ENRICO RAVA, STEFANO BOLLANI & PAUL MOTIAN Tati *****

1. The Man I love (Gershwin), 2. Birdsong (Motian), 3. Tati (Rava), 4. Casa di bambola (Bollani), 5. E lucevan le stelle (Puccini) aus Tosca, 6. Mirrors (Rava), 7. Jessica too, 8. Golden Eyes, 9. Fantasm (Motian), 10. Cornettology, 11. Gang of 5 (Motian)

Enrico Rava
- tp, Stefano Bollani - p,Paul Motian- dr

rec 11/2004
ECM 1921 9870174; LC-Nr 02516

Nachdem die
Süddeutsche die Loipe gespurt hat, läuft der Rezensionsbetrieb wie erwartet, Richtung Lobeshymne, 5-Sterne-Besprechung und was dergleichen Auszeichnungen mehr sein mögen. Gerne auch wird das Selbstlob Rava´s kolportiert, er sei in den letzten 5, 6 Jahren besser geworden und habe noch eine halbe Oktave Tonumfang zugelegt.
In der Tat hat es in jüngster Vergangenheit selten eine Produktion gegeben, die sich so kerzengerade der gebrochenen Stimung der
wee hours of the morning überantwortet. Keine Frage, das hat was, und wenn dann noch ein Meister jenseits von time, Metrum und Puls wie Paul Motian die snare rührt, mag die schön-trübe Stimmung das genaue Hinhören erschweren, wohl war.
Das Problem dieser Produktion offenbar sich aber schon im ersten track, und wer´s vernommen hat, der wird diesen Eindruck nicht mehr los, der entdeckt noch mehr Stellen (das darf man ja vielleicht gar nicht sagen), in denen
Enrico Rava seinen beiden Kollegen nicht gewachsen ist. Track 2, "Birdsong". ist fatalerweise ein 3/4Takter, in dem Rava nicht mitwirkt - und auch nicht vermisst wird. Ähnlich "Casa di bambola": hat der Trompetenmann seine Pflicht getan und in (bester?) Miles-Davis-Manier den Vorhang zur Seite gezogen, übernehmen Bollani & Motian die Bühne in so sicheren Jazz-Bewegungen, dass die Rückkehr der Trompete, dieser eben nicht nur ãbrüchige“, sondern auch unsichere Ton alles Weitere Wünschen beendet. Die Szene aus "Tosca" beginnt Rava in imitativer MD-Manier; muss einer, der so viel besser geworden sein will, dermassen in den Schuhen eines anderen gehen?
"Jessica Too" zeigt die Stärken und Schwächen dieses Albums auf engstem Raum. Man ahnt, wohin
Bollani & Motian noch gehen könnten, müssten sie nicht noch einen Schwächeren mitziehen; Rava kommt mit dem forcierten Tempo durchaus zurecht, aber wenn Bollani & Motian unter sich sind, wird eine Vorstellung darau was in diesem hüpfenden pattern noch alles drinsteckt. Spannung erwächst auch, weil selbst ein so fabulierender Pianist wie Stefano Bollani gegen Paul Motian noch schulmässig wirkt. Die beiden machen sich einen Spass und deuten ein "tradin´ fours" an - dann schliesst das Stück einfach im Schlagzeugsolo. Da hatten die alten Bebopper ein grösseres formales Ethos.
"Cornettology“"wiederholt noch einmal diese Vorstellung. Rava verwäscht den Einstieg ins Thema, Bollani jongliert mit sich verdchtenden Motiven, das Schlagzeugsolo wird ... mit einem Motiv a la
Ornette Coleman zu Ende geführt.
Nicht immer ist Rava´s Vortrag von Schwächen gekennzeichnet, keineswegs, aber über ein "passabel" reicht er nicht hinaus. Müsste einer, der zu den besten seines Faches in
Europa gezählt wird, noch dazu mit diesem Instrument (!), seine Partner nicht herausfordern?
Vermutlich ist
Enrico Rava doch eher ein Combo-Mann, seine Performance hier, in einem "intimen" Kontext, ist eindeutig schwächer als auf einem letzten Album "Easy Living“, mit einem Quintett.

erstellt: 02.12.05

©Michael Rüsenberg, 2005, Nachdruck verboten