Eigentlich wollte Tom Gsteiger wohl nur das Konzert von Nils Wogram Nostalgia im BeJazz Club zu Bern empfehlen (Der Bund, 25.03.15)
Aber dann geriet ihm das Stück außer Rand und Band, nämlich zu einem Rundumschlag einer gekränkten Seele, die die heutige Jazzwelt nicht mehr versteht, eine Art Hornstein a la Suisse.
Mit anderen Worten, hoffentlich bleibt diese Suada unter uns, in unserer kleinen Welt, hoffentlich liest das niemand von außerhalb, er könnte sich nur schütteln ob der Gedankenführung, die ja immer noch für eine „intellektuelle“ gehalten wird.
Selbstverständlich, Gsteiger hängt dem Feeling an, Jazz sei „ein ganz spezifisches Lebensgefühl“ - bloß, in seiner Beschreibung wird´s zu einem Fall für den Onkel Doktor („Ein Lebensgefühl, nennen wir es die hohe Kunst des kontrollierten Kontrollverlustes“).
Selbst wenn uns die eidgenössischen Nahrungsmittelgüteklassen fremd sind, so können wir doch seine Diagnose verstehen: „Vieles, was heute unter Jazz läuft, hat mit Jazz nicht mehr zu tun wie eine fade Hors-sol-Tomate mit einer saftigen Ochsenherz-Tomate von Pro Specie Rara.“
Bitte „verstehen“ nicht mit „akzeptieren“ oder „nachvollziehen“ verwechseln!
Im Satz zuvor entfaltet Gsteiger nämlich eine ganz eigene Kultur-Biologie:
„Jazz entsteht nur noch selten natürlich, sondern wird meistens künstlich gezüchtet.“
Den Künstdünger liefert in dieser Landwirtschaft nicht Monsanto, sondern der „akademisch-kulturindustrielle Überbau“, sprich Kunsthochschulen, Kulturförderer sowie Veranstalter, er „überfordert sie (die Studierenden) mit einem überladenen Chrüsimüsi-Angebot“.
(Chrüsimüsi, das würden wir gern aus berufenem Munde hören, schön mit Rachenklang gesprochen...)
Ja, ehem, und wo gedeiht die „natürliche Jazz-Produktion“?
„Wer mit dem Œuvre von zehn bis zwölf afro-amerikanischen Jazz-Koryphäen wirklich vertraut ist, braucht keine pseudo-intelletuellen Jazz-Definitionen, um zu wissen und zu spüren, was die Essenz dieser Musik ist!“
In nomine Wynton Marsalis - amen!

erstellt: 01.04.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten