Was´n hier los?
Hat es Stuart Nicholson mit seiner windigen These, wonach Jazz in Europa eine neue Heimat gefunden habe, bis ins erste Buch der Zeit, den politischen Teil, geschafft?
Jedenfalls titelt dort, auf Seite 3, einer der stellvertretenden Chefredakteure, Bernd Ulrich:
Europa ist jetzt Jazz.
Das Thema, das er in 11 Thesen abhandelt, ist - selbstverständlich - nicht die Musik, genannt Jazz, sondern Griechenland und die Folgen. Er plädiert für „andere Lösungen“ als die bisherigen:
„Man mag das beklagen, aber was ist schlecht am Improvisieren, an Versuch und Irrtum, zumal die EU in so vielen Bereichen schon solide und tragfähig integriert ist?
Europa ist jetzt Jazz.“
Bernd Ulrich setzt also „Improvisieren“ gleich mit „Jazz“.
Einige werden sich nun freuen, dass das unser Genre-Begriff so weit in den Bereich des Politischen vorgedrungen ist.
Aber ist damit für unsere schöne kleine Welt irgendetwas gewonnen?
Ulrich bringt, wie vor ihm die Manager, eine Tüte heisser Luft zum Platzen.
Bis zum Abwinken haben die Jazz-Philosophen betont, zuletzt Daniel Martin Feige, dass
„Improvisation zwar ein wesentliches Merkmal des Jazz, aber kein definitorisches (ist)“.
In ihrer Sprache: Improvisation ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Jazz.
Das klingt wichtigtuerisch, bewahrt uns aber vor allerlei Fehlschlüssen.
Anders gesagt: Improvisation ist das Einfallstor für alles Mögliche, u.a. Jazz. Aber um Jazz zu sein, braucht´s schon noch weitere Eigenschaften (einen bestimmten Rhythmus, eine bestimmte Tongebung, bestimmte Formen und Klangfarben).
Der Jazzgehalt eines Verständnisses von Improvisation a la Ulrich ist Null, ein jedes Gespräch ist improvisiert - Improvisation ist ein Prinzip des Lebens.

 

erstellt: 29.07.15
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