ANGÁ DIAZ Echu Mingua ********

1. San Juan y Martinez (Diaz, Diaz Zayas), 2. Rezos (Diaz, Balart), 3. Pueblo Nuevo (Israel Lopez), 4. Tume Tume (Baba Sissoko), 5. A Love Supreme (John Coltrane), 6. Gandinga Mondongo Sandunga (Frank Emilio Flynn), 7. Dracula Simon (Diaz, Cachaito Lopez, Malik Mezzadri), 8. Round Midnight (Monk), 9. Jerry´s Tune (Diaz), 10. Oda Maritima (Nemirovsky), 11. Freeform (Diaz, Sissoko, Bigeault), 12. Conga Carnaval (Chucho Valdez), 13. Closing (Diaz)

Angá Diaz
- perc, congas, timbales; Orlando Cachaito Lopez, Simon Burwell - b, Baba Sissoko - tamani, n´goni; Roberto Fonseca, Chucho Valdes, David Alfaro, Ruben Gonzalez, Rubencito Gonzalez - p, Dee Nasty - turntables, Enrique Pla - dr, Malik Mezzadri - fl, Carlos Gonzalez - bongos, Yaure Muniz - tp, und viele andere

rec 2004 (?)

Indigo/World Circuit Records WCD 071; LC-Nr 02339

So vielschichtig dieses Album, so verschieden können die Annäherungen daran sein.
Wo anfangen?
Vielleicht zuerst bei
Angás Verbindung zu Steve Coleman (1994-1999). In den späten 90ern ein Konzert im Stadtgarten Köln, wo unsereins aus dem Staunen nicht mehr rauskommt; Coleman mit einer Rhythmusgruppe (Sean Rickman - dr, Anthony Tidd - bg), die kein Baltt Papier mehr zwischen sich lässt, obenauf aber, zwischendrin, wo auch immer ein bis dato unbekannter Conga-Spieler mit stupender Technik, der mit einer Fuss-Maschine zusätzlich noch eine cowbell bedient. Groove bis zum Abwinken.
Vielleicht zuerst bei dem
collectors item "Round Midnight". Dieses Album fügt den vielen originellen Bearbeitungen der originellsten eine hinzu, eine Version für Congaspieler, Bassist und Streichquartett. Dieses Ensemble bedient sich nur eines Ausschnittes des Monk-Themas, und zwar so, dass Angá alle erforderlichen Tonhöhen auf 7 (!) unterschiedlich gestimmten Conga mitspielen kann. Sieben Congas, die muss man erst mal so aufstellen, dass die Finger eine jede auch erreichen können; das booklet zeigt, wie.
Vielleicht aber zuerst erwähnen, dass "Echu Mingua" der zweite Schritt in der Evolution des afro-kubanischen Jazz ist, der sich (auch) auf
John Coltrane stützt. Bei Julio Barreto ("Iyabó", 1999) war es mit "Countdown" noch ein Stück Hardbop von Coltrane, jetzt ein Klassiker des modalen Jazz, "A Love Supreme". Hier ein noch grösserer Streicher- und Bläser-Einsatz, strukturell nicht so durchdacht wie die Monk-Bearbeitung, noch dazu durch eine Frauenstimme lounge-ig dick aufgetragen.
Vielleicht aber zuerst erwähnen, dass nach und neben
Kip Hanrahan die Congas nicht mehr so gut geklungen und gegroove haben. Dieses ist ein Groove-Album per excellence!
Wie bei Hanrahan emfiehlt sich auch hier, nicht mehr von "Latin Jazz“, sondern von "afro cuban fusion" zu sprechen. Es fast schon eine afro-kubanische Weltaneigung, die nach Europa greift ("Round Midnight"), nach
Mali ("Tumé Tumé", leider mit dem Flöten-Langweiler Malik Mezzadri), nach Argentinien ("Oda Maritima"), nach Spanien ("Jerry´s Tune"; Angá kombiniert Buleria- und Cajón-Rhythmen), zum HipHop ("Freeform"), zu einem Klassiker des kubanischen Jazz ("Gandinga Mondongo Sandunga"): den Auftakt macht ein Bongo-Solo mit variablen Tonhöhen (Carlos Gonzalez), über dem darauf einsetzenden 12/8-Groove, polyrhythmisch in einer Mischung aus Mambo und HipHop, entfaltet nicht nur Angá ein unwiderstehliches Solo, sondern auch David Alfaro, einer von mehrern bemerkenswerten Pianisten dieser Produktion.
Altmeister
Chucho Valdes darf sich erst kurz vor Schluss ("Conga Carnaval") präsentieren. Hierfür wird die komplette Irakere-Mannschaft reformiert (der Anga von 1987-1994 angehörte). Nach soviel konzeptioneller Arbeit erklingt ein Party-Groove nach dem Motto "Blinde sehen, Lahme gehen". Wen es dabei noch auf dem Stuhl hält, der sollte seinen Arzt oder Apotheker fragen.
"Echu Mingua" ist der Name von
Angás Schutzheiligem in der Yoruba-Religion. Es bleibt ein Rätsel, warum das Album bei soviel Disparitäten nicht auseinanderfällt, sondern wie aus einem Guß durchläuft, pardon -groovt, und - warum man diesen Musiker (geboren 1961 auf Kuba, jetzt in Barcelona zu Hause) bis dato nur als exzellenten Conga-Spieler, nicht aber als das wahrnehmen konnte, als was er sich hiermit herausstellt: als ein ebenso exzellenter Konzeptkünstler.

erstellt: 30.03.05

©Michael Rüsenberg, 2005, Alle Rechte vorbehalten

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