Man möchte wirklich nicht Michael Wollny sein dieser Tage.

Da säße man in Leipzig, vielleicht beim Frühstück mit Frau und Kind, hernach schaute man ins Internet - und sähe sich einem shit storm ausgesetzt, beinahe täglich.

Nichts Böses diesmal, sondern ausschließlich das Gegenteil, positive Urteile, Lobhudeleien, gewagte Vergleiche, auch das nicht leicht zu ertragen.

Der Wollny ist ein netter Kerl, er redet nicht wie Kamasi Washington, die schreiende Unkenntnis seiner künstlerischen Bemühungen, die aus diesen Stimmen spricht, dürfte meilenweit an seinem Selbstverständnis vorbei gehen.

Z.B. wenn mal wieder Janko Tietz auf Spiegel Online einem Künstler durch seine Zuneigung die Luft abschnürt:

"Seit einem Jahrzehnt ist er (Michael Wollny) der Star der deutschen Jazz-Szene, macht alte Recken wie Klaus Doldinger, Joachim Kühn oder Albert Mangelsdorff langsam vergessen."
Man sieht förmlich, wie bei Wollny in Leipzig die Kinnlade herunterfällt, dass er zum Hörer greift und eine Telefonnummer auf Ibiza wählt. Es meldet sich Joachim Kühn.
Und beide Pianisten wiehern vor Lachen, weil doch der jüngere schon vor 13 Jahren, bei seinem Studium in Würzburg, mit dem "Vergessenmachen" des älteren begonnen hat - in Form einer Diplomarbeit. Über den älteren.

erstellt: 29.10.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten