Toll. Wirklich toll, wie das Feuilleton der geliebten Süddeutschen Zeitung auf dem Sektor der Jazzkritik immer wieder neue Volten schlägt.
Jüngster Anlass dazu ist eines von zwei Keith Jarrett-Konzerten in Europa, dasjenige am 22. Mai in Luzern. Ueli Bernays hat dazu in der NZZ alles gesagt, was man im Stile einer kompetenten Rezension sagen kann.
Nun kommt heuer Volker Breidecker in der SZ, ein neues Gesicht, ein neuer Ton, eine völlig neue Perspektive der Jazzkritik, ja der Musikrezeption.
Für die zwei oder drei Leser, die Jarrett nur von seinen Klassik-Einspielungen kennen, breitet er zunächst brav die Voraussetzungen eines solchen Abends mit Keith Jarrett aus:
„Bei seinen Solokonzerten verzichtet der Pianist auf Noten, er trifft also keine Vorkehrungen gegen den Zufall...“
Sodann fällt dass Wort der Improvisation, der „freien Improvisation“, die an jenem Abend in Luzern zu Formen auflief, die der erfahrene Bernays offenkundig gar nicht bemerkt hat:
„Was Jarrett in Luzern musikalisch bot, war die Improvisation einer Werkschau, einer die Ohren des Publikums beglückenden Retrospektive auf die Topographie seines Gesamtwerkes.“
Sehen wir mal von der geläufigen, schiefen „Ohren“-Metapher ab (das Hirn hört, nicht die Ohren, insoweit das Publikum auch nur mittels seiner Hirne beglückt werden kann), so war  die Spitze der Jarrett-Kritik bestenfalls zu der Erkenntnis vorgedrungen, dass der Pianist Muster des bislang Erlernten neu kombiniere.
Wie groß muss die humane Festplatte desjenigen sein, der in der Tonmenge eines solchen Konzertes die Topographie eines Gesamtwerkes identifiziert? Noch dazu, wenn Jarrett dafür lediglich die „Form rund fünf- bis zehnminütiger Etüden“ wählt?
(Mit dem Begriff „Etüde“ hat sich Breidecker allerdings auf ewig einen direkten Zugang zum Haus des Meisters verbaut.)
Und er schleudert obige Diagnose nicht einfach so dahin, er liefert im nächsten Absatz auch den Beleg dessen, was er gehört hat:
„Von ´Bregenz´ bis ´Rio´ über ´Paris´, ´Vienna´ und `Tokyo´durch Mailands ´La Scala´und New Yorks ´The Carnegy Hall´- wie die Mitschnitte seiner immer herausragenden Livekonzerte benannt sind - führte die Reise.“
Am 22. Mai 2015 in Luzern.

PS: Mit Sicherheit hat Volker Breidecker das alles gar nicht so wahrgenommen, sondern nur schlampig formuliert. Allein schon „die Improvisation einer Werkschau“ ist die Quadratur des Kreises.

erstellt: 26.05.15
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