Stanko

Der Europäische Jazz, der viel-beschriebene und -beschworene, er ist kein Stil, er ist ein Konstrukt, ein Konglomerat.

Der Begriff ist nicht lebensfähig ohne Nennung der jeweiligen Zuflüsse, nennen wir sie auch gerne althergebracht „Wurzeln“, seien sie regionaler oder nationaler Art.
Der polnische Beitrag dazu hat viele Namen, aber aus west-mitteleuropäischer Perspektive vor allem einen: Tomasz Stanko. Wohl noch vor seinem Lehrer Krzysztof Komeda (bei dessen Schlüsselwerk der europäischen Jazz-Emanzipation er mitgewirkt hat, „Astigmatic“, 1965), gehört ihm diese Position.
Im Gegensatz zu jenem, 38-jährig verstorben, war ihm die Entfaltung seines Talentes über sechs Jahrzehnte vergönnt. Noch dazu gipfelnd in einem Ensemble, das in der ewigen Hauptstadt des Jazz verortet ist und auch so heisst: Thomasz Stanko New York Quartet.
Stanko startete Anfang der 60er Jahre, war immer wieder mit Avantgarde & FreeJazz assoziiert, stilistisch aber durchaus auch mit Miles Davis an der Seite.
Joachim Ernst Berendt apostrophierte ihn einmal als „der weiße Ornette Coleman“ (was ihm gar nicht gefiel), er spielte aber auch Jazzrock (2011 in Gdansk u.a. mit Marcus Miller), er hatte sich früh, wenn auch nicht durchgängig, für Elektronik interessiert.
In Erinnerung bleibt vor allem sein Ton auf der Trompete, angreichert mit viel Geräusch, wie Thomas Heberer, einer der von ihm Inspirierten, einst anmerkte.
Sein Ausdruck war eine tiefe Melancholie, eine „eindringliche Tonpoesie“, wie der Guardian schreibt. Sie ist auf mehr als 40 Tonträgern festgehalten.
Nach dem Verlust seiner natürlichen Zähne konnte er - erfolgreich - einen neuen Ansatz erarbeiten. Anfang des Jahres wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert.

Am 29. Juli 2018 starb Tomasz Stanko daran in Warschau. Er wurde 76 Jahre alt.

 

erstellt: 30.07.18
©Michael Rüsenberg, 2018. Alle Rechte vorbehalten