Lange kein politisches Schlagwort mehr mit der Endung -ismus oder -istisch in unserer kleinen Welt gehört.
Nicht mehr seit Joachim Ernst Berendt 1977 „die neue Faschistoidität in Jazz, Rock und überall“ entdeckt hatte.
Und darin war er nun wirklich groß. Sein Blick durch „Ein Fenster aus Jazz“ erlaubte ihm eine ganz eigene Geschichtsphilosophie:
„In dem gleichen Sinne, in dem elitäre, ausbeuterische Gesellschaftssysteme zu faschistoiden und schließlich zu faschistischen Herrschaftsformen entarten können, so - in präziser Entsprechung - wohnt aller überwiegend ästhetisierten Kunst die faschistoide Tendenz latent inne“.
Das Erschrecken war gering damals, gottlob wohnte das Schlimme ja nur „latent inne“ (konnte also nicht von jederman erkannt werden), und auch nur in der „überwiegend“ und eben nicht aller ästhetisierten Kunst.
Warum der lange Vorspann?
Es ist wieder soweit!
Nein, nicht Gernot Böhme („Ästhetischer Kapitalismus“) lärmt herum, sondern eine Berliner Jazzkritikerin. Ihr Organ, die taz, war darob so erschrocken, dass sie den Beitrag nach 48 Stunden, am 22.11., wieder vom Netz nahm.
(Warum eigentlich sammelt sich die sonderbare Jazzpublizistik  in der Hauptstadt?)
„Die Kritik über Jazz ist nicht gefeit vor rassistischen Denkmustern. Sie kommen nur eingebettet in Kulturbeflissenheit und Kennertum daher, auch in der taz“.
Wie bitte? Das glauben Sie nicht? Das ist Ihnen noch gar nicht aufgefallen?
Es fehlt Ihnen eben jegliches Gespür für das, was „latent innewohnt“.
Die taz-Kritikerin besitzt es, wie seinerzeit JEB.
Sie rüffelt zwei Rezensenten (einen in der taz, einen anderen in der jazzzeitung), die am Jazzfest Berlin 2016 ein Konzert von Jack DeJohnette, Ravi Coltrane und Matthew Garrison anders bewerten als sie, nämlich als - wir verkürzen - gescheiterte bzw. erst sehr spät gelungene Kommunikation.
(Dem kann man zustimmen. Insbesondere Garrison war, zum wiederholten Male, nicht in der Lage, sein delay so einzusetzen, dass es gruppen-dienliche patterns produzierte.)
Bevor die Berliner Jazzkritikerin nun zu einem vulgär-ästhetischen Gang durchs Gelände aufbricht, der selbst  einen JEB als Leichtmatrosen zurückließe, schreit sie ihr Urteil schon heraus.
Nun heisst es wirklich: fasten seatbelts.
„Und so erinnert manche Kritik über Jazz an den Sklavenhalter, der den ihm ausgelieferten Menschen unter Peitschenhieben zu Unterhaltung befehligt.“
Dem wohnt der Schwachsinn nicht mehr latent inne, sondern er bricht hervor.
Auf jeden Fall disruptiv.

 

erstellt: 25.11.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten