Keith Jarrett spielt im Olymp des Abendlandes, im Wiener Musikverein. Für Zeit online ist der Schriftsteller Clemens Setz dabei.
Setz ist noch jung, 34, es ist seine erste Live-Begegnung mit Jarrett. Insofern kann man ihm kaum verdenken, dass er eine Zeitlang braucht, seine Rolle als Zuhörer auf das Maß zu minimieren, das dem des erforderten reg- und lautlosen Zeugen am Hofe entspricht. Am Hofe eines Meisters, über den einer seiner Diener sagt, er habe „Adleraugen“.
Der Meister hatte zu diesem Zeitpunkt die Bühne bereits wieder verlassen. Denn zuvor hatte er mit tierischem Blick etwas Schlimmes entdeckt:
„Ich spiele nicht eine einzige Note auf diesem Klavier, bis die zwei Personen, die Fotos gemacht haben, das Gebäude verlassen haben!“ Unsicherer Applaus. „Sie, die neben diesen Personen sitzen, haben hiermit meine Erlaubnis, die betreffende Person zu nehmen und hinauszubegleiten. Ich warte derweil hinter der Bühne.“
Ein unbeteiligter Mann, so Setz, versteht die Botschaft als „Aufruf zur Denunziation! Mir ist schlecht!“ - und verlässt den Saal.
Ab da weiß der Schriftsteller nichts mehr zur Musik zu sagen, er hat nur noch Augen und vor allem Ohren für die Begleitumstände:
„Das hier ist nicht für uns. Es ist eine Aufnahme. Wir sollten nicht hier sein. Wir stören.“
Ok, das ist - für jeden erkennbar - nicht die Haltung eines Rezensenten, sondern eine Rhetorik, die die sozialen Rollen im Raum „Konzert“ kritisch in den Blick nimmt.
Sie ist allemal erfrischender als die Einfalt, ja die Unterwürfigkeit der Jarrett-Versteher, die „an seiner inneren Seelenlandschaft teilhaben“, und wie sie Ulrich Habersetzer in BR-Klassik idealtypisch auf Linie bringt.

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Foto:

Daniela Yohannes
ECM




 

Setz´ Beitrag löste eine Lawine von über 70 Kommentaren aus. Darunter mehrere, die Keith Jarrett empfehlen, es Glenn Gould (1932-1982) gleichzutun, vulgo: nicht mehr öffentlich aufzutreten.
Es ist ja in der Tat die Frage, warum der Künstler, wenn er denn so leidet, immer wieder das Publilkum sucht. Abgesehen von der Finanzfrage (Konzerte bringen mehr als CD-Verkauf) wäre ja doch interessant zu erfahren, ob das mögliche Motiv „Inspiration/Herausforderung“ die immateriellen Kosten aufwiegt.
Kommentar Nr. 69 ist kurz und besteht aus kaum mehr als einem link in eigener Sache:
Er stammt von einem Schriftsteller-Kollegen, von Alban Nikolai Herbst. Es ist der beckmesserischte von allen insoweit, als er fast ein jedes Wort von Setz umdreht und zurückwirft.
Herbst verficht furios die These: „Der Künstler darf alles!“

„Als Rezipienten haben wir sie, solche Macken, zu akzeptieren, auch weil vielleicht die Kunst ohne sie nicht zu haben ist, nicht eine solch hohe von dieser ungeheuren Seltenheit.“
Dem muss man nicht zustimmen. Aber, das Gegengift mal in Reinkultur zu betrachten -
das hat auch was…

 

erstellt: 20.07.16
©Michael Rüsenberg, 2016. Alle Rechte vorbehalten