BEN VAN GELDER Manifold ********

01. Glass (Ben van Gelder), 02. Deflate/Inflate, 03. Manifold, 04. Spectrum, 05. Reveal, 06. Custodians, 07. Sardona, 08. Voice of Reason, 09. Space between Notes, 10. Glass (Duo)



Ben van Gelder - as, fl, Kit Downes - org, Fuensanta - voc, Joris Roelofs - bcl, Jean-Paul Estiévenart - tp, Hristo Goleminov - ts, Antoine Pierre - dr, Tijs Klaassen - b

rec. 11./12.01.23
DoYouMind? Records DYMR?002

DEADEYE Live *******

01. The Dance of Princess Discombobulatrix (Baas), 02. Mbira/Stingaloon (Baas/Burgwinkel), 03.On Two, Unfeathered (Baas), 04. Hokus (Baas, Burgwinkel, Downes)

Reinier Baas - g, Kit Downes - org, Jonas Burgwinkel - dr

rec. 14.08.22
Dox Records – DOX649LP

Dejavu!
Hier verteilt sich auf zwei neuen Alben Personal, das uns in den letzten Monaten angenehm aufgefallen ist.
Ben van Gelder beim 34. Schaffhauser Jazzfestival, dort als Gast des eher unauffälligen Christoph Irninger Trios.
Fuensanta unter ihrem vollständigen Namen Fuensanta Méndez beim Klaeng Festial 2023; beeindruckend als Sängerin und Komponistin in ihrem eigenen Nonett Ensamble Grande, deutlich weniger imposant als Bassistin in mehreren Gastrollen, u.a. im erweiterten Trio Deadeye.
Dessen Gitarrist Reinier Baas brilliert geradezu auf dem neuen Album des Trios, auf „Manifold“ wird er wenigstens unter „Thanks“ berücksichtigt.
Die größte personelle Schnittmenge bildet Kit Downes.
Die Instrumentenzuschreibung, wie sie auf beiden Alben zu finden ist, „org“ wie Orgel, ist korrekt. Lässt aber nicht im geringsten erahnen, wie unterschiedlich die Typen des Instrumentes sind, die er bedient. Und in der Folge auch: wie unterschiedlich die Funktionen, ja die Musiken sind.
Für „Manifold“ hat van Gelder ihn in seiner ersten Rolle gebucht, als Kirchenorganist. Und ihm dafür einen renommierten Raum zur Verfügung gestellt: ein Studio namens „Het Orgelpark“. Es ist die 2007 zu einem Konzerthaus umgewandelte Parkkerk am Vondelpark, Amsterdam.
Ein idealer Raum, um darin die Musik von „Manifold“ aufzuzeichnen; eine Musik, für die - außer dass die Faszination durch die Orgel am Anfang stand - der Komponist in den liner notes leider mehr romantische Allgemeinplätze aufruft, denn eigene Worte findet. Das ist schade.
cover van gelderDenn Ben van Gelder ist nicht nur ein exzellenter Altsaxophonist (in einer Nebenrolle auch Flötist), er hat für „Manifold“ einen beeindruckenden Rahmen geschaffen, den man durchaus als Suite charakterisieren könnte: die Stücke greifen teilweise Motive des vorhergehenden auf.
Und wenn nicht allein lizenzrechtliche Gründe ausschlaggebend waren, dann artikuliert sich van Gelder als Komponist auch dort, wo er als Interpret schweigt, zum Beispiel in „Sardona“, einem Stück für Orgel solo.
Kit Downes ist hier groß in Form; sein Orgelspiel verrät wenig von Bach, mehr von Messiaen oder neueren Entwicklungen.
Er breitet sich aus mit Klangflächen, auch in Form von drones („Spectrum“), lässt in „Deflate/Inflate“ die Tonhöhen absaufen („off pitch“), wie es, zumindest im Jazz, seit Wolfgang Mitterer nur noch selten Praxis ist.
„Custodians“, vielleicht der Höhepunkt des Albums, wird getragen von einer Art Orgel-Beat, den Downes sequenziert, darüber beeindruckende Soli vom Bandleader selbst (auf dem Alt) und von dem fabelhaften Bassklarinettisten Joris Roelofs.
Van Gelder hat ein Händchen für Kontraste; in „Voice of Reason“ folgt etwa zur Hälfte nach einer Kollektivimprovisation überraschend die Stimme von Fuensanta. Sie singt durchgehend scat, sie findet in den „luftigen“ Themen des Bandleaders einen optimalen Kontext.
Sie klingen nicht nur nuanciert und farblich durchdacht, man mag in ihnen - sehr subjektiv - durchaus eine gewisse britishness erkennen; Assoziationen an die Art Bears oder an Dave Stewart & Barbara Gaskin schimmern durch.

cover
Dem deutsch-britisch-niederländischen Trio Deadeye ist corona-bedingt das Mißgeschick passiert, dass sein Album, während der Pandemie produziert, zum Zeitpunkt der ersten Tour 2022 nicht repräsentativ war.
Zwar waren die Repertoire weitgehend identisch, nicht aber deren Ausführung.
Mit anderen Worten: das Trio entfaltet live eine ganz andere Dynamik & Dramatik. Eine gute Idee also, den schweißtreibenden gig im „Jaki“ (unterhalb des Stadtgarten, Köln) bei der cologne jazzweek in Teilen als Album zu veröffentlichen.
Selbst wer dort Zeuge war, kann aus dieser Art Jazzrock nun ergänzende und verbesserte Eindrücke beziehen.
Denn just darum handelt es sich, um eine Form des modernen Jazzrock. Und eben dadurch hebt sich Deadeye ab von der Tradition, in der das Trio zweifellos steht, der des „Orgel Trios“, also Gitarre, Orgel, Schlagzeug.
Hier aber - nehmen wir ein jüngeres Beispiel dieses historischen Formates - hier stehen nicht Joey DeFrancesco und Pat Martino auf der Bühne, sondern Kit Downes und Reinier Baas.

Die Orgel, die klassische Hammond B3, ist identisch. Sie röhrt auch - wie dürfte es anders sein - in ihren Klischees. Aber sie ist weniger vom größten Fixstern des Genres bestrahlt, von Jimmy Smith, als vielmehr von der bei Tony Williams Lifetime gezogenen Linie von Larry Young.
Und die Gitarre, sie hat - nein, nicht gar nichts - aber nur wenig von der Tradition eines Wes Montgomery. Mehr noch als live, unten im Jaki, kann man nun die Qualität von Reinier Baas erkennen.
Er ist ein eigener Stilist. Sein Ton, so gut wie gar nicht verzerrt, scheint direkt mit der südafrikanischen Mbira verzahnt zu sein, der eines der Stücke gewidmet ist. Erstaunlich, wie er seine lines auch durch hohe Tempi führt, mit einer wiederum sehr eigenen Phrasierung.
Ja, und da ist dann  - für Kölner - „uns“ Jonas Burgwinkel. Noch ein Stilist mit seinen dramatischen fill ins (den Schlägen vor der nächsten Zählzeit „Eins“). Für so einen sind die vielen vamps dieser Musik eine Steilvorlage, z.B. „On Two, Unfeathered“, wo er gegen ein Police-gesättigtes riff antrommelt.
Oder der Hochdruck von „Hokus“ mit seinen frei-metrischen Passagen (eine deutliche Abweichung von der Tradition), der kurz vor Schluß in einem smarten swing hin- und herstolpert (noch eine Abweichung von der Tradition).

erstellt: 15.07.23
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