Verlagsbeilagen eignen sich schlecht für Sternstunden des Zeitungsjournalismus.
Kritiker stellen sich dort in den werbenden Dienst für eine Sache. Das weiss man, entsprechend  reduziert man seine Erwartung um einen Schwundfaktor an Glaubwürdigkeit.
Denn Erfahrung lehrt: Kritiker mutieren hier gern zu Propagandisten.
In der Verlagsbeilage der FAS (12.06.2016) zum Rheingau Musik Festival treibt Wolfgang Sandner dieses Spiel durch die Decke, auf den Dachboden der Realsatire.
Remember: Sandner hat eine gute Keith Jarrett-Biografie geschrieben, aber nicht einmal dort haut er dermassen auf die Kacke wie jetzt im Falle unseres Schönsten -
Till Brönner.
Kein Einwand gegen die superlativen Bewertungen von dessen technischer Brillanz auf der Trompete, wohl aber versäumt es Sandner, auch nur ein Projekt zu benennen, wo Brönners handwerklicher Standard auf einen ähnlichen Gipfel künstlerischen Gestaltens, gar Innovation trifft.
Stattdessen verkauft er uns die „Goldtrompete, Silberstimme Und Bronzefigur Till Brönner“ als gleichermassen perfekt auf den Gebieten "Hardcore-Avantgarde, Chanson-Begleitung und Chillout-Jazz“.
Das ist einer, der „nicht die bare Münze des Jazz für Spielgeld in Las Vegas eintauscht.“
Einer mit „Erstwohnsitz in Berlin und Zweitwohnsitz in Los Angeles“, der im „ästhetischen Einwanderungsland Amerika - das unterstellen wir jetzt einmal - überhaupt nicht als irgendwie national charakterisierter Jazzmusiker“ auffällt.
Wir kennen doch unsere Pappenheimer.
Beim Rheingau Musik Festival wird Brönner demnach „mit radikalen Neutönern (...) kompromisslos strikten Avantgardejazz spielen“.
Seine Partner sind aber nicht Alexander von Schlippenbach und Paul Lovens, sondern Günther „Baby“ Sommer und Dieter Ilg.
Dass er mit denen in den „Elfenbeinturm der Avantgarde“ sich einsperren ließe (Bauwerke dieser Art sind  am Mittelrhein bekanntlich so zahlreich wie Burgruinen) müssen die Rheingau-Besucher (der Festivalchef sagt, „Konzertbesucher haben nicht viel Zeit“) nicht befürchten.
Sandner versichert: Brönner sei ein „neugieriger Musiker, der sich nicht in den Elfenbeinturm der Avantgarde einsperren lässt, für den die Miete - wie man mittlerweile weiß - immer unerschwinglicher geworden ist.“
Nun wird´s brandheiß auf dem Boden der Realsatire. Wen will das Reflexivpronomen „den“ in diesem Falle meinen?

erstellt: 12.06.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten