeckt, "die einen auch erschrecken können". Dabei habe er zunächst nicht gewusst, ob er diese Orgel mehr hassen sollte als das E-Piano von Chick Corea.
Und es kommt einem erneut der Satz von Jarrett-Biograph
Ian Carr in den Sinn, wonach (damals im Hinblick auf das "Köln Concert") Jarrett immer dann am besten sei, wenn die Umstände gegen ihn sprächen. Jarrett stapelt tief: "Ich brachte Energie in die Band, nicht mal Musik“.
Wer die Bilder sieht und den exzellenten Ton hört, kann dem nicht zustimmen, allenfalls als metaphorische Annäherung. Die Passagen, wo Jarrett und Corea mit ihren - aus heutiger Sicht - Kinderspielzeugen arbeiten, gehören zu den besten der ganzen Performance. Die Rhythmusgruppe ist
superb, Miles selbst auch gut dabei. Und wenn Keith Jarrett sagt, dieses Konzert sei eine "Mikro Lektion" der ganzen Jazzgeschichte, sogar ein "Moment Dixieland" sei dabei, so habe ich den zwar nicht gehört, aber es sind schon viel geringere Anlässe metaphorisch dermassen überhöht worden.
Die Rhythmusgruppe spielt - auch im heutigen Sinne - absolut modern, man kann
Dave Holland und Jack DeJohnette an den Gesichtern das Gelingen ablesen, die Akzente zu verschieben und den Groove an den Rand des Scheiterns zu bringen.
Der italienische Miles-Experte
Enrico Merlin hat dem Datenteil der DVD eine staunenswerte "Sessionography" sämtlicher Miles-Aktivtäten der Jahre 1967-1975 beigefügt. Von ihm stammt auch der Begriff der "coded phrases", also der Signal-Töne, mit denen Miles Davis jeweils neue Themen/Grooves aufruft. Viel deutlicher als bei reinem audio kann ein jeder nachvollziehen, wie gut die Band darauf eingestellt war - und wie prompt sie ihrem Chef dabei folgt.
Denn mögen die Bandmitglieder von ihrem
massimo leader auch zu Leistungen couragiert worden sein, die sie sich selbst nicht zugetraut hätten - hier agiert keineswegs ein Kollektiv. Wie insbesondere der Schluss zeigt, sind die Rollen klar verteilt: Miles hört einfach auf, greift seine Tasche, seine Jacke und verschwindet im Bühnenhintergrund. Seine Begleiter folgen ihm, zum Schluss bleibt nur noch ein Orgel-Klang "stehen".
Dieser Abschied wirkt schockierend banal vor dem mutmasslich grössten Auditorium, das Jazzmusiker je gesehen haben:
600.000 Menschen, mehr als in Woodstock ein Jahr zuvor. Zu Beginn schwebt die Kamera - mit der Miles Davis Group - über die Kreidefelsen der Isle of Wight heran, über Felder und dann über Menschen, Menschen, Menschen bis zum Horizont - ein unfassbares Bild. Airto spricht später, im über 30-minütigen Bonus-Interviewteil davon. Er sitzt mit seinen ganzen Utensilien in einem Foto-Studio. Auf die Bitte, spontan eine Hommage an Miles zu gestalten, denkt er einen Moment nach und schichtet dann vokal & perkussiv eines der Monster-riffs von "Bitches Brew" aufeinander. Mit der bewegendste Moment dieser Dokumentation, die nun keinesfalls Analysen ersetzt, keine Analyse bietet - aber mit den Mitteln, die uns aus guten Fernsehtagen vertraut sind, ganz schön weit kommt.

erstellt: 08.02.05

©Michael Rüsenberg, 2005, Nachdruck verboten