COLIN TOWNS + NDR BIG BAND Frank Zappa´s hot licks (and funny smells) *****

1. Introduction & Anthem, 2. Peaches en Regalia (Zappa, arr: Towns), 3. Eat that Question, 4. Let´s make the Water turn black, 5. Watermelon in Easter Hay, 6. Brown Shoes don´t make it, 7. Willie the Pimp, 8. King Kong, 9. A pound for a Brown, 10. Waka Jawaka, 11. Stevie´s Spanking, 12. Sinister Footwear - 2nd Movt, 13. Little Umbrellas/Big Swifty, 14. Black Napkins, 15. Be-Bop Tango, 16. G-Spot Tornado

Colin Towns
- cond, arr; Lennart Axelsson, Ingolf Burkhardt, Claus Stötter, Reiner Winterschladen - tp; Dan Gottshall, Sebastian Hoffmann, Stefan Lotterman, Ingo Lahme - tb, tuba; Fiete Felsch, Peter Bolte, Christof Lauer, Lutz Büchner, Frank Delle - saxes; Vladyslaw Sendecki - p, keyb; Stephan Diez - g; Lucas Lindholm - b, Marcio Doctor - perc, Ian Thomas - dr

rec. 31.5.2004

Alive/rent a dog rad 2007-2; LC-Nr 12436

Big Band Arrangements von Zappa´s Musik haben, ja fast ist man geneigt zu sagen: Konjunktur; von Ricardo Fassi und seiner Tankio Big Band (1994) und der überforderten Ed Palermo Big Band (1997), bis zu
Le Bocal (2003) und heuer die NDR Big Band. Ganz zu schweigen von Gross-Formationen wie Kristjan Järvis Absolute Ensemble, dem man Status & Ästhetik einer Big Band aber ebenso wenig zuschreiben mag wie dem Ensemble Modern.
Für die
NDR Big Band hat sich ihr externer Haus-Arrangeur Colin Towns an die Arbeit gemacht - und offenkundig die restriktive Witwe Zappa beeindruckt. Denn, wie viele andere Zappa-Bearbeiter neidvoll einräumen werden, dass Towns als Arrangeur sich eintragen durfte (was die Zustimmung von Gail Zappa voraussetzt), ist allein schon eine editorische "Leistung". Viele andere haben keine Lust auf Windmühlenflügel-Kämpfe und gehen ihrer Marotte, Zappa zu arrangieren, unter Honorar-Verzicht nach. (Wann immer das Produkt ihrer Gedanken im Radio erschallt - sie kriegen nix dafür, auch bei den mechanischen Rechten gehen sie leer aus.)
Es sind nicht die schlechtesten Köpfe darunter, denn ob Colin Towns zu den originellen Zappa-
Deutern gezählt werden darf, steht mit dieser Produktion nicht ausser Zweifel. Wenige Momente nur in diesem gut einstündigen Programm verlagern die Aufmerksamkeit in jenen Bereich, der Anerkennung unumgänglich macht.
Schon der Auftakt ist verkrampft: die Band simuliert eine Orchesterprobe, intoniert dann die amerikanische
Nationalhymne. Schnitt, eine sampler-Stimme spricht über einem 4/4-swing den zweiten Halbsatz, der in vielen Köpfen das vieldeutige Original-Zitat auslöst ("jazz is not dead, it just smells funny") und offenbar die humorvolle Verkehrung ins Gegenteil signalisieren soll. Nun gehört Colin Towns einem in dieser Hinsicht gesegneten Volk an, den Angelsachsen, aber verglichen mit einem anderen Landsmann, Django Bates, mangelt es seinem Humor an Hintergründigkeit. Eine schnelle Polka, an zwei Stellen eingesetzt, Bizet korrekt wie im Original zitiert ("Big Swifty"), Jahrmarkts-Atmo aus dem sampler - zu tieferen Schichten von Ironie & Parodie dringt er nicht vor.
Leider versemmelt Towns auch einen schönen Einfall, der bei der Premiere in Hamburg zu Beginn für ordentlichen Antrieb gesorgt hatte: für das Thema von "Peaches en Regalia" gesellt er zu den Bläsern gleichberechtigt eine heulende Gitarre und lässt im B-Teil ein riff a la
Hendrix "Hey Joe" anklingen. In Moers ein paar Wochen später (von dort stammt dieser Mitschnitt) sind solche Feinheiten im Mix glattgebügelt. Ansonsten fällt Towns etwas ein, wo vielen etwas einfällt, bei "King Kong": ein Teil der Bläser intoniert das Thema, der andere hält mit einem minimal pattern dagegen. Die aberwitzigen Reihungen von 3/8 und 4/8 in "Pound for a Brown" (Referenz: die "Yellow Shark"-Fassung) hat Towns übersichtlicher gruppiert, ein Solo läuft über Rock 4/4, ein anderes über swingenden 4/4, gefolgt von jazz-typischen tradin´ fours (Solistenwechsel alle 4 Takte).
Ja, man merkt durchaus, dass hier die "amtlicheren" (Jazz)Musiker agieren als jene aus Zappas letzten Alben. Aber einen Zugewinn bedeutet das mitnichten. Brüche, überraschende Deutungen wie bei
Le Bocal fehlen, vor allem rhythmisch bleibt die Vorstellung seltsam blass. Bei einer so grossen Besetzung muss der Hunger vieler auf ein Solo gestillt werden, die Rhythmusgruppe, insbesondere Ian Thomas begleitet huldvoll - Druck, Herausforderungen zur Interaktion gar muss keiner am Solisten-Mikrofon fürchten. Und mancher Aufenthalt dort dauert einfach zu lange.

erstellt: 04.04.05

©Michael Rüsenberg, 2005, Nachdruck verboten