Der Kritiker der SZ kehrt vom Jazzfest Berlin 2016 zurück mit der frohen Botschaft, die amerikanischen Gäste dort hätten gezeigt, „dass sie wieder an die politische Kraft ihrer Musik glauben.“
Das ist überraschend. Denn aus seiner Beschreibung der tatsächlich gespielten Musik schält eine solche Botschaft sich nicht heraus. Über Akustisches erfahren wir auch so gut wie nichts; allenfalls dass Jack DeJohnette im Verein mit den Söhnen von John Coltrane (Ravi) und Jimmy Garrison (Matthew) dessen „Alabama“ habe anklingen lassen, mit dem jener auf den Mord an vier schwarzen Teenagern (1963) sich bezogen hatte.
Die Wiederaufnahme des musikalischen Themas „in Zeiten von Black Lives Matter“ klingt laut SZ-Kritiker: „laut, eindringlich, kompromisslos.“
Waitaminute, sehen wir nun viele abwinken: diese Trias sage ja nun nüscht, und mit „laut, eindringlich, kompromisslos“ könne man doch gut & gerne 70 Prozent aller afro-amerikanischen Jazz-Performances stempeln.
Obacht, da habt ihr aber ein Wort verwendet, was die korrekt so bezeichneten Künstler gar nicht so gerne hören. „Die Bezeichnung als schwarze oder afroamerikanische Komponistin lehnt sie ab“ die Saxophonistin Matana Roberts. „Sie will nicht auf ihre Hautfarbe reduziert werden.“
Ähnlich der vielfach geschätzte Schlagzeuger Tyshawn Sorey, der seine Arbeit, was wir niemals herausgehört haben, „als politischen Zeitkommentar“ begreife.
„Er könne seine schwarze Hautfarbe nicht ändern, sagt er, klage jedoch ein, dass seine Arbeit nicht auf seine ethnische Herkunft reduziert wird.“ (SZ)
Teufel auch, wer käme denn auf diese Idee, nachdem er Sorey z.B. in der Band von Myra Melford erlebt hat?
Ja, selbst von der norwegischen Jazz-Primadonna Mette Henriette hat unser SZ-Kritiker die Warnung eingefangen, „sie kenne (aus ihrer Heimat) die Tücken einer Jazzwelt, die von staatlichen Subventionen abhängig ist.“ Unabhängigkeit sei „ein hohes und knappes Gut. Das ist nicht nur eine Frage musikalischer Freiheiten.“
Ist das Beleg für die These: „Schon lange war der Jazz nicht mehr so politisch wie in diesem Jahr in Berlin“?
Sind wir so genügsam geworden? Müssen wir uns nicht verwahren gegen solche Flachschüsse?
Sollten wir ihnen nicht in Zukunft entgegenhalten, dass wir nicht auf unsere weiße Hautfarbe reduziert werden wollen?

erstellt: 08.11.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten