e.s.t. viaticum ****

1. Tide of Trepidation (Svensson, Berglund, Öström), 2 Eigthy-eight Days in my Veins, 3. The Well-wisher, 4. The unstable Tabel & The Infamous Fable, 5. Viaticum, 6. In the Tail of her Eye, 7. Letter from the Leviathan, 8. A Picture of Doris Travelling with Boris, 9. What though the Way may be long


Esbjörn Svensson - p, Dan Berglund - b, Magnus Öström - dr

rec 30.08.-11.10.2004

ACT 9015-2; LC-Nr 07644

Zwei Alben in diesem Frühjahr kündigen sich mit gewaltigem Vorecho an: Pat Methenys "The Way Up" und das neue Opus vom Esbjörn Svenssion Trio, erfolgreich verkürzt auf e.s.t. und publizistisch soweit avanciert, dass man die Musikanten, ohne ihre Identität zu verletzen, von hinten abbilden darf.
Drei Wochen nach Veröffentlichungsstart hat "viaticum" mit 10.000 verkauften Exemplaren die Lufthoheit über den Registrierkassen gewonnen, ist reif für einen
German Jazz Award, aus Schweden und anderen Ländern kommen ähnliche Meldungen.
Keine Frage, die Konsumenten bekommen was für ihr Geld: bei Pat Metheny das Produkt einer grossen kompositorischen Bemühung, im Falle e.s.t. - ja was eigentlich? Gewiss eine angenehme akustische
wallpaper, ein paar hübsche ostinato-Linien, gelegentlich triphop-artige gefilterte Sounds, die Das Moderne suggerieren, eine Vernissage machte sich nicht schlecht mit dieser Klangkulisse.
Aber erhält man wirklich ein Produkt, eine Leistung gar, von einem Ensemble, dem im Dezember 2004 Jazzkritiker aus 23 Ländern einen
European Jazz Prize als besten europäischen Künstlern meinten verleihen zu müssen?
Solche Zuweisungen wirken wie Bedeutungs-Bojen im Meer unsicherer ästhetischer Entscheidungen, und gemessen daran entpuppt sich das, was wirklich klingt, als ärmlich, als schlechter Scherz. Sollten hier in der Tat "beste europäische Künstler" am Werke sein - die Amerikaner müssten über die Jazz-Emanzipation der Europäer, die wir ihnen so mühevoll verkauft haben, verzweifeln; gemessen daran wachsen die
Wograms, die Sclavis´, die Bates´ zu Göttergrössen.
Das wollen wir nicht. Wir wollen Musik, die uns die Propaganda als Grosse verkauft, als solche auch nachvollziehen können.
Aber was hören wir hier?
Zunächst einmal Handwerk, das bestenfalls das Prädikat "Durchschnitt" verdient; die grosse Interaktion, von denen viele Kritiker säuseln, sie ist in jeder amerikanischen Mainstream-Kapelle mit Händen zu greifen - aber nicht hier. Hier werden kleine Ideen ausgebreitet, und wenn dies die vielgepriesene Jazzgrupp sein soll, die arbeitet "wie eine Popgruppe", dann hat sie von Präzision, Konzentration und Klanglichkeit jener Welt noch nie was gehört. Hier laufen
sound gimmicks ab, die ein jeder Pop-Produzent geschnitten hätte.
Nein, wer nach so vielen gemeinsamen Jahren immer noch auf diesem Level musiziert, der will sich einfach nicht weiterentwickeln, der tauscht von Mal zu Mal nur ein paar Girlanden aus, weil es sich auch ohne grosse Anstrengung
prima leben lässt.
(wollen wir das nicht alle?)
e.s.t. mag in Schweden, auch in Europa als Jazzcombo kommerziell Spitze sein - verglichen im eigenen Lande, beispielsweise mit dem Lars Jansson Trio, fehlt ihm so gut wie alles, was jazzmusikalisch ãRespekt“ erforderte.

erstellt: 17.02.05

©Michael Rüsenberg, 2005, Alle Rechte vorbehalten


Drucken   E-Mail