BILL FRISELL, RON CARTER, PAUL MOTIAN ***

01. Eighty-One (Ron Carter, Miles Davis), 02. You are my sunshine (Jimmie Davis), 03. Worse and worse (Frisell), 04. Raise Four (Monk), 05. Pretty Polly (trad, arr Frisell), 06. On the Street where you live (Loewe), 07. Monroe (Frisell), 08. Introduction (Motian), 09. Misterioso (Monk), 10. I´m so lonesome, I could cry (Hank Williams)

Bill Frisell - g, Ron Carter - b, Paul Motian - dr
rec. 14. + 15.02.05
Warner/Nonesuch 7559-79897-2

FRANK KIMBROUGH Play *******

01. Beginning (Kimbrough), 02. The Spins, 03. Lucent, 04. Waiting in Santander, 05. Conception Vessel (Motian), 06. Jimmy G. (Kimbrough), 07. Play (Motian), 08. Regeneration (Kimbrough), 09. Little Big Man, 10. Beginning

Frank Kimbrough - p, Masa Kamaguchi - b, Paul Motian - dr
rec. 26.04.05
Al!ve/Palmetto PM 2118; LC-Nr 12436

PAUL MOTIAN BAND Garden of Eden ********

01. Pithecanthropus Erectus (Mingus), 02. Goodbye Pork Pie Hat, 03. Etude (Motian), 04. Mesmer, 05. Mumbo Jumbo, 06. Desert Dream (Cheek), 07. Balata (Cardenas), 08. Bill (Jerome Kern), 09. Endless (Motian), 10. Prelude 2 Narcissus, 11. Garden of Eden, 12. Manhattan Melodrama, 13. Evidence (Monk), 14. Cheryl (Charlie Parker)

Paul Motian - dr, Ben Monder, Steve Cardenas, Jakob Bro - g, Chris Cheek, Tony Malaby- ts, Jerome Harris - bg
rec. 11/2004
ECM 1917 9876027; LC-Nr 02516

