Der Zirkulationsagent, der den Kritiker verdrängt, wie von Hans-Magnus Enzensberger vor etlichen Jahren prognostiziert, er hat das wenige, was Der Spiegel zum Jazz zu sagen weiss, voll im Griff.
Der Unterschied zwischen Waschzettel-Text (so werden die werbenden Verlautbarungen der Labels genannt) und Rezension ist aufgehoben. Die Textsorte „Jazzkritik“ ist, was die Ebene der Beschreibung betrifft, dort in den Händen derer, die von Jazz-Geschichte und -Gegenwart keinen blassen Schimmer haben, sondern in Popmanier das fremde Revier nach Haltung und „Helden“ absuchen.
So ist ist die Box „10 Years Solo Live“ von Brad Mehldau für Tobias Rapp offenkundig deshalb Anlass für eine „Jazzkritik“, weil Mehldau dort zeigt, „was sich aus Popsongs machen lässt.“ (Spiegel 47/2015)
Mit seinem positiven Urteil darüber rennt Rapp offene Türen ein, eine Bewertung dessen Interpretation von Standards, beispielsweise des für Mehldau schwierigen „This here“, bleibt aus.
Kein Mangel dagegen herrscht an Benotungen der Großwetterlage:
Die Solokonzerte Keith Jarrett´s? - „sie führten auch in eine der zahlreichen Sackgassen, in denen das Genre in den vergangenen Jahrzehnten gelandet ist“.
Rapp staunt: „Eigentlich hat der Jazz, die große Musik des 20. Jahrhunderts, dieser Soundtrack zur Emanzipation des Menschen, nichts von seiner Anziehungskraft verbüsst.“
Das Leben in einer solchen dead end street (Achtung, alter Kinks-Titel!) scheint so übel gar nicht zu sein, ist doch Keith Jarrett immerhin gelungen, „Jazz zur Kunstreligion“ zu promovieren.
Jedoch: „...eine Heldengeschichte ergibt sich daraus nicht - es wird dabei einfach kein neues Territorium erschlossen.“
Das Rettende ist nahe schon, es trägt den Namen ... Kamasi Washington.
Die Begründung dafür ist so unterirdisch, dass sie mit ihrer Schubumkehr eine neue
Textsorte generieren könnte, nennen wir sie „reversed history“.
Also, Washington „(spielt) einen spirituellen Jazz mit Black-Power-Anklängen, wie er auch Anfang der Siebziger schon hätte gemacht werden können.“
Ja, hätten John Coltrane, Pharoah Sanders, McCoy Tyner und Creed Taylor (mit seinem CTI-Katalog) doch nur die Zeichen der Zeit erkannt...

PS: Rapp insinuiert, das Jazzfest Berlin „hätte ihn (KM) liebend gern gehabt, Washington wollte nicht. Er spielte lieber in einem Hamburger Rockladen.“
Dazu stellt Richard Williams klar, er habe KM schon vor der Veröffentlichung des Albums „The Epic“ zu kontaktieren versucht, ergebnislos.
„Nothing more happened after that. I got on with other plans.“

 

erstellt: 13.11.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten