Lange Zeit hielten wir das Ganze für eine Satire - für ein Spiel, bei dem nichts so gemeint ist, wie es da steht.
Wäre das nicht eine angemessene Form des Porträts über einen Künstler, dem man unterstellt, dass er das meiste, was er sagt, nicht so meint?
Helge Schneider, Jahrgang 1955, schon die Überschrift in der SZ nennt ihn "Held der Freiheit", einen "großen Poeten", einen "wunderbaren Jazzmusiker" und - ist das nicht zum Schreien komisch? - einen "guten Menschen".
So geht das in einem fort: Mülheim an der Ruhr (Hannelore Kraft wird sich nicht einkriegen) erscheint durchgängig als "Mühlheim", im vierten Absatz erkennt der Autor Christian Zaschke in Helge Schneider "einen der größten deutschen Künstler der Gegenwart". Es wäre zuviel verlangt, in dessen Lied "Katzeklo" die versteckten Feinheiten zu entdecken: "Es wechselt sehr plötzlich vom 4/4-Takt in den 2/4-Takt". Allein diese Formulierung "sehr plötzlich" (wie sonst wechseln denn Takte?) - Wahnsinn, das ist große Satire!
Wie gesagt, lange, sehr lange, 16 Abschnitte lang hielten wir das für eine super-coole Abrechnung mit Helge Schneider. Bis es auf einmal heißt, der "Held der Freiheit", dem es auf der Bühne schnell langweilig werde, der auf der "permanenten Suche nach der Katastrophe" seine Mitmusiker zu einem Verhalten gedrillt habe, das einer von ihnen beschreibt mit "Du sitzt immer da wie ein Luchs"...bis wir erfahren, dass dieser "wunderbare Jazzmusiker" gar keinen Spaß versteht, wenn seine Begleiter mal den Spieß umdrehen und ungeplant etwas ändern - da unterbindet der "gute Mensch" ganz schnell ein Schlagzeug-Solo.
Wäre das ein Verhalten, das wir in unserer kleinen Welt als Kennzeichen eines "wunderbaren Jazzmusikers" verstünden?
Auftritt Helge Malchow, Schneiders Verleger, der seinen Vertragspartner, logo, für einen "ganz großen Künstler" hält und auch weiß, woher dessen Kraft stammt: "Es ist immer diese unbändige Energie am Werk, eine Dauerimprovisation, die aus dem Jazz kommt, und die Helge Schneider insgesamt definiert."
Nun sollten wir nicht ungnädig sein, dass unsere schöne Musik immer nur mit einem ihrer Parameter identifiziert wird, aber was Autor Zaschke aus dieser nicht ganz falschen Beobachtung macht, das lässt uns denn doch Alarm auslösen:
"Dauerhaft zu improvisieren ist unmöglich, ohne einen festen Boden zu haben. Der Pianist Keith Jarrett ist darüber innerlich leer geworden, denn wer immer improvisiert, der läuft Gefahr, so lange so viel von sich selbst zu geben, bis nichts mehr übrig ist."
Halloooo? Weiß man das bei ECM? Weiß man davon im Feuilleton der SZ?
Und nun Bitte Anschnallen: "Doch Schneider hat diesen festen Boden, er gründet sich als Künstler und als Mensch auf Freiheit und Fürsorge - wobei letztere darin besteht, dass er, ähnlich einem Paten, auch in den schlechten Zeiten für seine Crew da ist."
Wir sehen vor unserem geistigen Auge in naher Zukunft Gary Peacock und Jack DeJohnette demütig vor der "Ranch" auftauchen. In Mühlheim.

*es ist diesmal nicht das Feuilleton, sondern die geliebte Seite Drei der Süddeutschen Zeitung.

©Michael Rüsenberg, 2011. Alle Rechte vorbehalten