PAUL MOTIAN, BILL FRISELL, JOE LOVANO I have the Room above her *******

1. Osmosis Part III (Motian), 2. Sketches, 3. Odd man out, 4. Shadows, 5. I have the Room above her (Kern, Hammerstein), 6. Osmosis Part I (Motian), 7. Dance, 8. Harmony, 9. The Riot Act, 10. The Bag Man, 11. One in Three, 12. Dreamland (Monk)

Joe Lovano
- ts, Bill Frisell - g, Paul Motian - dr

rec 04/2004
ECM 1902 9824056; LC-Nr 02516

Unsere kleine (Jazz)Welt ist zu unbedeutend, um dem Feuilleton eine Melodie vorgeben zu können, geschweige der Alltagskultur. Aber wenn es um die beliebte "Entschleunigung" geht, müssen wir wirklich nicht mehr auf
Sten Nadolny "Die Entdeckung der Langsamkeit" zurückgreifen: der langsamsten einen haben wir seit langem in unseren eigenen Reihen - Paul Motian, 74.
Auf seinem Come back bei
ECM seit bald 20 Jahren, mit seinem Trio von 1984, hat er das Tempo noch mehr herausgenommen. Es braucht freilich einen langen Anlauf von 4 tracks, bis das Ebenmass eines selbstverlorenen rubato einem Anderen, einem Besseren weicht, dem Standard "I have the Room above her" von Jerome Kern und Oscar Hammerstein.
Endlich eine Figur, die den Status "Melodie" verdient. Hinter Lovanos Führung taut man auf, wird nicht schneller, keineswegs, aber die Aktionen wirken nun mehr aufeinander bezogen. Track 5, das darf man sagen, bringt Licht in die Sitzung, ab hier hört man alles anders. "Dance" tut dann ein übriges; die Bewegung nimmt zu (kein Wunder, wo das Thema eine deutliche Referenz zu
Ornette Coleman enthält), Motian verbreitet sich in klar benennbaren patterns, hauptsächlich (FreeJazz)Puls, mit einem Shuffle-Einschub. In "Harmony" hält er das Tempo, im Schlussteil wird es entschleunigt mit dem klaren Zweck, den Kantilenen-Charakter der Melodie noch einmal herauszustellen.
Und sangbare Melodien hat´s hier des öfteren. Die nächste folgt schon in "The Riot Act", sie teilt ein paar Noten mit Wollie Kaisers Hymne "Schnecke Turtur" (1984) für die
Kölner Saxophon Mafia. Für zusätzliche Attraktivität sorgt Frisells Einfall, sein Solo mit ring-modulierten Klängen einzuleiten und die Hynme vorsichtig "aufzuladen". Lovano greift diesen Duktus auf, mit überbläsenen Klängen und Frisell gibt noch eins drauf, indem er sich herrlich in einem 7/4-Loop verfranst, live gespielt.
Hier ist diese Combo in ihrer einzigartigen Performance völlig bei sich, und die nächsten beiden Kantilenen warten schon...

erstellt: 02.02.05

©Michael Rüsenberg, 2005, Nachdruck verboten


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