Das Großfeuilleton übt sich in einer Disziplin, die zwar nicht zu den olympisch legitimen zählt, aber menschlich hochanständig ist, wie man im Sport zu sagen pflegt.
Es ist das Zurückrudern.
Andrian Kreye von der SZ hat ein Konzert von Kamasi Washington besucht.
Hatte er im Frühjahr noch die Meute derer angeführt, die in dem Saxophonisten aus Los Angeles einen neuen Jazz-Messias zu hören glaubten (in Kreye´s Formulierung:
„...als hätte die Jazzgeschichte nur darauf gewartet, endlich auf den Punkt zu kommen.“),
so verlässt er heuer die Münchner Unterfahrt in deutlich gedämpfter Begeisterung.
Ja, er gibt sogar denen, die anderer Meinung sind, ein wenig Raum:
„Die ersten Zweifler fanden sich rasch. Man kann es ihnen nicht verübeln...“.
Kreye begibt sich mitten unter sie und führt Quellen auf, derer Washington sich bedient hat. Aber selbst im Dieb sieht er noch einen Widerständler, weil es sich dabei oft um Kapitel der Jazzgeschichte handele, „die ungern zum Kanon gezählt werden.“
Live z.B. stoße seine Bläserfront „auf die späten Crusaders, die im Jazzkanon eher die Ausverkaufsrolle spielen.“
Wer auch immer diesen Kanon bestückt, Marcel Doppel-RR (1920-2013) hat leider nur einen Literatur-Kanon hinterlassen.
Von Washington und den seinen wird in Zukunft noch viel zu hören sein, allerdings:
„sie werden den Jazz nicht erneuern. Aber sie werden ihn entscheidend öffnen.“
Öffnen ist immer gut, im Sport wie auch im Jazz.

 

erstellt: 23.11.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten