Dass ein Feuilleton-Chef zum Jazz sich äußert, das ist rar, heutzutage.
Umso mehr kommt Freude auf, dass ein jeder aus der Doppel-Spitze im Feuilleton der geliebten SZ auch in unserer kleinen Welt als Gelegenheitskritiker tätig wird.
Legendär, wie seinerzeit Thomas Steinfeld die Funktionäre der Bundeskonferenz Jazz als "weinerliche Knechte" bloßstellte.
Jetzt ist es wieder an Andrian Kreye: Vier CD-Besprechungen in einer "Jazzkolumne", und drei beginnen mit einem schweren Hieb auf die Fundamente unseres ästhetischen Glaubens.
"Das Orgeltrio steht für die gefällige Seite des Modern Jazz". Rrrumms. "Deswegen hat es etwas Angeberisches, wenn sich der Saxophonist James Carter auf seinem furiosen Album ´At The Crossroads´in so einem Rahmen gleich die gesamte Jazzgeschichte vom Spiritual bis zum Free Jazz vornimmt."
"Spannung mag die Essenz des Jazz sein, egal, ob man sie Swing, Groove oder Pulse nennt" (egal auch, ob man dabei Groß- und Kleinschreibung beachtet). Darauf eine Hammer-Analogie: "Marsalis und Clapton rekurrieren ähnlich wie die Alice Schwarzers und Heiner Geißlers nur noch auf bewährte Ideen."
"Nun war Jazz immer schon eine interpretative Musik" muß schließlich der in Jazzdingen unschuldige Götz Alsmann lesen, aber ihm widerfährt auch Genugtuung: "Der Gerechtigkeit halber sei auch gesagt, dass Götz Alsmann sein neues Album ´In Paris´ gar nicht als reine Jazzplatte versteht."
Sein Glück ist aber nur von kurzer Dauer: "Und trotzdem steht das Album exemplarisch für jene Betulichkeit, mit der man sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen um den Jazz bemüht. Da soll der synkopierte Beckenschlag mit Walking Bass als Schlüsselreiz für eine betont aufsässige Lockerheit herhalten, die eigentlich in eine Zeit gehört, als Horst Buchholz noch Halbstarke spielte."
Synkopierter Beckenschlag mit Walking Bass - klingt wie eine Nachmittags-Übung aus einer Fastenklinik am Bodensee.

©Michael Rüsenberg, 2011. Alle Rechte vorbehalten