Es ist noch nicht lange her, da war man beim Münchner ACT-Label ratlos, warum man am anderen Ende der Stadt, bei der Süddeutschen, keinen Fuß in die Tür bekam.
ECM, immer und mit Elogen, für einen ACT-Künstler gab´s´ allenfalls mal einen Fußtritt, als jener es wagte, den Stadion-Rock von AC/DC im Klavierformat zu beleuchten.
Seit diesem Wochenende ist das anders, da schmilzt ein Feuilletonist (Alex Rühle) vor Michael Wollny so dahin wie einst vor Keith Jarrett (und, fasten seatbelts, zieht letzteren zum Vergleich heran).
Dass Wollny Alban Berg covert
(nebenbei, Bobo Stenson hat das schon 1997 getan, von Chick Corea ganz zu schweigen, der dem 12Töner 1979 ein Stück widmete)
und davon spricht, dessen Musik sei „so aufgeladen, das zerreißt fast“, haut den SZ-Mann so um, dass er von Jazz gar nichts mehr wissen will:
„Aufgeladene Musik. Genau. Den Begriff Jazz sollte man vielleicht eh einfach mal entsorgen.“
Gut so. Und danke, dass nicht auch noch ein verschimmeltes Zappa-Zitat obenauf gelegt wird.
Aber, Keith Jarrett. Wer, wie Rühle, Michael Wollny „zu den Besten im Jazz zählt“ und auch bei Jarrett schon mal eine Audienz hatte, kommt wohl nicht umhin, eine Linie zu ziehen, anhand des neuen Albums des nun Leipziger Pianisten, „Nachtfahren“:
„Wollny ist gerade mal 37 Jahre alt, aber man muss an große Alterswerke wie Keith Jarretts ´Melody at Night with You´ denken“.
In der Tat äußert Keith Jarrett hinsichtlich dieses Albums (1999) Intentionen, die den „Nachtfahrten“ zu Grunde liegenden nicht ganz fern sind:
„Ich habe mich gewissermaßen von Jazz-Harmonien entgiftet, die aus dem Kopf stammen und nicht aus dem Herzen.“
Nicht mal beim Jarrett-Biographen Wolfgang Sandner, dem wir dieses Zitat verdanken und der von Jarrett gern ergriffen ist, rangiert „Melody at Night...“ auf den vorderen Plätzen, an „Alterswerk“ gar nicht zu denken.
„Melody at Night...“ markierte, wie allseits bekannt, seinerzeit den Triumph über eine Krankheit, Jarrett selbst sprach von einer gewissen Kraftlosigkeit. Er steht seit langem wieder woanders.
Den jungen Michael Wollny ausgerechnet dort zu platzieren ... ist nun wirklich kein freundlicher ACT.

 erstellt: 17.10.15
©Michael Rüsenberg, 2015. Alle Rechte vorbehalten