Lieber Kurt Kister,
zum dritten Male - in kurzer - Folge beschreibt das SZ-Feuilleton die Großwetterlage des Jazz, speziell die erbarmungswürdigen Zustände in der deutschen Szene. Diese wiehert, weil sie wenig von sich darin erkennt und der Beschreibung nach sie eher auf einer der St. Nimmerleinsinseln vermutet. Sie wundert sich, dass nicht die „Bäckerblume“ oder irgendeine Schülerzeitung das große Wort führt, sondern ein Blatt, das im ersten Buch die besten des deutschen Journalismus beschäftigt (Leyendecker, Prantl, Fried, Gertz, Schultz, Avenarius, Zekri, Klein,(you name them), nicht zuletzt auch: Kurt Kister).
Normalerweise würde man sagen: da war halt die Ressortleitung mal in Urlaub. Nun sind aber die beiden SZ-Ressortleiter nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems, sie hängen selbst am Seil der Todesglocke für den deutschen Jazz.
Jüngst lassen sie einen Hilfsglöckner ans Seil, dessen Reputation ausweislich der eigenen Webseite (und wortidentisch bei Wikipedia!) u.a. darin besteht, „fließend Deutsch“ zu sprechen, und der sich jüngst von der „Compilation Cafe del Mar Volume XVII“ empfiehlt.
Sie müssen, lieber Herr Kister, nichts vom Jazz verstehen, um schon eine der ersten Aussagen dieser Suada „Betriebsstörung“ (SZ vom 20.01.12) als außerordentlich fragwürdig zu empfinden: „Beide Bereiche“ (gemeint die beiden „großen Strömungen“, die Michael Hornstein im deutschen Jazz ausmacht, mehr als zwei kennt er nicht) „werden nicht von den Musikern selbst verwaltet, sondern von Veranstaltern, Redakteuren, Journalisten, Verlegern und (...) kleinen Labels.“
Ist Ihnen eine Musik bekannt, vergangen oder gegenwärtig, auf die das nicht zuträfe?
So geht das in einem fort bis zur bitteren Neige: „So wie sich der deutsche Jazz derzeit präsentiert, kann er gar keine gesellschaftliche Relevanz haben.“
Es treibt uns, lieber Kurt Kister, die Sorge um, dass diese schöne Kolumne hier auf Dauer durch entsprechende Leistungen des SZ-Feuilletons blockiert wird. Bitte tragen Sie als Chefredakteur der SZ das Ihre dazu bei, dass die Jazzwelt in der SZ von denen beschrieben wird, die sie kennen, und nicht von solchen, die sie aus dem Cafe del Mar betrachten, beispielsweise.

©Michael Rüsenberg, 2012. Alle Rechte vorbehalten