BOBO STENSON/ANDERS JORMIN/PAUL MOTIAN Goodbye ********

1. Send in the clowns (Sondheim), 2. Rowan (Jormin), 3. Alfonsina (Ariel Ramierez), 4. There comes a time (Tony Williams), 5. Strong about Earth (Vysotsky), 6. Seli (Jormin), 7. Goodbye (Gordon Jenkins), 8. Musik for a while (Purcell), 9. Allegretto Rubato (Jormin), 10. Jack of Clubs (Motian), 11. Sudan, 12. Queer Street (Stenson), 13. Triple Play (Jormin), 14. Race Face (Ornette Coleman)

Bobo Stenson
- p, Anders Jormin - b, Paul Motian - dr

rec 04/2004

ECM 1904; LC-Nr 02516

Bobo Stenson und Paul Motian gehören so sehr zum Stammpersonal des ECM-Kataloges, dass man staunend liest, diese Produktion hier führe sie zum ersten Male im Studio zusammen; April 2004, Avatar Studios New York City, des Schweden erstes studio date in Amerika. Es war gleichwohl nicht das erste Zusammentreffen der beiden - auf ihre Art - Instrumental-Lyriker. Das hatte bereits im Herbst 2000 stattgefunden, anlässlich der England- und Irland-Tournee eines Quartetts um den britischen Saxophonisten Martin Speake.
Hier aber nun übernimmt Motian den langjährigen Part von Jon Christensen. Der grösste
rubato Schlagzeuger des Jazz, ohne beat, aber nicht ohne time, trifft auf einen grossen europäischen Piano-Melancholiker, zusammengehalten von einem ungemein intonationssicheren Bassisten mit einem voluminösen Ton.
Die Tempi sind getragen, kaum je in jener sicheren Ordnung, genannt
swing, fast immer changierend, schwebend, drei rhythmisch unabhängige Stimmen, die nur über das gefühlte Tempo verbunden sind.
Mit track 4 kommt wenn auch kein anderes Tempo, so doch neue Farbe ins Bild:
Anders Jormin spielt arco (mit Bogen), in klagendem Tonfall, umrankt von allerlei Durchgangsakkorden und beiläufigen snare drum Figuren: Tony Williams´ unvergessenes "There comes a Time" (1971), wie ein Requiem. Ein Stück von dunkler Eleganz sondersgleichen. Nachden Jormin das Thema exponiert hat, folgt Stenson mit harmonischen Ausschmückungen - und das Trio übernimmt deutlich nachvollziehbar den 5/4-Takt des Originals (nicht 7/4, ich muss mich korrigieren). Was für ein irrisierendes Stück, was für eine rhythmische Spannung, indem einfach nicht alles ausgeführt, sondern manches verschoben oder auch nur gedacht wird. "Song about Earth" des "russischen Schauspielers und Protestsängers Vladimir Vysotsky" (wie es bei ECM heisst) folgt, hymnisch-narrativ in nochmals reduziertem Tempo.
Es fällt auf, wie sehr die einzelnen Stücke in Gruppen zusammengefasst sind. Mit track 8 von
Henry Purcell beginnt ähnlich eine Strecke wie zuvor mit "There comes a time". Dem Barock-Komponisten Purcell folgt ein "Allegretto Rubato", das seine hervorstechenden Eigenschaften schon im Titel trägt, ein Musterbeispiel des rubato wiederum.
Paul Motion schliesst mit "Jack of Clubs" an, um dann mit "Sudan" viel vom Tempo herauszunehmen. Auch hier heisst es: nomen es omen. Anders Jormin streicht eine arabisch anmutende Melodie. Eigentlich sind es nur locker vertreute arco-Phrasen, später bis hin ins Flötenartige sich steigernd, an die die beiden anderen verschiedene kleine Gewichte hängen. Ein solches Kleinod kann man gar nicht auskomponieren, es kann nur Skizze sein - und muss auch so klingen, beiläufig, flüchtig.
Skizzenhaft geht die Produktion weiter und mündete schiesslich in einen
Ornette Coleman Standard. Egal ob dieser nun zu den vielgespielten gehört oder nicht, "Rat Face" teilt deren unaufgeregte Munterkeit, die das Trio mit einem Schuss Monk abschmeckt.
"Goodbye" ist gottlob nur der zum Produktionstitel avancierte Song von Gordon Jenkins (einst eine Ikone von
Nelson Riddle & Sinatra) - es sollte niemand als Motto verstehen. Insofern müsste der Nachfolger zu diesem grandiosen Einstieg unbedingt "Welcome" heisssen.

erstellt: 17.09.05

©Michael Rüsenberg, 2005, Nachdruck verboten