Ist Schlagzeug dasjenige Instrument, das am ehesten die Umsetzung der Jazz-Tugend Nr. 1 erlaubt: den individuellen Ausdruck? Auf keinem (jazz)instrumentalen Feld scheint die Dynamik grösser, das Panorama breiter zwischen Super-Handwerkern und solchen ohne, nirgendwo die Gruppe derer grösser, deren Renommee nicht auf bestechenden instrumentale Techniken, sondern auf ästhetischen Entscheidungen gründet.
Paul Motian, 75, ist das leuchtendste Beispiel letzterer Kategorie; ein Schlagzeuger, den man handwerklich keinem Anfänger zur Nachahmung empfehlen mag, wohl aber hinsichtlich seines Stils, nämlich mit einfachen Techniken im entscheidenden Moment etwas zu tun (und vieles zu lassen). Paul Motian ist ein Meister der Reduktion, sein "rubato“-Stil ein Klassiker seit Jahrzehnten.
Klassiker geniessen im Jazz eine gewisse "Narrenfreiheit", ihre Verdienste schützen sie vor allzu genauem Hinhören,
the king can do no wrong.
Und wenn gleich drei Koryphäen antreten,
Bill Frisell, Ron Carter, Paul Motian, möchte man sich gerne den grossen Erwartungen forttragen lassen, die Rezeption gleichsam auf Autopilot schalten.
Zumal aus 2001 ein wunderbares Referenzalbum vorliegt, als Bill Frisell mit einer ähnlich prominenten Rhythmusgruppe ins Studio ging, mit
Dave Holland und Elvin Jones. Der Auftakt nimmt für sich ein: "Eighty-One", ein Blues aus Carter´s seligen Miles-Davis-Quintett Zeiten. "You are my sunshine" erfreut mit zwei Zitatspritzen aus "Misterioso", das in Gänze erst sieben tracks später folgen wird.
"Raise Four", der Monk-Blues, aber wird zum Stolperstein: Frisell phrasiert dort, wo "
Jazz" gemeint ist, seltsam unflüssig - und irjenswie wird damit ein Eindruck benannt, den man eine Viertelstunde schon von Paul Motian ebenfalls hatte, aber nicht recht zu artikulieren wusste. Es klemmt. Und nicht nur Motian klemmt, mit dem granzen Trio stimmt etwas nicht. So jedenfalls spielen unmöglich Leute zusammen, deren Einträge in der Jazzhistorie wischfest verankert sind. Wenn man hier von "Interaktion“ sprechen will, dann von deren Mangel. Akzente sind nicht "displaced“, sondern deplaziert. Es wird mehr und mehr langweilig. "Misterioso", sonst eine Steilvorlage, schleppt sich dahin.
Die ganze Produktion ist nämliches, ein Mysterium, ein Rätsel. Frisell und Motian arbeiten seit Jahrzehnten miteinander, erst jüngst haben sie - zusammen mit
Joe Lovano - ein beispielhaftes Werk veröffentlicht, "I have the room above her“.
Vermutung: Paul Motian kommt mit einem
time-Spieler nicht zurecht, hier also Ron Carter. Aber, das widerspricht dem Zusammenwirken mit Dave Holland vor 5 Jahren - und es wird widerlegt von zwei weiteren Motian-Alben, die zeitgleich erschienen sind.
Am allermeisten von
Frank Kimbrough´s "Play". Motian und der Bassist Masa Kamaguchi sind sich nie begegnet, Motian und der Bandleader haben nie zuvor aufgenommen - und das Tollste: alle tracks sind first takes (zumindest liest man es so), Motian bestand auf dem Verzicht von jeglichem Notenpapier. Es gab keine Proben, Kimbrough hat ihm die Stücke einmal vorgespielt, dann hiess es "Rotlicht. Band läuft!"
Resultat ist ein fabelhaftes Beispiel spontaner Interaktion
& Improvisation, die keineswegs - wie man unter den Rahmenbedingungen vermuten könnte - in einer From von FreeJazz sich artikulieren. Ungeprobt, "frei", heisst hier durchgängig tonal.
Nichts klemmt, alles fliesst, Paul Motian spielt
time, auf seine Art, die Kompositionen von Kimbrough erlauben ihm, seine einzigartige rubato-Technik anzuwenden, die Ästhetik der verschwimmenden, unbestimmten Tempi. Sehr schön im Titelstück, am überzeugendsten in "Waiting in Santander", wo Kimbrough das harfen-ähnliche Thema mit Griff in die Saiten sozusagen spiegelt. "The Spins“ ist eine Monkische Verbeugung vor Steve Lacy, der Blues "Jimmy G" selbstverständlich Jimmy Giuffre zugedacht, und Paul Motian hat neben dem Titelstück aus dem Fundus seiner Jahre mit Keith Jarrett das "Conception Vessel" von 1972 mitgebracht. Pädagogisch ausgewiesene Musiker wie Frank Kimbrough können solche Stück aus dem Gedächtnis spielen.
Noch eine Spur kontemplativer fällt das neue Album Motians eigener Band aus, eine nochmalige Entschleunigung seiner
Electric Bebop Band, in der Tat eine Art meditativer "Garden of Eden". Die Musik leidet keine einzige Sekunde, sondern brilliert geradezu aus ihrem Kunstgriff der gleichartigen Instrumentierung: zwei Tenöre, drei - auch klanglich kaum unterschiedene - elektrische Gitarren, dazu Jerome Harris mit der selten eingesetzten akustischen Bassgitarre. Sie werden ausschliesslich strukturell eingesetzt, zu kanon-artigen Auffächerung der Themen, zur Grundierung von Klangflächen.
"Garden of Eden" beginnt mit einer doppelten Hommage an
Charles Mingus, variiert dann, mit dem Höhepunkt "Mumbo Jumbo", in drei Stücken Einflüsse von Ornette Coleman, beispielsweise dessen jagdhorn-artigen Themen. Die rhythmische Variationsbreite ist betörend: Motian spielt frei-metrisch (in "Mumbo Jumbo" und "Desert Dream"), und seine rubato-Kultur blüht in "Manhattan Melodrama". Hier wird eine alte Forderung von Keith Jarrett eingelöst, dass nämlich ein jeder sein eigenes Tempo spiele.
Wie "Play" besticht auch "Garden of Eden" durch einen einheitlichen Duktus, eine Stimmung, ja vielleicht des Melancholischen; es erstaunt, wie facettenreich die einzelnen Stücke immer neue Varianten dazu anklingen lassen.

erstellt: 02.09.06

©Michael Rüsenberg, 2006, Nachdruck verboten