Wenn Improvisation - dann Jazz!
Viele aus unserer schönen kleinen Welt glauben diese Gleichung.
Sie fallen aus allen Wolken, wenn sie hören, dass auch Bach, Mozart, Beethoven und Liszt improvisiert haben.
Dass im Prinzip jede Konversation improvisiert ist.
Nur, dass es sich dabei um eine andere Art der Improvisation handelt.
Die amerikanische Musikphilosophin Lydia Goehr gibt uns zwei Begriffe zur Hand, die sehr gut die unterschiedlichen Arten des Improvisierens trennen:
Improvisation Extempore, das ist demnach die verabredete, die uns vertraute Improvisation in der Musik, in der Kunst, im Tanz.
Stellen wir uns dagegen vor: „wir sind plötzlich konfrontiert mit einem Bruch, mit einem Problem, einem Notfall, und zwar in allen Bereichen des Lebens. Wir müssen eine rasche Lösung improvisieren.“
Goehr nennt dieses viel häufigere Prinzip Improvisation Impromptu.
Betont aber, dass sich beide Formen in der „großen Grauzone des täglichen Lebens bisweilen auch vermischen“.
Wird auch in der Politik improvisiert?
the triumph of improvisationDen gründlichsten Beitrag zum Thema liefert 2014 der Historiker James Graham Wilson aus dem US-Außenministerium mit einer Studie zum Ende des Kalten Krieges.
Die Art, wie Ronald Reagan und Michael Gorbartschow zusammenwirkten, kulminiert bei ihm zu einem Buchtitel „Der Triumph der Improvisation“.
Wir haben es nicht gelesen, wohl aber der Humboldt-Historiker Jörg Baberowski. In der FAZ (14.07.2014) resümiert er:
„Was lernen wir aus dieser Geschichte? Dass Entscheidungen aus Situationen entstehen, dass Politik Improvisation und nicht Planung ist und dass Politiker die Gunst der Stunde nutzen müssen, um durchzusetzen, was sie sich vorgenommen haben.“
Nun gut, den letzten Teil dieser Aussage wird man in der Flüchtlingsfrage für Angela Merkel wohl ausklammern müssen (obwohl in ferner Zukunft Historiker uns eines anderen belehren könnten).
Aber ist „Wir schaffen das!“ nicht ein Aufruf zur Improvisation (Impromptu)?
Der z.B. in der bayerischen Landeshauptstadt kollektiv befolgt wird ("München improvisiert", FAS 27.09.15)
Dublin gilt nicht mehr, der Königssteiner Schlüssel klemmt, Behörden arbeiten am Anschlag, das politische Regelwerk scheint ausgesetzt, „zum ersten Mal in der deutschen Geschichte organisieren die Bürger selbst die Nothilfe“ (Gustav Seibt in der SZ, 23.09.2014).
Sind sie nicht alle, die Kanzlerin vorneweg, Improvisers in Residence?
In der Residenz Deutschland!

erstellt: 25.09.15, ergänzt 27.09.
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten