EDWARD SIMON Simplicitas *******

1. Opening (Edward Simon), 2. Infinite One, 3. Not so unique, 4. You´re my everything (Harry Warren), 5. Simplicity (Edward Simon), 6. Fiestas, 7. Unknown path, 8. Fiestas Reprise, 9. You´re my everything II (Harry Warren), 10. South Facing (Michael Buckley), 11. Exit (Edward Simon)

Edward Simon
- p, Avishai Cohen - b, Adam Cruz - dr, steel dr; Luciana Souza - voc (7), Adam Rogers - g (7, 11), Pernell Saturnino - perc (1, 6, 8)

rec 03.05.2004

HarmoniaMundi/Criss Cross CRISS 1267 CD

Wer unsere
top three Nachschlagewerke zur Hand nimmt und im Umkreis von "Simone, Nina" sucht - wird den Eintrag "Simon, Edward" nicht finden. Warum auch? Der Mann hat ja nur ein paar vorzügliche Vorstellungen abgeliefert bei Greg Osby und Terence Blanchard, bei David Binney und Bobby Watson, ausserdem liegt von ihm selbst ein halbes Dutzend Alben vor. Nicht zuletzt - er gehört zu den sanften Erneuerern des Latin Jazz (Pianos).
"Es ist nicht normal, einen Latin Groove in 3 zu hören", wird er selbst in den liner notes dieses Albums zitiert (zu "Fiestas"), bei seiner Glanzvorstellung mit David Binney ("Afinidad", 2000) hat er sogar einen
Latin 5 gegeben.
Edwardo Simon, geboren 1969 in Venezuela, ist schon seit ein paar Jahren mit von der Partie (seit 17 Jahren ausweislich seiner Discographie), vielleicht wachen unsere Jazz-"Führer" auf, wenn er die zwei Dutzend vollendet.
Wie immer hat er - auch diesmal, bei seinem zweiten CrissCross-Album - handverlesene Mitspieler: den
Corea-Bassisten Avishai Cohen hat man noch nie so Patitucci-haft, vulgo: so gut gehört wie hier. Adam Cruz ist alter Latin-Adel, nun swingt er auch vorzüglich.
Das ist wichtig hervorzuheben, denn "Simplicitas" ist kein Latin-Jazz-Album, sondern ein Modern Mainstream-Album eines Latin-Pianisten. Den Standard "You´re my everything" z.B. behandelt er über lange Strecken wie viele andere (das auch täten): bei 6:39 aber wechselt er von
ternärer (triolischer) Rhtyhmik in binäre, "gerade" Achtel, und bei 7:24 erfährt man, wofür die Übung gut war - das Trio ist in einem federleichten cha-cha vamp angekommen!
Version II (track 9) swingt noch eine Spur härter, hier erfolgt der Umschwung bei 5:30, nach einem längeren, ungemein intonationssicheren Bass-Solo von Cohen. Der
cha cha cha kommt nun mit after beats - fast wie im Ska!
Ganz recht, diese Musik kommt nicht mit grosser Geste, sondern mit Eleganz in kleiner Münze daher. Das Titelstück gibt dem schon nominell Ausdruck; es handele sich um eine "schlichte Melodie in D-Dur mit gospeligem Sound", die Simon um 1987/88 herum geschrieben habe, "als ich viel
Keith Jarrett gehört habe". Die Melodie wiederholt sich in wenigen Variationen, meist in harmonischen Veränderungen, Prinzip: das Schöne im Einfachen finden.
Und dann kommt "Fiesta", in Erinnerung an das Fest der Hl. Drei Könige, wie es Edward Simon auf Mallorca erlebt hat. Saturnino spielt
steel drums, das Thema ist "eckig", die Improvisation aber läuft über über einem vamp im 3/4-Takt (eben jener Rarität im Latin Jazz) und Edward Simon entwickelt eines seiner typischen Soli aus Zuspitzungen und Wiederholungsmustern, eine eine Art Herberto Hancock. Diesen Teil wiederholen sie dann noch einmal als separaten track (8), und wieder brilliert Edward Simon mit seinem timing und seiner Phrasierung, wo er auf und wo er neben dem Beat spielt.
Diese
alternate takes, so beeindruckend sie sein mögen, schmälern konzeptionell das Gesamtergebnis, zumal wenn man sie im Verein mit den verstümmelten tracks 1 und 11 wertet. Eine längere Standard-Interpretation oder noch ein Stück von vampMeister Simon wäre wünschenswerter gewesen.

erstellt: 05.10.05

©Michael Rüsenberg, 2005, Nachdruck verboten


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