Thomas Lindemann folgt einer originellen Idee in der FAS, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (11.12.16): er nimmt „eine Klavierstunde bei einem Weltklasse-Pianisten.“
Er nimmt Platz in einem Zimmer der Universität Leipzig, am Klavier neben Prof. Michael Wollny.
Der geht pfleglich mit seinem Gast um, gibt nichts vor, schon gar keine Regeln, „die Inhalte kommen aus der Person des Schülers. Dann kann man immer Vorbilder, Kontexte erkennen, die man studieren kann.“
Das ist nicht bahnbrechend neu, so hört man es auch von anderen Unterrichtenden, z.B. Django Bates.
Der Kontext, den der Schüler Lindemann anklingen lässt, sind die vier Akkorde von „Get lucky“. Wollny macht deren Simplizität nichts aus, er verändert die Voicings, kehrt den Ton fis heraus, und … „es klingt nach Franz Schubert. Oder?“
Der Lehrer nickt, spielt Schuberts „Der Doppelgänger“ kurz an.
Kurzweilig geht die Stunde zu Ende, man kommt - richtiger Unterricht ist das ja nicht - auch auf Wollnys jüngstes Album mit Vincent Peirani zu sprechen.
Am Schluss steht die Frage: kann man den Wollny-Sound lernen, „eine Kühnheit, mit der eine Melodie plötzlich ins Weltall abbiegt“?
Nein, man kann nicht. „Die persönliche Entwicklung des Musikers manifestiert sich in seinem Spiel, in einer Linie, die man spielt, in einem Sound, den man wählt. Deswegen hört man den Charakter des Musikers irgendwann auch mit.“
Oh, oh, hier muss aber auch der Weltklassepianist noch lernen. Am besten holt er sich gleich im Hause Rat, bei einem auch musikphilosophisch beschlagenen Kollegen wie Claus-Steffen Mahnkopf.
„Musik holt das Innere aus den Musikern heraus und stellt es für alle, die Ohren haben, in den Raum“ - diesen Floh hat nun der Schüler Lindemann im Ohr, er hat den Lehrer Wollny noch falscher verstanden als der sich selbst.
Auf welches Innere von Stan Getz (pardon, wir kommen immer wieder auf diesen Klassiker) würden die beiden wohl schließen nach dem, was der in die Konzerträume der Welt gestellt hat?
Wayne Shorter hat in dieser Frage entscheidende Vorarbeit geleistet:
„Wie kann einer so schöne Melodien spielen - und ein solches Arschloch sein?“

erstellt: 12.12.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten